Milliarden - Betrüger

Nachdem Milliarden mit ihrer ersten EP „Kokain & Himbeereis“ schon so einige Menschen neugierig auf ein Album gemacht haben, erschien am 12.08. nun endlich ihr Debütalbum “Betrüger”.
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Wie auch schon auf der EP kommen Milliarden auf „Betrüger“ mit gnadenlos ehrlichen und intelligenten Texten daher. Lieder, die jeden Treffen und unter die Haut gehen. Ein Wechsel zwischen Gut und Böse, fröhlich und melancholisch, Liebe und Gewalt. Das Ganze verbunden mit der unverwechselbaren kratzig-schönen Stimme des Sängers Ben und einem Sound, der sich nicht so einfach in Schubladen packen lässt, erschaffen Milliarden eine musikalische Therapie für das Herz und die Seele.

Der Name „Betrüger“ ist nicht ohne Grund gewählt. Es geht ihnen um den Betrug an der Wahrheit, an der Wahrhaftigkeit. Es geht um die Wahrheit der Betrüger. Und es geht im Umkehrschluss um die Sehnsucht und Suche nach einem Gegenentwurf zum gelernten Lebensentwurf. Milliarden singen auf ihrer Platte übers Leben. Mit all seinen Widersprüchen. Mit all den Grenzen, die man Tag für Tag überschreitet.

Mittelpunkt dieses Albums stellt wohl das Lied „Blitzkrieg Ballkleid“ dar. Ein Lied, in dem der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird und nur so voller Gegensätze steckt. Anfangs denkt man, dass wahllos Begriffe in den Raum geworfen werden. Wenn man aber genauer hinhört, sind es Dinge, die man scheinbar nicht im Einklang findet, aber dennoch so gelebt werden. Es zeigt, in wie weit eine eigene Attitüde doch mit anderen, scheinbar gegensätzlichen Sachen, übereinkommen (Antifa – Iphone). Durch die Symbiose von Bens Gesang und dem Geschrei von Johannes entsteht hier ein sehr punkiges Lied zum Tanzen und Mitgrölen (“Ja das bin ich, ja das bin, ich spiegel mich in deinem Gesicht, ich spiegel dich”).

Zum Tanzen und Mitsingen lädt aber nicht nur „Blitzkrieg Ballkleid“ ein. Schon der Opener und vorab veröffentlichte Single „Oh Chérie“ lädt mit einem eingängig twistigem Sound zum Tanzen und Singen ein. In dem Song geht es um dein Einklang von Gewalt und Leidenschaft, Liebe und Schmerz. Auch hier wird wieder das scheinbar Gegenteilige zelebriert, was aber doch ein jeder aus Beziehungen kennt. Liebe und Beziehung ist, wie im Leben, ein großer Teil des Albums Betrüger. „Im Bett verhungern“, einer wunderschönen Ballade über bedingungslose Liebe und Sehnsucht. Wie der Titel schon sagt, geht es darum lieber Zeit miteinander zu verbringen, als lebensnotwendiges zu tun. Bedingungslose Liebe, auf eine andere Art und Weise, findet man ebenfalls in dem mit Bläsern und poppig anmutenden Song „Zucker“ Liebe, die soweit geht, dass man sich selber in Gefahr bringt. In dem Stück geht es um ein Paar, in dem ein Part sich selbst zerstört. Der andere Teil versucht das Ganze zu retten und bringt sich dabei aus Liebe selber in Gefahr bringt und sich damit im Endeffekt aus Liebe selber zerstört. „Wie Nikotin in meiner Lunge, sie ist das Gift in meinem Blut. Sie ist der Zucker auf meiner Zunge. Sie tut mir weh sie tut mir gut“ Zerstörte Liebe, Verzweiflung ist der Mittelpunkt im herzzerreißenden „Bleib Hier“. Frei nach dem Motto „Ich hasse dich, verlass mich nicht“ - „wenn du das immer noch willst, dann mach mir ein Kind. Nur bleib hier und ich belüg dich nicht mehr, nie mehr“

Zum Leben gehört aber nicht nur die Liebe. In „Katy Perry“, dass logischweise nur so von Pop-Musik strotzt, wird vom Erleben und Scheitern erzählt. Hierbei wird in den Strophen der Alltag zitiert: ein Leben im Existenzminimum, gescheitert, voller Selbstzweifel, ohne Hoffnung und gleichzeitig im Refrain das Gegenteil behauptet: alles und jeden steht für einen bereit, man muss nur danach greifen: „Die Sterne sind für mich gemacht, führen mich sicher durch den Nacht. Doch jeden Abend komm ich Heim führ mich Scheiße und allein“

Gegensätzlich dazu kommt „Milliarden“ daher: Milliarden singen über das was sie sind und wie es zu dem Namen kam. Eine Milliarde ist eigentlich ein nicht greifbarer Begriff, fernab von jeder Vorstellung, vor allem für den kleinen Mann. Doch es sind andere Dinge im Leben: Spaß, Freundschaft, Liebe, die einen dazu bringen zu sagen: „Ohne was zu haben – habe ich Milliarden“ und zwar in dem man das Leben einfach so genießt, wie es ist und das Beste daraus zu machen Auf „Betrüger“ geht es aber nicht nur um das eigene Leben, die verschwimmenden Grenzen, die Zerrissenheit zwischen den Extremen, sondern auch wie man aus der eigenen Norm und den auferlegten Zwängen ausbricht. In „Freiheit ist ne Hure“ was den einen oder anderen schon aus der vorangegangenen EP bekannt ist geht es um den Umbruch der Gesellschaft. Genauso wie in „Ende Neu“. Alles Auf Null, einen Neuanfang schaffen. Den Zerfall beenden und alles über den Haufen werfen.

Musikalisch lassen sich Milliarden in keine Schublade packen. Genauso wie ihre Texte von dem Bewegen zwischen den Extremen handeln, so verbinden die Jungs eingängige Rockmelodien, mit poppigen Elementen. Und testen auch dort die Grenzen aus. Ob beim twistigen „Oh Chérie“ oder beim extrem poppig gehaltenen „Katy Perry“, bis hin zum einfach ruhig gehaltenen „Im Bett verhungern“ Textlich erinnert das Ganze an eine Mischung aus Einstürzende Neubauten, Rio Reiser und Joy Devision. Letztere bekommen auf der Platte eine Hommage im Lied „Friedrichsdorf“. Eine Ballade über den Ausbruch aus der Struktur, Banden gründen, aus dem Alltag fliehen und sich dann doch verzweifelt im Versagen verletzen.

Milliarden verbinden sowohl textlich, als auch musikalisch das Alte mit dem ständig gegenwärtigen und schaffen so etwas neues. Derjenige, der die Band rund um Ben und Johannes noch nicht kennt, wird sie demnächst kennenlernen und nie vergessen. Was die Jungs da erschaffen haben, ist etwas was riesiges Potential hat, was ganz Großes zu werden, ohne unsympathisch zu wirken. Etwas, was einfach verschlungen und aufgesogen wird. Etwas mit dem sich jeder identifizieren kann. Letztes Jahr waren sie noch ein Geheimtipp, dieses Jahr sind sie auf dem besten Wege, dass sie zeitnah in aller Munde sein werden. Nicht nur auf Platte sind die Jungs wärmstens zu empfehlen. Man sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, eine schweißtreibenden Shows zu besuchen.