Frank Turner und „No Man’s Land“ - Männer, die auf Frauen starren

Nach seinem politischen Ausbruch auf „Be More Kind“ bricht Frank Turner abermals zu neuen thematischen Ufern auf. Ein Konzeptalbum sollte es sein und das ist es auch geworden. Musikalisch orientiert sich "No Man's Land" ebenfalls in eine andere Richtung.
ft-no-mans-land-high-res-album-artwork3000px-1.jpg

Über „Be more Kind“ wurden zwei Meinungen laut. Zum einen erhielt er ausuferndes Lob für die Auseinandersetzung mit der aktuellen Politik, zum anderen erntete Turner auch harsche Kritik für den poppigen, entspannteren Stil, den er für die Platte gewählt hatte. Für „No Man’s Land" hat sich das nur ein wenig geändert. Ein Konzeptalbum ist es geworden. In 13 Songs erzählt Frank Turner vom Leben 13 verschiedener Frauen der Geschichte - alle aus verschiedenen Zeiten, verschiedenen Erdteilen, verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Manche dieser Frauen sind bekannter, die anderen weniger. Da wäre die 1973 verstorbene Gospelsängering und Gitarristin Rosetta Tharpe, der der Song „Sister Rosetta“ gewidmet ist. Der ägyptischen Frauenrechtlerin des frühen 20. Jahrhunderts Hoda Shaarawy wird in „The Lioness“ ein musikalisches Denkmal gesetzt. Über jede der Frauen erzählt Turner noch viel mehr in dem Podcast, den er während der Promo-Phase des Albums regelmäßig auf allen gängigen Streamingplattformen veröffentlichte. 

Turner gibt den Geschichten genau den Rahmen, den sie brauchen, damit sie auch ganz sicher im Mittelpunkt stehen. Wie schon auf „Be More Kind“ bleibt der Punk dabei auf der Strecke. Diesen ersetzt er aber recht geschickt durch klassische Folkelemente. Damit aber nicht genug: von Song zu Song bedient sich Turner auch anderen Elementen. Er baut recht elegant und doch simpel eine getragene Atmosphäre auf, indem er dezent Streicher einsetzt. "Nice" stellt einen wahren Höhepunkt dar, als sich Turner an einer kleinen Jazz-Inszenierung versucht. So sehr das auch überzeugt, so kann diese aufgebaute Atmosphäre nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frank Turners große Stärke eben doch das eher härtere Gefilde ist. 

Auch im Songwriting kommt partiell das Gefühl von fehlender Finesse auf, was aber auch daran liegt, dass Turner hier seit jeher ein besonders hohes Maß setzt. Und bei Songs wie „Eye Of The Day“ oder „Rescue Annie“ zeigt er einerseits seinen Witz und Sinn für Ironie, andererseits aber auch sein Talent für gutes Storytelling. So erzählt er in „Eye Of The Day“ die Geschichte der niederländischen Nackttänzerin Margaretha Geertruida Zelle, besser bekannt unter dem Namen Mata Hari. Sie wurde bekannt, als man sie in Frankreich wegen Doppelspionage im ersten Weltkrieg hinrichtete. Die andere Geschichte, die Turner kongenial erzählt, erklingt in „Rescue Annie“. Die Geschichte einer ungeküssten Frau, die ertrunken in einem Fluss gefunden wird und deren Gesicht später als Modell für Reanimationspuppen herhält. So wurde aus einer ungeküssten Frau die meistgeküsste Frau aller Zeiten.

Intim wird es zum Schluss in „Rosemary Jane“, der kleinen Ode an seine eigene Mutter.

So großartig die Idee und das Konzept des Albums sind, so wenig Esprit versprüht das Album. Bis auf die wenigen Ausreißer, schafft es „No Man’s Land“ nicht wirklich herauszuragen. Ironisch, aber absolut verzeihlich, ist auch, dass auf dem kompletten Album keine einzige Frauenstimme zu hören ist. Ein Fun Fact, den man Turner aber nicht negativ auslegen sollte und auch nicht wirklich negativ auslegen kann. Sollte man aber stellenweise einfach mal nicht auf die Texte und Themen achten, so verliert dieses Album an Charme, da sehr wenig hängenbleibt.

Fazit

6.6
Wertung

Frank Turner macht es einem hier wirklich nicht leicht. Dass er sich der Feminismus-Thematik stellt und vor allem wie er sich der Thematik stellt, ist großartig! Die musikalische Seite leidet allerdings. Für krachende E-Gitarren bieten zwar zugegeben nicht alle Songs Stoff, aber so bleibt dann doch sehr wenig hängen.

Moritz Zelkowicz
7
Wertung

Konzeptionell sucht sich der grundsympathische Liedermacher stets seine eigenen Wege. Der Inhalt überschattet hier die (nicht minder gelungene, doch in harmonischen Gefilden beheimatete) Musik und man erwischt sich schnell bei der Recherchearbeit nach jenen schillernden Persönlichkeiten, denen Frank Turner sein neues Werk gewidmet hat.

Marco Kampe