The Hirsch Effekt und “GREGÆR”: Ein Exempel statuieren

Wenn The Hirsch Effekt etwas machen, so scheint es, dann machen sie es auch richtig. Mit ihrer vier Songs starken Orchestral-EP setzen die drei Musiker nicht nur neue Maßstäbe in Sachen DIY-Ethos, sondern bieten allen bis dato Uneingeweihten den perfekten Einstieg in ihren Kosmos.
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Finanzierung über Crowdfunding, Zusammenarbeit mit klassischen Nachwuchsmusiker:innen, selbst bedruckte Shirts und Vinylhüllen. Alles vegan und FairTrade. Allein in Sachen Umwelt- und Konsumbewusstsein zeigt sich im Prozess der “GREGÆR”-EP, wie viele Gedanken sich die Hannoveraner Artcore-Veteranen über ihre Musik und das ganze Drumherum machen. “GREGÆR” ist eine halbstündige EP mit vier Songs. Drei davon sind neu aufgelegte Versionen bereits veröffentlichter Tracks, das titelgebende “GREGÆR” ist eine Neuerscheinung. Das besondere an der EP ist die orchestrale Inszenierung der Songs. Zusammen mit 17 Nachwuchsmusiker:innen aus Hannover verleiht die Band den vier Tracks ein neues Klanggewand, das sich so nahtlos in die ursprünglichen Kompositionen einfügt, dass man sich glatt fragen könnte, warum The Hirsch Effekt nicht immer schon mit einem Orchester auftreten. Die neuen Kompositionen stammen vom Pianisten Anthony Williams, der neben den “GREGÆR”-Versionen auch Stücke der Band als Solo-Pianist aufnimmt. Ein Projekt, das die Band ebenfalls per Crowdfunding umsetzt.

Trotz der gewohnt überwältigenden Komplexität der Arrangements bietet “GREGÆR” den bestmöglichen Einstieg in die Diskographie von The Hirsch Effekt. Das liegt zum einen daran, dass die donnernden Noise-Einlagen und markerschütternden Screamo-Parts deutlich zurückgefahren wurden, um dem Orchester mehr Raum zu geben. Das kommt vor allem im zehnminütigen Opener “Natans” zur Geltung. War der Track auf “Eskapist” noch ein erbittert brachiales Prog-Bollwerk, fungiert der Song hier als eine Art ‘Intro to “GREGÆR”’. Nach und nach werden die einzelnen Sektionen des Orchesters eingeführt. Flöten, Streicher, Bläser, alle bekommen hier ihr Spotlight. “Natans” ist im Vergleich zur Band-Version die reduzierteste Nummer der EP, wahrscheinlich aus genau dem Grunde, dem Orchester eine angemessene Einführung zu bieten. Der Song verliert dabei aber nichts von seinem emotionalen Impact oder seiner Komplexität, sondern profitiert ungemein von der Kombination mit der klassischen Instrumentierung.

Mit “Domstol” und “Kollaps” stammen die beiden anderen umgeschriebenen Songs der EP vom im letzten Jahr erschienen Album “Kollaps”. Die orchestralen Elemente fügen sich hier noch ein wenig subtiler in die Gesamtkomposition ein, und den brutalen Shouts von Sänger Nils Wittrock wird hier wieder etwas mehr Schreiraum geboten. Das neue Soundkonzept bietet der Musik ebenfalls neue Spielräume was die Dynamik der Songs angeht. So werden die Songs immer wieder nur auf Wittrocks und Lappins Gesang reduziert, begleitet nur von seichten Streichern, nur um kurz darauf wieder in ein bandtypisches Prog-Gewitter auszuarten. Immer wieder werden auch kurze Klavier-Passagen von Anthony Williams eingestreut, die aber niemals deplatziert oder gimmicky wirken, sondern sich wie alle anderen Elemente völlig mühelos in das größere Ganze einbetten.

Den Apex der musikalischen Verschmelzung bildet aber unumstritten der Titeltrack. Dass “GREGÆR” der einzige eigens für die EP komponierte Song ist, merkt man ihm in jeder Sekunde an. Die Bandelemente spielen sich mit dem Orchester die Bälle so gekonnt zu, dass jegliche Ungewohntheit angesichts der musikalischen Neuerungen auf den ersten drei Tracks mit einem Schlag verfliegt. Als hätten The Hirsch Effekt nie etwas anderes gemacht.

Fazit

8.3
Wertung

Ich plädiere hiermit für einen Gesetzesentwurf, der es einzig und allein The Hirsch Effekt erlaubt, Orchstralversionen für Rocksongs aufzunehmen. Das würde uns zukünftig alle “Metalband XY: Live with the Royal Albert Hall Orchestra”-Ausflüge ersparen.

Kai Weingärtner
7.8
Wertung

Das orchestrale Gewand steht den vertrackten Songs von The Hirsch Effekt sehr gut. Dabei nutzen die Arrangements geschickt die Möglichkeiten der Instrumentation. Atmosphärisches Highlight ist der neue Song „Gregaer“.

Steffen Schindler