Im Kreuzverhör #44: Y-Titty - "Stricksocken Swagger"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Jannika "Stricksocken Swagger" von Y-Titty in den Ring.
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Ähm, ja. Ich habe irgendwie eine Vorliebe dafür, meinen Redaktionskolleg:innen schlimme Alben fürs Kreuzverhör vorzulegen und habe das Gefühl, damit bin ich die Einzige. Deshalb tut mir das auch immer fast ein bisschen leid. Fast. Ich lese die Texte der anderen dann nämlich viel zu gerne, um mir qualitativ hochwertigere Alben auszusuchen, die einfach nur ein Stückchen außerhalb der AdW-Komfortzone liegen.

Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mit Y-Titty den Vogel eventuell ein bisschen abgeschossen habe.

Es ist 2013, ich bin 12 (ja, Redaktionsküken) und ich warte jede Woche sehnsüchtig auf den Freitag, in Y-Titty-Fankreisen nur bekannt als #FreiTittyTag. Von „Wahnsinnswerbung“ über die Songparodien bis hin zu „Dr. Alles“, ich habe die Videos alle (mehrfach) verschlungen. Dementsprechend hat „Stricksocken Swagger“ nur in die Humorkerbe geschlagen, die die drei Jungs aus der Nähe meiner Heimatstadt bei mir jahrelang geprägt haben. Ich hatte damals sogar die CD, wenn ich mich richtig erinnere. Und ich muss zugeben, „Halt dein Maul“ und „Der letzte Sommer“ laufen spätnachts immer noch auf ungefähr allen Geburtstagsfeiern mit zugänglicher Spotify-Playlist irgendwann und jede:r einzelne kann den gesamten Text auswendig, auch wenn das tagsüber nie zugegeben werden würde. Viele Texte und auch Videos der drei Franken sind absolut nicht gut gealtert, von Auftritten von Joyce über (nicht nur latenten) Sexismus und Fatshaming bis hin zu cultural appropriation ist eigentlich alles vorhanden. Umso schöner, dass nicht nur ich erwachsen geworden bin, auch TC, Phil und OG haben die Y-Titty-Vergangenheit 2015 hinter sich gelassen. Oguz leitet mittlerweile eine faire Influencer:innenagentur, die für tolle Werte steht und auch nur Influencer:innen mit vernünftigen Einstellungen vertritt. Phil macht immer noch Comedy, aber ohne Minderheiten auch nur unbeabsichtigt auf den Schlips zu treten und TC hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. 2010-2014 waren nicht nur gesellschaftlich andere Zeiten und wenn man genau das in die Betrachtung miteinfließen lässt, spricht auch nichts gegen einen kleinen Nostalgietrip in die (immer noch öffentlichen) Archive von Y-Titty. Also außer die Musik.

Für diese Rubrik wurden Freiwillige gesucht und ich dachte mir, wie schlimm kann es schon werden. Schlimm. Sehr Schlimm. Ich habe eine gewisse Aversion zu deutscher Comedy und eine gewisse Affinität zu deutschsprachigem Rap. Deshalb versuche ich meine Reise durch die nächsten Minuten direkt wiederzugeben. Das Album von Y-Titty beginnt mit einem Flow, der wie eine unangenehme Einlage auf einer Familienfeier daherkommt. Aber offensichtlich hat jemand das im Studio durchgewunken. Reimtechnisch so ein bisschen zwischen Hochzeitszeitung und Bushido. Der fünfte "Song" heißt „Einer noch“, das klingt nach einem gnädigen Ende. Aber dann kommen noch 12 "Songs"

"Ein letzter Sommer" bringt einen Dubstep-Beat und im Video tanzen weiße Dudes im Warbonnet, um Maya darzustellen - eigentlich wollte ich nur wissen, wie die aussehen und bin jetzt noch unangenehmer berührt. Hat aber schlanke 33 Millionen Views. Dann kommt ein "lustiges" Lied über einen dicken Menschen, der am Ende explodiert (inklusive Soundeffekt) auf einem Pianobeat mit Streichern. Und "Ständertime" ist so unangenehm wie der Titel verspricht, ernsthaft „Mini-Rock-Safari-Zeit?“

Es folgt ein Remix, der beste Track bisher, weil: nahezu kein Text und ein Beat wie eine D-Seite von der Tante Renate. Und dann gleich nochmal. (Edit: Die gabs auf dem Original-Album wohl nicht, dass ich einen Link zur Deluxe Version bekommen habe verbuche ich mal unter Boshaftigkeit). Nach dem Outro kommt leider doch noch mal sowas wie Musik, indem nochmal Songtitel aufgezählt werden. Einmal tief durchatmen.

Das Beste an diesem Album ist, dass mein Leben im Jahr 2014 offensichtlich zu erfüllt war, um das hier mitzuschneiden. Damals war ich aber auch schon Ende 20 und war politisch und musikalisch sozialisiert. Wer das hier mit 12-14 gut fand ist heute hoffentlich ein Stückchen weiter. Final würde ich sagen, dieses Album ist schlecht gemacht und dazu noch schlecht gealtert.

Johannes ist Sänger der Band Blaufuchs deren neues Album "Daran wird es nicht scheitern" am 20.05.2022 erschienen ist.

Mal ganz im Ernst, warum will ich eigentlich ehrlich gute Alben zu diesem Format beitragen?

Es fühlte sich so an, als wäre die Büchse der Pandora geöffnet worden. Ich hatte Y-Titty, das Ex-YouTube-Trio nämlich komplett aus meinem Gedächtnis verbannt, vor allem weil es mir heute noch exorbitant peinlich ist, dass ich das alles früher unterhaltsam und hochwertig fand. Allein der Namen „Stricksocken Swagger“ bietet schon so viel Fläche, um zu beschreiben, warum dies wirklich das Grausigste ist, was ich in den letzten Monaten, nein Jahren gehört habe. Ja, ich weiß „Haha, das meinten die ja nicht ernst“ und „Man muss das ja schon eher aus der Comedy-Perspektive sehen“. Blah Blah, auch Erzeugnisse dieser Art, die weniger ernst gemeint sind, können gut klingen. Trailerpark, Kotzreiz, Knorkator und viele mehr beweisen dies schon seit Jahrzehnten. Aber gut, gehen wir es ohne Vergleiche an. Auf „Stricksocken Swagger“ bedienen sich Phil, TC und OG (Ja, das musste ich googeln) der simpelsten Mittel, um ein Pop-Hip-Hop-Album zu liefern. Simpelste Beats, Stereotypen und immer die gleichen altbekannten, dummen Witze. Dazu kommt die Tatsache, dass keiner der drei auch nur ansatzweise daran denkt, gut zu rappen oder zu singen. Dieses Album ist wirklich großer Schmerz und ich verstehe es nicht, ich verstehe nicht, wie sich jemand das anhören konnte und gesagt hat „Ja, das kann man so rausbringen“ oder „Mama, ich will bitte das Y-Titty-Album zum Geburtstag haben!“. Das ist einfach geistige Körperverletzung, sowohl musikalisch als auch textlich.

Der Tag, an dem sich Y-Titty aufgelöst haben, sollte ein Feiertag sein, allein wegen dieser knappen Stunde voller dummer Gags. Und Jannika, wir sind jetzt mehr als quitt, weil ich Caskets keine höhere Wertung gegeben hab!

Wir hatten hier ja schon Alben allerlei Couleur, da war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand in ihrer dunklen Internetkindheit wühlt und ein cringiges YouTube-Album auspackt. Und siehe da, Jannie hat uns quasi “Cringe: das Album” vorgelegt. Bevor ich hier jetzt gleich abkotze: Ja, Y-Titty sind ja schon irgendwie wichtig, so rein “historisch”. Ich meine, welche YouTuber:innen aus den Kindertagen der Plattform kennen eure Eltern? Genau, “die mit dem ‘Ihr Schweine habt mich angemalt.’” Diese drei – aus heutiger Sicht – semi-lustigen Internetpersönlichkeiten haben es mal eben geschafft, das Content aus dem Internet auf einmal mehr sein kann als Katzenvideos und Raubkopien in 240p. Ohne Y-Titty wären die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wohl erst viel später auf den Zug aufgesprungen und uns wäre eine Menge hochwertig produzierter, journalistischer Inhalt abhanden gekommen. Ohne Y-Titty hätten Künstler:innen wie Fewjar oder Dat Adam wohl nie die Transformation zu Vollzeitmusiker:innen durchlaufen und Rezo hätte die CDU nicht zerstört.

So, da das jetzt aus dem Weg ist, kann ich ja jetzt meine Abneigung gegen “Stricksockenswagger” verbalisieren. Es ist ja schon Wahnsinn, wie viele verschiedene Genres Y-Titty mit einem einzigen Album abdecken können: glattgebügelter Indierock á la The Wombats (“Halt dein Maul”), seelenloser EDM, den man auch bei einer beliebigen Großveranstaltung in der Veltins-Arena laufen lassen könnte (“Einer noch”), überproduzierter Taio-Cruz-Pseudo-RnB (“Wir sind da”) und sogar Budget-Beyoncé-Boom-Bap (“Ständertime”). Ganz großes Kino… Und dann diese Texte. Okay, das Zielpublikum sind (oder vielmehr, waren) pubertierende Teenager und jünger, aber das lyrische Können der drei Bandmitglieder schwankt irgendwo zwischen grenzdebiler Impro-Comedy und latent-sexistischem Pop-Schlager. Da bin ich dann doch froh, dass Phil Laude mittlerweile für Funk Sachen macht, die ich zwar auch nicht immer gut, aber nie so ätzend finde wie “Stricksockenswagger”.

In letzter Zeit hatte ich das Gefühl, dass das Kreuzverhör-Format sich allmählich wieder zu seinen längst vergessenen Wurzeln zurückentwickeln würde. Ursprünglich mal als Format gedacht, in dem wir uns musikalisch aus unserer "Komfortzone" bewegen, wie es in den Teaser-Texten dieser Artikel nach wie vor mit gewisser Häme steht, war es eigentlich irgendwann zur reinen Folterkammer verkommen. Das sorgte grundsätzlich auf jeden Fall immer für die unterhaltsameren Artikel und ich will mich auf keinen Fall beschweren. In letzter Zeit hatten wir hier aber sogar wieder Sachen wie "The Dark Side Of The Moon", das eh über jeden Zweifel erhaben ist. Und Leute, die darüber pure Kritik üben, fliegen bei uns eh aus der Redaktion (oder?). Nun hat Jannika sich also wieder dafür entschieden, ein kompromissloses Hassobjekt in den Diskussionsäther zu kotzen. Auch ich war mal 12 und fand Y-Titty irgendwie lustig. So erinnere ich mich auch noch an ein paar der Gräueltaten, die hier auf Platte versammelt sind. Bei "Ständertime" weiß ich gar nicht, was am schlimmsten ist: Der grenzdebile Text über männliche Erektionen, der Synthesizer, der klingt, als wäre er direkt aus der mitgelieferten Fruity-Loops-Soundbibliothek übernommen worden oder die befremdlich hochgepitchte Stimme in der Hook. Generell bin ich beeindruckt, wie genau Y-Titty ihre Zielgruppe zu kennen scheinen. Masturbierende Teenager haben scheinbar keine anderen Gedanken als mit ihrer Lehrerin zu schlafen. Außerdem mögen sie Hashtags (mega edgy Thema) und Zocken (gut, den Teil kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen). Bei "Der letzte Sommer" erinnere ich mich dann daran, dass die Hook mir selbst damals schon zu doof war. Kurz aber mal ernsthaft: Insgesamt bin ich wirklich beeindruckt, wie "Youtube-Musik" damals noch klang, denn so dünn wie das Ganze hier produziert und geschrieben ist, traue ich dem Trio fast zu, das alles hier wirklich noch in die eigene Hand genommen zu haben. Was für ein Riesenunterschied zu den Gigant-Produktionen von Shirin David oder Katja Krasavice, die heute den Markt beherrschen und an denen wirklich alles lupenrein, hochwertig und teilweise sogar erwachsen und weitsichtig ist. Irgendwie ist "Stricksocken Swagger" mit diesem Gedanken sogar eine halbwegs sympathische Erinnerung an eine Zeit, in der Youtube wirklich noch das Werk einiger bekloppter Nerds war. Macht die Musik nur unwesentlich besser, aber immerhin verständlich.