Architects und „For Those That Wish To Exist“: Scheinselbstständig

Auf ihrem neunten Studioalbum drehen Architects das Stadionrock-Meter endgültig auf 11. Ist „For Those That Wish To Exist“ ein Statement gegen das stagnierende Metalcore-Genre? Jein.
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Die Metalcore-Welt kann sich als – im Kontext der breiten Masse betrachtet – Nischengenre wahrhaftig nicht über mangelnden Zulauf beschweren. Es scheint, als wäre die mittlerweile eingebürgerte Fusion aus Hardcore und traditionelleren Metal-Spielarten aktuell die unkaputtbarste Konstante, die viele junge Menschen in die Welt der harten Gitarren einführt. Der erfrischend niedrige Altersschnitt im Publikum sorgt angenehmerweise auch für eine lebhafte Fluktuation und andauernden Nachwuchs – ein Faktor, der fast allen anderen Rock-Genres quasi völlig abzugehen scheint. Das alles ist auf dem Papier so schön, hat in der Realität aber den klanglichen Wehrmutstropfen, dass die Musik selbst mit der Frische seiner Fans kaum mithalten kann.

Tatsächlich waren in den letzten Jahren immer genau die Metalcore-Bands am erfolgreichsten, die sich vom erschreckend konservativen Grundstamm der Szene emanzipiert haben. Heaven Shall Burn etwa sind zwar nicht unbedingt dafür bekannt, sich auf jeder Platte neu zu erfinden, aber ihr enorm melodisches Riffing und ihre Verweigerung klischeebehafteter Clean-Refrains deutete eh schon seit Jahren eher auf Heavy-Metal-Anleihen hin. Im Übrigen ist ihr jüngstes Album „Of Truth And Sacrifice“ tatsächlich an einigen Stellen verdammt experimentell. Parkway Drive vollführten in den letzten Jahren einen ähnlichen Weg und inszenierten auf „Reverence“ neben Winston McCalls dauerbrachialem Gekeife auch mal atmosphärische Sprechgesangparts. Längst das Genre verlassen haben auch Bring Me The Horizon, die 2013 mit „Sempiternal“ mal eben das beste Metalcore-Album jemals veröffentlichten und anschließend einen anderen Weg einschlugen, der mittlerweile über Elektropop und viele andere Sound-Experimente jüngst zu eher schalem Nu-Metal geführt hat. Was sagt es über ein Genre aus, wenn all die ganz Großen irgendwann keine Lust mehr auf ihre Wurzeln haben? Szene-Puristen würden in diesem Umstand sicher den Ausverkauf der Großen und den Beweis dafür sehen, dass ihre eigene musikalische Welt so unfassbar alternativ ist. Man könnte aber auch sagen, dass Metalcore offenbar irgendwann Limitationen erreicht, die die wahrhaftig Kreativen nur durch andere künstlerische Einflüsse lösen können.

An diesem offenbar genretypischen Scheideweg sind nun auch Architects angelangt. Ihre neunte Platte „For Those That Wish To Exist“ stellt musikalisch die Frage, was die Band aus Brighton abseits ihrer Wurzeln eigentlich noch sein kann. Gleichzeitig stellt die Platte aber auch die Konsequenz eines kontinuierlichen Weges dar, der sich schon länger abgezeichnet hatte. Statt den noch etwas frickeligeren Math-Einflüssen der frühen Tage setzten Architects bereits auf ihren letzten Alben immer mehr auf produktionstechnischen Bombast – ein Wendepunkt, der mit dem garstigen „Lost Forever // Lost Together“ aus dem Jahr 2014 und einem Song wie „Naysayer“ seinen Anfang nahm. Auf ihrer neuen Platte ziehen Architects aus dieser Entwicklung heraus nun alle Register und spielen erstmals wirklich konsequent von ihren Genre-Wurzeln weg. Es erklingt gigantischer Alternative Rock, der – auch das in einem derartig aufgeblasenen Werk der letzten Jahre fast schon obligatorisch – sich Klangwand-Unterstützung aus der elektronischen Ecke holt. Eine der Stärken der Band war es schon auf den letzten Alben gewesen, melodische Refrains zu inszenieren, ohne dabei in einen komplett albernen Stimmungsabfall durch Härteverlust zu verfallen. Ist „For Those That Wish To Exist“ also genau das Album, das Architects wie viele andere ehemalige Metalcore-Großmeister in ihren persönlichen Olymp schießt?

Nicht ganz. Die grundsätzliche neue Facette steht der Band tatsächlich sehr gut. Einem „Animals“ fehlt zwar der wahrhaftige Wow-Moment, ein lupenreiner Hit ist der Song aber trotzdem. In „Goliath“ ist Biffy-Clyro-Sänger Simon Neil zu Gast und schreit derartig archaisch über das Gitarren-Fundament, dass man kaum glauben kann, hier gerade den Sänger von wunderschönen Alternative-Schmachtern wie „Opposite“ zu hören. Neil steht an dieser Stelle symbolisch für etwas, was man sich auch von Architects selbst öfter wünschen würde: Den Mut zum wahrhaftigen Ausbruch aus alten Strukturen. Wer sich bei der Beschreibung der Platte nämlich immer wieder an Bring Me The Horizons „That’s The Spirit“ erinnert gefühlt hat, der hat ziemlich ins Schwarze getroffen. Architects klingen auf ihrer neuen Platte in vielen Songs genau nach dem Schritt, den die Sheffielder Innovatoren schon vor über fünf Jahren hingelegt haben und lassen dabei trotzdem die ganz großen Qualitäten eines „Doomed“ vermissen – mal abgesehen davon, dass dieses Referenzwerk sowieso nicht zu den allerspannendsten stilistischen Einfällen der Band um Oli Sykes zählt.

Im Nachhinein ergeben so auch die vorigen Werke von Architects Sinn, denn der Hang zur riesigen Geste auf „Holy Hell“ kann einen tatsächlich an die Ideale eines „Sempiternal“ erinnern. Um an ein solches Meisterwerk heranzureichen, fehlt es der Band aber schlicht an Konsequenz und Inspiration. Wenn die Band in „Impermancence“ zum Beispiel das Feature mit Winston McCall einleitet, tut sie das mit dem klischeehaftesten Breakdown, den man sich vorstellen kann. Danach kräht wirklich kein Hahn mehr. Es fehlt der zündende Bullet Point, mit dem die Band ihre neue Identität wirklich zu einer eigenen machen könnte. Über die letzten Experimente von Parkway Drive kann man durchaus geteilter Meinung sein, aber wer polarisiert, der hat immerhin etwas Bemerkenswertes geschaffen. Architects wiederum werden mit ihrer neuen Platte nur den Menschen mit ganz dicken Scheuklappen auf die Füße treten. Das neunte Album der Briten ist trotzdem kein schlechtes Werk, aber eben trotzdem nur eines, das sich sehr wohl in den Fußstapfen anderer fühlt. Die scharfe Kante wäre der Schritt, der diese Band wirklich groß machen könnte. So ist „For Those That Wish To Exist“ vielleicht das bestmögliche Architects-Album. Das zeigt aber nur, dass diese Band trotz ihrer unzweifelhaften Qualitäten insgesamt etwas zu überbewertet ist.

Fazit

6.8
Wertung

Ein cineastisches Popcorn-Spektakel, das sich ganz ohne Fremdscham genießen lässt. Die richtig zündende Idee fehlt dieser Platte aber – und das ist schade bei einer Band, die eigentlich vermuten lässt, dass sie dem Schaffen von interessanterer Musik zugeneigt ist.

Jakob Uhlig
9
Wertung

Fast eine Stunde neues, wie gewohnt gutes Metalcore-Material unserer Lieblingsarchitekten. „For Those That Wish To Exist“ jagt einem ein Messer ins Herz und baut einen direkt danach wieder auf. Eine gelungene, musikalisch starke, emotionale Achterbahnfahrt, die sich nicht vor den für den Metalcore fast legendären Vorgänger-Alben verstecken muss.

Jannika Hoberg