The Hirsch Effekt und “Kollaps”: Brot für die Welt

Knusper knusper knäuschen, wer poltert durch mein Häuschen? Es ist der Doublebass von The Hirsch Effekt und er wird nicht ruhen, bis das Häuschen in seine kleinsten Bestandteile zerkrümelt ist.
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Trotz der momentan andauernden nationalen Mehl- und Hefeknappheit scheinen The Hirsch Effekt die Teiglinge noch lange nicht ausgegangen sein, denn auf ihrem neuen Album “Kollaps” backt das Hannoveraner Trio derartig viele Brötchen gleichzeitig, dass man als Zuhörer schon mal den Überblick verliert. Das wäre schade, da die vielen verschiedenen Backwaren aus der Konditorei Hirsch alle so einzigartige Geschmäcker offenbaren. Dabei gibt sich “Kollaps” nicht etwa mit schnöden Sauerteigstullen oder trockenen Dinkelkrusten zufrieden, vielmehr offenbart sich hier eine schier unendliche Probierplatte aller möglicher Teigerzeugnisse. Mit jedem Krumen, den die Zuhörer aufsammeln, offenbart sich eine neue, überraschende Facette des “Kollaps”-Kuchens.

Man nehme zum Beispiel die sphärischen Chöre von “Kollaps”, oder das verquere Percussion-Intro des Openers “Kris”. Mit jedem neuen Bissen lassen sich die drei Artcore-Konditoren etwas Neues einfallen. Der Gesang ist mal liebevoll sanft über das Instrumental ausgerollt, mal knetet er die Boxen mit brachialen Schreien ordentlich durch. Das Ganze wird, der Strapazierung der Gitarrensaiten und Trommelfellen nach zu urteilen, bei mindestens 1000°C ordentlich kross gebacken. Garniert wird dieses Festmahl mit kryptischen Texten, die allzu oft durch die Couleur des Gesangs konterkariert werden. Denn schließlich sagt nichts “locker bleiben” so sehr, wie die mit der Stimme einer Märchenhexe gefauchten Worte “BITTE / NUR / KEINE PANIK!”

“Kollaps” besticht mit der Vielschichtigkeit eines Blätterteigs und sorgt so für ein Geschmackserlebnis der Richtung umami. Immer wieder streuen The Hirsch Effekt unerwartete Stilwechsel, Dissonanzen und krude Melodieverläufe ein, die die Platte wahnsinnig abwechslungsreich machen. Seien es die immer wieder auftauchenden Streichinstrumente, die in vielen Songs für eine düster melancholische Stimmung sorgen, nur um Sekunden später wieder von prügelnden Drums und schnarrenden Bandwurmgitarren abgelöst zu werden. Das perfekte Beispiel für diese unglaubliche Varianz ist der Song “Noja”. Hier gibt es neben hypnotischen Gitarrensoli, brutalen Breakdowns und Riffs, die die Fingerkuppen von Amateurgitarristen zum Schmelzen bringen, eben auch ein Rap-Feature. Derweil weckt der folgende Track “Deklaration” mit seinen hektischen Wechseln zwischen choralen Gesängen und nasalen Nörgeleien Assoziationen mit den großen System of a Down.

Die großartige Vielfalt dieses Albums wird überhaupt erst möglich gemacht durch die wahnsinnigen handwerklichen Skills der drei Bäckermeister. Selbst als absoluter Laie hört man hier, dass die Bandmitglieder ihre Instrumente beherrschen als wären sie angewachsen. Da ist jeder Trommelschlag genau da, wo er sein sollte, jedes Riff perfekt ausgeführt, jeder noch so absurde Stimmungswechsel makellos exekutiert. The Hirsch Effekt haben ihren Sound auf “Kollaps” weiterentwickelt, scheuen nicht vor irrwitzigen Experimenten zurück und behalten trotzdem den Spirit der Vorgängeralben bei.

Fazit

8
Wertung

“Kollaps” kommt nur ganz knapp nicht an den Vorgänger “Eskapist” heran, bildet aber nichts desto trotz mit seinen unglaublich vielen abwegigen Spielereien eine extrem interessante Ergänzung für die Diskografie von The Hirsch Effekt.

Kai Weingärtner
8
Wertung

The Hirsch Effekt bleiben nach wie vor unerreicht in ihrer Fähigkeit, verkopftes Geflexe und spielerische Leichtigkeit miteinander zu verbinden. Kollaps schlägt ein wie eine Abrissbirne, und bleibt doch stets eine präzise geplante Sprengung. 

Felix ten Thoren