Alkaline Trio und "Blood, Hair, And Eyeballs": Nostalgie mit Zukunft

Der Hype ist real. Pop-Punk und artverwandte Spielarten sind seit geraumer Zeit zurück im Scheinwerferlicht - nicht immer authentisch, oft mit großem Dollar-Zeichen in den Augen. Nostalgie verkauft sich gut, kann aber auch für schöne Momente sorgen. Das Alkaline Trio stellt dies unter Beweis.

Bei kritischer Würdigung der Tracklist erscheinen diverse Titel austauschbar, beinahe abgedroschen. Narben, Teenager-Herzen, Weltschmerz und Melancholie; wie authentisch kann dies von Mittvierzigern vorgetragen werden? Sind diese Themen nicht zur Genüge auserzählt? Ja und nein. Ja, wenn es zu sehr nach Gelddruckmaschine und dem Melken jahrelanger, inzwischen zahlungskräftiger Kund*innen riecht. Nein, wenn sich in die Nostalgie zukunftsgewandte Sounds und Spielwitz mischen.
Reden wir als von Spielwitz: "Hot For Preacher" bedient das kultruelle Erbe der sich bedauerlicherweise auf Abschiedstour befindlichen Sum 41. Punk-Rock mit metallischer Breitseite, der dadurch auch die Schwelle monotonen Getrommels überwindet. Ein gelungener Einstieg, dem "Meet Me" unmittelbar im Windschatten auflauert. Doch statt das Erfolgsrezept fortzuführen, versprüht dieser Song weniger Eindeutigkeit als der Opener. Verspieltere Strukturen, die den weiteren Fortgang offenlassen, um schlussendlich zwischen gelungener Melodieführung und unprätentiösem Refrain zu mäandern.

Das Alkaline-Trio nimmt sich im Angesicht obsoleten Szene-Klein-Kleins stilistisch gehörig Beinfreiheit heraus. "Teenage Heart" ist noch erwartbar (gut gemacht), "Shake With Me" ist wiederum schon dergestalt melodisch, dass die Grenze zum Pop nurmehr metaphorisch besteht. Bei den ersten Klängen von "Scars" deutet der Blinker noch in eine Ska-beeinflusste Richtung, ehe der Chorus einen gänzlich anderen Eindruck vermittelt. "Versions Of You" ist ein auf Anhieb überzeugender Rocksong, der eine druckvolle Ladung 2000-er Lebensgefühl getankt hat. Entsprechende Kleidungsstile und Albumcover tauchen unwillkürlich vor dem inneren Auge auf. Gleiches gilt für die weiteren, hier nicht dezidiert aufgeführten Stücke. Das vermittelte Gefühl übersteigt die magische 3-Minuten-Marke um Längen.
Zu Buche steht in der Gesamtschau ein beeindruckendes Album, was bei näherer Betrachtung der derzeitigen Bandbesetzung auch nicht weiter verwundert. Wie gelungene Studioarbeit aussieht, wird allen Beteiligten bewusst sein. Verwundernd ist allenfalls, dass "Blood, Hair, And Eyeballs" ein derart hohes Maß an Durchschlagskraft entwickelt.

Fazit

9
Wertung

Mit dem unerwartet in meinem Postfach aufgetauchten Muster bot sich mir der Anlass, mich mit dieser im besten Sinne geschichtsträchtigen Band auseinanderzusetzen. Als Antithese der Einleitung folgt nun der Aufruf: Kauft dieses Album, denn Punk-Rock darf auch Geld verdienen!

Marco Kampe