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Lyschko und „Stunde Null“: In der Phase nach dem Sturz ist alles möglich

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So, 10.03.2019 - 17:09
„Stunde Null“ ist per se ein bedeutungsschwangerer Titel. Doch so hoffnungsvoll wie er auf den ersten Blick erscheint, sind Lyschko gar nicht. Ihre Musik klingt eher nach Resignation als nach Aufbruch in die neue Neue Deutsche Welle.

Unter dem Namen Cuckoo tätigte man bereits vier kleinere oder größere Veröffentlichungen. Nun erscheint unter dem Namen Lyschko die Debüt-EP „Stunde Null“. Das, was vom Namen her so viel Hoffnung und Potenzial verspricht, wie die Blase nach einem Systemzusammensturz, in der kurzzeitig alles möglich ist, erscheint im Lichte von Lyschkos Texten eher wie eine Illusion zum Selbstschutz. Manch einer träumt an diesem Punkt von Freiheit und Anarchie, für andere ist es nur der Anfang vom Ende und die Naiven harren aus, bis der Fünf-Uhr-Dreißig-Bus wieder wie gewohnt zur Frühschicht fährt.
Sängerin Linas Texte sind geprägt von Resignation, Orientierungs- und Machtlosigkeit. Gebettet im mal sanften, mal majestätisch wallenden Post-Rock-Kaftan vermitteln Lyschko das volle Spektrum des Gefühlschaos der Generation Y. „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ um es mit Prechts Worten zu sagen. Die Lyrics werden durch Fragen wie „Wer kontrolliert mich eigentlich und was obliegt mir noch selbst?“ ergänzt und durch die schonungslose Einsicht, dass man nicht gewinnen kann. Nicht gegen den weltumspannenden Kapitalismus, gegen eingefahrene Gesellschaftsstrukturen, gegen verbohrte Gemüter und undurchsichtige Machenschaften von Groß und Klein und erst recht nicht gegen die Engstirnigkeit der Provinzen. Was man selbst richtig macht, machen andere dafür scheinbar umso verkehrter. Doch Lyschko sind über den Punkt des Parolenschreiens hinweg, wirken stattdessen im Opener „Gang vor die Hunde“ regelrecht mutlos. „Eine gemischte Tüte // Gemischte Gefühle // Müde Augen umgeben mich // Sind es deine? Sind es meine? // Ich weiß es nicht //“ und täglich grüßt das Murmeltier, sowie die willkommene Ablenkung und das Gefühl, dass man da eigentlich nicht reingehören will, aber irgendwie auch keine Wahl hat. Sonst ist man letztlich ganz allein.

Textlich erinnern Lyschko schnell an Die Nerven und Jennifer Rostock. Letzteres liegt insbesondere an dem sympathischen Kieksen in Linas Stimme, wie man es auch bei Safi von Milliarden des Öfteren zu hören bekommt.
Musikalisch spielen die fünf Solinger pragmatisch und düster auf. Echoende Gitarrenmelodien und hektische Bassläufe, die sich klanglich zwischen Post, Alternative und Wave einordnen lassen. Sich selbst bezeichnen Lyschko als NEUE NEUE DEUTSCHE WELLE. Aber auch, dass heutzutage nichts mehr wirklich neu ist, stellen Lyschko auf „Stunde Null“ in ihrer pragmatischen Abgebrühtheit fest.
Ohne zu wissen, was sie suchen, haben sie, naja, irgendetwas gefunden - und was auch immer es ist, es führt zu fantastischer Musik und Texten, die vor mitreißendem Nichtwissen nur so strotzen. Dennoch haben Lyschko Visionen, aber wer setzt sie um? Wer gibt einem die Kraft und den Mut, es selbst zu tun?
Es fühlt sich an, als führen die fünf Songs auf „Stunde Null“ allesamt zu der Frage, was im gläsernen Menschen eigentlich noch zu finden ist, was man nicht sowieso schon kennt und tausend Mal gesehen hat.