Castingshows: Die besten und schlechtesten Songs

Castingsshows sind nicht nur in Deutschland seit über 20 Jahren ein fester Bestandteil der Fernsehkultur und in dieser langen Zeit wurden viele Alben der teilnehmenden Künstler*innen produziert. Hier präsentieren wir euch eine Auswahl der besten und schlechtesten Songs.
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Die besten Songs

Es ist sicherlich einfacher, schlechte Songs aus dem Pool an überproduzierten Popschnulzen herauszufischen als die wirklich guten Perlen der Castingshow-Geschichte herauszufiltern. Was macht eigentlich den besten Song aus? Ist es ein Song, der auch heute noch unironisch in eine Playlist wandert oder ist das Lied eher so gut, weil es zum Zeitpunkt des Erscheinens in aller Munde war und einfach "catchy" ist?

Wenn Castingshows etwas Gutes hervorbringen, dann oft dann, wenn sich Individuen aus ihren Castingbands lösen und sich von den eigenen Ursprüngen abspalten - oft gesehen in Boybands. Robbie Williams ist zum Beispiel so ein Fall. Der hat zwar in der Tat auch schon ganz schön viel Furchtbares verbrochen (ein Weihnachtsalbum mit Helene Fischer als Feature zum Beispiel), aber eben auch einige der größten Popklassiker der letzten Jahre geschaffen. Und über seine beiden Swing-Alben geht eh wenig - wenn man Musik rein für ihre Entertainer-Qualitäten genießen möchte, dann auf jeden Fall so! Der neue Robbie könnte indes Harry Styles werden. Nach dem (wahrscheinlich auch nur vorläufigen) Ende von One Direction ist es Styles, dessen Solokarriere bisher mit Abstand am weitesten getragen hat - und das durchaus zurecht. Niall Horan bringt etwa eher lahme Akustikpop-Standardware und Zayn Malik hat sich den Ausstieg aus seinem Bandvertrag teuer erkauft, um danach die Miley-Cyrus-Teeniestarkrise zu durchlaufen und äußerst unjugendfreien Dance-Pop zu machen. Ich muss gestehen, Malik hat mal kurzfristig zu meinen Very-Guilty-Pleasures gehört, aber seine Musik kommt auf keinen Fall an einen Harry Styles ran, der mit seiner Debütsingle "Sign Of The Times" tatsächlich eine Hymne geschaffen hat, der man eine längere Überdauerung zutraut. Etwas pompös und mit großer Gestik, aber gleichsam im Tonus äußerst echt - ein Spagat, der nur wenigen Popstars so gut gelingt wie Styles. Speziell mit den Songs seines zweiten Albums ist er an diese Großtat bisher auch nicht wieder herangekommen, aber er besticht gleichzeitig eben auch als Ikone, die männliche Stereotypen hinterfragt. Das hat es in der Form sicher noch von keinem Castingstar gegeben, scheint allerdings einem dankenswerten Zeitgeist zu entspringen - auch ein Yungblud ist etwa ein Jugendidol geworden, das seine Shows regelmäßig im Kleid bestreitet.

Auch wenn ich früher Castingshows mit etwas mehr Enthusiasmus verfolgt habe als heutzutage, konnte ich den dort gespielten Songs doch eher weniger abgewinnen. Eine der seltenen Ausnahmen ist für mich One Direction. Mit „What Makes You Beautiful“ haben sie es geschafft, einen zeitlosen Ohrwurm zu kreieren, den man selbst heutzutage noch unironisch auf Partys hört. Schon die ersten Takte des Songs versetzen einen zurück in die Zeit, in der Boybands noch einen gewissen Charme hatten. Im Endeffekt bleibt „What Makes You Beautiful“ aber ein Popsong ohne wirkliche Message oder innovative Lyrics, aber dafür mit dem Potenzial, sich für die nächsten drei Tage im Kopf festzusetzen.

No Angels - Daylight In Your Eyes

Yes, I went there. Ich habe hier lange überlegt und wenn ich auf der Straße gefragt werden würde, welcher Song mir sofort beim Thema Castingshows einfällt, wäre es in 99/100 Fällen immer "Daylight In Your Eyes" von den No Angels. Es ist nicht unbedingt ein unglaublich guter Song, dafür aber in jedem Fall für die "Popstars"-Reihe - wenn nicht sogar für Castingshow-Deutschland allgemein - der bekannteste Song überhaupt. Mit diesem Song und dem dazugehörigen Album wurden die No Angels die erfolgreichste "Girl-Group" in Deutschland und reihen sich damit direkt hinter den Spice Girls in Europa ein. Ob es die kürzlich erfolgte Re-Union gebraucht hätte, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Und jetzt gebt euch das 4:3 Musikvideo.

Wenn ich es mir recht überlege, wurde ich was meine musikalische Früherziehung angeht, ziemlich verhunzt. Mütterlicherseits war eh schon Hopfen und Malz verloren, wird da doch das im diesmonatigen Kreuzverhör besprochene Album “Wohlfühlgarantie” auf Dauerschleife geballert. Mein Vater wartete dagegen regelmäßig mit neuen Nickelback-CDs auf, die zwangsläufig ihren Weg in mein junges, unreflektiertes Regal (und zugegenermaßen auch ein bisschen mein Herz) fanden. Was die Familie lange vereinte, waren die samstäglichen Ausgaben von Formaten wie DSDS oder The Voice. Unangenehmer Nebeneffekt dieses Konsums war, dass ich die dort laufende “Musik” zu diesem Zeitpunkt tatsächlich mochte. Der einzige Castingshowgewinner, von dem ich je ein Album im Regal stehen haben sollte, war Thomas Godoj. Ich weiß heute nur noch, dass das irgendwas mit vermeintlichen E-Gitarren und deutschsprachigem Gesang war, aber in meinem 13-jährigen Kopf fand ich das cool. Und da ich kurz danach anfing, Castingshows vehement zu boykottieren, ist das auch das Beste, was ich aus diesem Genre je mitgenommen habe.

Die schlechtesten Songs

Nach dem wir uns guten Songs gewidmet haben werfen wir einen Blick auf die wirklich krassen Absurditäten aus über 20 Jahren Castingshows.

Kaum ein Kandidat wurde bei DSDS von Chefjuror Dieter Bohlen so sehr geliebt wie Mark Medlock. Dies gipfelte schließlich sogar in einem gemeinsamen Song mit dem Modern-Talking-Sänger. "You Can Get It" ist belangloser Sommerpop und die Art von Song, die Medlock seit seinem Gewinn jahrelang pünktlich zum Einbruch der warmen Temperaturen rausfeuern musste. An sich hat man sicher schon schlimmere Erzeugnisse als diesen Track gehört, daran ändert auch das Bohlen-Feature nichts. Schlimm anzuhören wird der Song allerdings dann, wenn man sich vor Augen führt, welche Symbolkraft er für die Karriere Medlocks hat - denn der sieht seine musikalischen Interessen und unbestreitbaren Fähigkeiten eigentlich im Soul-Bereich und nicht in kaum zu ertragener Bohlen-Retortenware. Es dauert Jahre, bis Medlock sich von der Zusammenarbeit mit Bohlen lösen kann. Ein kommerzieller Erfolg bleibt danach aus, mehrfach kündigt der Sänger das Ende seiner musikalischen Karriere an und kehrt dann doch wieder für kurze Zeit aus der Versenkung zurück. Medlocks bisher letztes musikalisches Lebenszeichen stammt von Anfang des Jahres und trägt den Titel "Long Time". Der Sänger selbst hat hier die Musik komplett entworfen und betextet. Von professionellen Dimensionen ist er mittlerweile fast schon merkwürdig weit entfernt. Das generische Instrumental klingt wie ein zusammengeklickter Standardloop im Gratispaket eines Audioprogramms, das Video besteht aus Windows-Movie-Maker-Fotomontagen und verzeichnet auf Youtube keine 5.000 Klicks. Vielleicht ist das nicht die große Karriere, die Medlock hätte haben können - aber immerhin klingt dieser Song echter und ehrlicher als alles, was Medlock in seiner zwiespältigen Beziehung mit Bohlen verkörpern musste.

Damals saß ich noch zwischen Negroni und Hänni Postern, die sorgfältig aus den Bravo Zeitschriften geschnitten wurden, während ich bei DSDS erstmals „Don’t Think About Me“ von Luca Hänni gehört habe. In der Retroperspektive frage ich mich, wie ich diesen Song jemals unironisch genießen konnte, ohne irgendwelche realitätsverändernden Substanzen zu mir zu nehmen. Der Song klingt so, als sei er für ein viel zu leise eingestelltes Radio bei einer Bingo-After-Party geschrieben worden. Es ist die Kombination aus einem generischen Heartbreak-Popsong mit einer Prise Schlager und einem Beat, der bei dem live Publikum ein instinktives Verlangen ausgelöste, sofort im Takt mitzuklatschen. Auch das sagt viel über das Niveau des Songs aus. Es ist womöglich nicht der schlimmste Song, den ich jemals gehört habe, aber in Kombination mit der DSDS Live Performance kommt „Don’t Think About Me“ da sehr nah ran. 

Beatrice Egli - Mein Herz

Auf jedem Dorfbumms, egal ob Fest der Freiwilligen Feuerwehr oder rundem Geburtstag, übernimmt DJ Michael irgendwann die Kontrolle über den Aux-Stecker und ballert die Musik in die feiernde Masse. Das überwiegende Musikgenre der Lieder, die aus den Boxen schallen, ist dabei der Schlager. Musik dieses Genres ist nicht laut, nicht kompliziert und lässt sich auch nach vier Eierlikörchen noch schön mitträllern. Natürlich geht damit auch ein gewisser kommerzieller Erfolg einher, denn dieses Genre hat eine etablierte Struktur im Livebusiness und Fernsehen und die Alterspyramide sorgt für eine konstante Fanbase. Doch auch immer mehr junge Menschen sind in den letzten Jahren auf den Zug aufgesprungen und so erkannten RTL und "DSDS" hier eine Möglichkeit. Herausgekommen ist "Mein Herz" von Beatrice Egli, ein unglaublich austauschbarer Schlager, der vor Langeweile und Stumpfsinnigkeit hervorragend auf jede Playlist von DJ Michael passt.

Huiuiui. Eigentlich wollte ich was von Mark Medlock bei den schlimmsten Castingshowsongs bringen. Aber jetzt habe ich mir gerade zwangshalber nochmal “Helden gesucht” von Thomas Godoj angehört und muss sagen: was bitte war ich für ein stumpfsinniger Teenager?! Da schreiben ja der Graf (und ich meine nicht grim104) oder Revolverheld bessere Songs! Und der Typ macht tatsächlich noch Musik. 11 Jahre nach DSDS und der Thommi reimt immer noch Zeilen wie “Plötzlich wird es so kalt / und er verliert den Halt”. Und weil ich das der Außenwelt nicht vorenthalten möchte, dürfen jetzt alle Leser:innen dieses Artikels Teil meines Läuterungsprozesses sein. Viel Spaß!