Architects und „Holy Hell“: Eines der schwierigsten Alben aller Zeiten

Zwei Jahre nach Tom Searles Tod veröffentlichen Architects ein Album, das in den vermutlich größten Metal-Fußstapfen der 2000er gehen und bestehen muss – und will. Hier wird ein fulminantes Erbe angetreten.
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Architects ist ein Name, der mittlerweile eigentlich an keinem Rockmusik-Affinen mehr vorbei gegangen sein kann. Seit 2004 existiert das Post-Metalcore-Quintett aus dem Vereinigten Königreich und hat mit stolzen 14 Jahren Bandgeschichte und nun acht Studioalben bereits einiges vorzuweisen. Doch „Holy Hell“ ist ein sehr besonderes Album und setzt sich von den sieben bisherigen ab. Denn es ist das erste Album, welches ohne Songwriter, Texter, Gitarrist und Gründer Tom Searle geschrieben, aufgenommen und rausgebracht wurde. Tom Searle, Bruder von Schlagzeuger Dan Searle, verstarb 2016 mit nur 28 Jahren. Mit „Doomsday“ findet sich nur ein einziger Song auf „Holy Hell“ an welchem er noch mitgearbeitet hatte. Nach der Todesnachricht war das Bangen, ob die Band als solche weiter macht oder alles beendet, groß. Man entschied sich jedoch, Toms Erbe anzutreten.

Und wo es manch einem schon schwerfällt, Tom Searles Namen auszuschreiben, schreibt diese Band ein Album für ihn, in seinem Namen, an ihn, welches es in sich hat. Offen und ehrlich wird der Umgang mit dem Tod des besten Freundes, Bruders und Mitmusikers auf „Holy Hell“ verarbeitet. Genauso ergreifend wie „Stage Four“ von Touché Amoré, nur das man hinterher noch mitgenommener ist. So viel Leid und Schwermut liegt in den Abgründen von „Holy Hell“ begraben und immerzu präsent sind die Bilder des weinenden, von Schluchzern geschüttelten Sam Carters auf der Bühne vor dem inneren Auge. Zusätzlich liest sich schon die Tracklist wie ein Gang durch die Hölle. Immens wichtig ist vorab zu erwähnen, dass sämtliche Texte von Drummer Dan Searle verfasst wurden.

Auch wenn Sänger Sam Carter direkt zu Beginn des Albums versucht klarzustellen, dass der Tod keine Niederlage ist, überkommt ihn die Emotion im anschließenden „Hereafter“: „All the stars have been blacked out and I am fighting with broken bones“ berichtet über die letzten drei Lebensmonate Toms im Kampf gegen den Krebs. Der Titel weist jedoch bereits die Richtung des Ausgangs dieser Schlacht. Weitere Songtitel sind unter anderem „Mortal After All“, der namensstiftende „Holy Hell“, „Damnation“, „Dying To Heal“ und „Doomsday“. „I guess we're mortal after all“ ist auch direkt die erste Zeile des quasi gleichnamigen Songs. Dan und Sam beschäftigen sich umfassend mit der eigenen Vergänglichkeit. Dem mal mehr mal und mal weniger präsenten Wissen darüber, dass man selbst und jeder, der neben einem steht, jederzeit für immer verschwinden kann. Der Machtlosigkeit, mit welcher man dem Tod als Mensch gegenübersteht, doch mit dem Übel, welches Unsterblichkeit mit sich bringt: „There is a part of me doomed to face infinity“.

Während sich der Vorgänger „All Our Gods Have Abandoned Us“ primär mit gesellschafts- und sozialkritischen Themen oder dem Übel der Welt beschäftigt, finden sich diese Themen nur in wenigen Songs, namentlich „Modern Misery“ und „Royal Beggars“ auf „Holy Hell“ wieder. Doch auch in diesen Liedern bedienen sich Architects des düsteren Vokabulars des Begräbnisses. Anknüpfend an den Titel des Vorgängeralbums betonen sie abermals die Gottlosigkeit, die der Vergänglichkeit und Ungerechtigkeit inneliegt, sowie den fehlenden Sinn in jedem Streben nach Anerkennung, Erlösung durch Gott oder dem Paradies.

Ob beabsichtigt oder nicht, finden sich auf „Holy Hell“ auch mehrere Motive aus „Dantes Inferno“ wieder. Neben dem direkten Verweis im für Architects untypisch gerade einmal gute 100 Sekunden dauernden Song „The Seventh Circle“ tauchen auch das Eingangsmotiv des dunklen Waldes und der vermeintlichen Rettung auf „Holy Hell“ auf. Der siebte Ring ist den Mördern vorbehalten. Das fügt sich hervorragend in das Gesamtgebilde ein. So viele verschiedene Facetten der dabei unterschiedlich konkret werdenden Metapher der Hölle auf einem Album und unter der großen Flagge des für Architects so typischen Sounds vereint. Denn eins ist gleich geblieben: Der schmetternde Metalcore-Sound, den die Briten kreiert haben, der „All Our Gods Have Abandoned Us“ so prägnant macht, kennzeichnet auch ihr neuestes Werk. Noch mehr und intensiver wird jedoch mit den sphärischen und Elementen der klassischen Musik gearbeitet. Wer glaubte, Vivaldi sei der einzige, der einen Breakdown mit Streichern komponieren könnte, wird hier eines Besseren belehrt. Der einzige Titel, der abermals heraussticht, ist auch hier „The Seventh Circle“.

 „Holy Hell“ tritt ein gigantisches Erbe an und die Band ist im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gegangen. Doch nun steht sie am Anfang eines neuen Kapitels, wenn man so will. Eine Architects-Ära ohne Tom Searle. „Tom is Architects and he always will be“, sagt und schreibt Carter immer wieder. Bedauerlich, dass Tom nicht mehr in persona erleben durfte, wie Architects zu einer Arenaband aufstiegen, die erst den 10.000 Menschen fassenden Alexander Palace und auf ihrer nun anstehenden Tour auch das Wembleystadion ausverkaufen. Wer in das denkbar tiefste Loch fällt und feststellt, dass die Hölle leer ist, weil jeder Teufel auf Erden sein Unwesen treibt, sich wieder nach oben gräbt und ein derart phantastisches Album bieten kann, hat mit Sicherheit jedes liebe Wort und jeden Erfolg verdient.

Fazit

9
Wertung

Metalcore wird niemals Mainstream sein. Trotzdem spielen Architects vor mehr als 10.000 Menschen. Ihre Wucht, ihre Geschichte, ihre Bescheidenheit und die Musik, die aus alldem entsteht, machen sie zu dem was sie sind. „Holy Hell“ macht unüberhörbar deutlich, wie sehr Tom Searle diese Band geprägt hat. Gigantisch in seinem Klang und abgründig in seinem Tiefgang wird hier der Disput zwischen Leben und Tod, Himmel und Hölle, Ewig- und Vergänglichkeit emotional wie rational ausgetragen.

Merten Mederacke