Joes Nagelstudio: "Ghosts V: Together" und "Ghosts VI: Locusts" - Gute Alben, Schlechte Zeiten.

Wir schreiben das Jahr 2020. Das Corana-Virus hat die ganze Welt fest im Griff und Klopapier steht kurz davor, Gold als Währung abzulösen. Verwirrende Zeiten. Und doch war ich verwundert, als Reznor und Ross plötzlich die Nachfolge-Alben zu „Ghosts I-IV“ veröffentlichten.
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Wer mich oder meine Texte kennt, weiß, wie sehr ich Trent Reznor und seine Band Nine Inch Nails liebe. Es ist eher eine Obsession. Da meine Redaktionskolleginnen und -kollegen sich nicht wirklich für die Band interessieren, obliegt es mir allein, sich mit den Veröffentlichungen zu beschäftigen. Da ich mir selbst die notwendige Objektivität aberkenne, habe ich mich entschlossen, dem Ganzen einen neuen Rahmen zu verpassen. Diesen hier. Willkommen in Joes Nagelstudio. Letztlich bringe ich hier in unregelmäßigen Abständen Texte über neue oder vielleicht auch mal alte Alben. Alles wird ohne Wertung sein, da es ja sowieso eine 10/10 werden würde. Klar.

Reznor weiß, wie man Alben ankündigt. Für „Year Zero“ zum Beispiel wurden über Monate hinweg Websites erstellt, USB-Sticks auf Klos von Konzerten liegen gelassen und Telefonnummern konnten angerufen werden, wenn man die codierten Nachrichten der Seiten entschlüsselt hatte. Für „Ghosts V: Together“ und „Ghosts VI: Locusts“ gab es nichts dergleichen. Sie waren einfach plötzlich da. 

Reznor verkündete die Veröffentlichung mit einem kurzen Tweet und das war es dann auch schon. Die bandeigene Instagram-Seite erwähnte das Album erst über einen Tag später. Dennoch lohnt sich bei beiden Alben ein Durchlauf, um die Schönheit zu sehen, die Reznor und Ross hier erschaffen haben. Da sie gemeinsam veröffentlicht wurden und die Nachfolge eines Albums sind, welches mit I bis IV nummeriert ist, sollte man beide auch gemeinsam betrachten.

Vor zwölf Jahren veröffentlichten Nine Inch Nails das Album „Ghosts I-IV“ mit 36 instrumentalen Songs. Die Platte war ein krasser Bruch mit allem, was Nine Inch Nails davor gemacht hatten. Kurz danach begann Reznor Scores für Filme zu machen und hat seitdem beide Projekte getrennt behandelt. Mit „Ghosts V: Together“ und „Ghosts VI: Locusts“ verschwimmen beide Welten wieder ein wenig. Vor allem „Ghosts VI: Locusts“ erinnert an manchen Stellen sehr stark an den Score, den Reznor und Atticus Ross für die „Watchmen“-Serie geschrieben haben. Dennoch ist das Album eben kein Album der beiden (also eigentlich schon, weil es ja die Mitglieder von Nine Inch Nails sind…das ist etwas kompliziert), sondern ein Nine-Inch-Nails-Album.

Reznor selbst schrieb auf der Band-Website über die beiden Alben: „GHOSTS V: TOGETHER IS FOR WHEN THINGS SEEM LIKE IT MIGHT ALL BE OKAY, AND GHOSTS VI: LOCUSTS… WELL, YOU’LL FIGURE IT OUT.“ Das hört man auch. „Ghosts V: Together“ ist eher ruhig und teils sanft, mit kleinen Momenten ,in denen es ein wenig härter wird. Aber die meiste Zeit sind die Songs, meist bestehend aus Piano und Synthesizern, ein entspannendes Hörerlebnis. 

„Ghosts VI: Locusts“ hingegen ist düster, latent verstörend und ein Gegenstück zum Schwester-Album. Wie bereits erwähnt klingt die Platte ein wenig nach dem Score der „Watchmen“-Serie, den die beiden Musiker geschaffen haben. Seien es die disharmonischen Pianostücke oder der Einsatz des Saxophons, wobei dieses ja auch bei „Bad Witch“ schon zum Einsatz gekommen war - die klanglichen Parallelen sind unüberhörbar und doch gibt es einen entscheidenen Unterschied. Die „Ghosts“-Alben erzählen Geschichten und funktionieren auch voll und ganz ohne dazugehörige Bilder. Ob es nur die aktuelle Lage der Welt ist, oder Reznor und Ross geplant hatten, die Alben bald zu veröffentlichten, ist unbekannt. Letztlich haben die zwei Musiker den Fans zwei Alben geschenkt (wirklich geschenkt, da beide kostenlos heruntergeladen werden können). Beide äußern sich auf der Band-Website auch dazu und das mit unerwarteten Worten.

"ALTHOUGH EACH OF US DEFINE OURSELVES AS ANTISOCIAL-TYPES WHO PREFER BEING ON OUR OWN, THIS SITUATION HAS REALLY MADE US APPRECIATE THE POWER AND NEED FOR CONNECTION.

[...]

WE LOOK FORWARD TO SEEING YOU AGAIN SOON.
BE SMART AND SAFE AND TAKE CARE OF EACH OTHER.

WITH LOVE,
TRENT & ATTICUS“

Sie schreiben über den Wert der Musik und wissen sicherlich auch um die Wirkung auf ihre Fans, welche die Veröffentlichung dieser langerwarteten Alben hat. Es gibt wenig, was einen Fan glücklicher macht, als ein neues Release und wenn es dann auch noch zwei Alben sind, dürfte es beinahe der Jahreshöhepunkt sein.

Beide Alben bieten Raum für Interpretation, die vor allem für Nine-Inch-Nails-Fans interessante sein könnten. Reznor hat das Prinzip des Selbstzitats schon lange verinnerlicht und so dürften Songtitel wie „Still Right Here“ da auffallen, ist es doch eine mögliche Anspielung auf „Hurt“, die Ballade des Albums „The Downward Spiral“, welche durch Cashs Cover noch bekannter wurde. Auch ist der Albumtitel „Together“ interessant, denn es ist eine mögliche Anspielung auf „We’re In This Together“ und auch der Titel von „Ghosts VI“ ist vielleicht tiefgründiger, als er zuerst anmutete. "Locusts" heißt übersetzt "Heuschrecken" und könnte eine Anspielung auf die biblische Plage sein, welche uns momentan in Form des Corona-Virus' heimsucht. 

Ob die beiden Alben nun von langer Hand geplant waren oder nur das Produkt des Wahnsinns der Quarantäne sind, weiß man nicht. Fans der Band dürfte es auch herzlich egal sein. Wenn Trent schon seine Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall Of Fame nicht feiern kann, so haben wir wenigstens neue Musik. Wer neue Texte von Reznor erwartet hat, wird mit den beiden „Ghosts“-Alben eher Enttäuschung finden. Wer aber „Ghosts I-IV“ liebte oder großer Fan der Scores von Reznor und Ross ist, sollte sofort die Streaming-Plattform der Wahl aufsuchen oder es eben direkt auf der Band-Website runterladen.

„Ghosts V: Together“ und „Ghosts VI: Locusts“ gehören bereits jetzt schon zu meinen Highlights im Jahre 2020. Gut, die Konkurrenz ist auch eher scheiße. AfD auf dem Vormarsch und das Corona-Virus, das mich als Krankenpfleger doch mehr beschäftigt, als mir lieb ist. Aber auch wenn es ein gutes Jahr wäre, würden die beiden Alben natürlich ein Highlight für mich sein. Seit zwölf Jahren habe ich auf einen Nachfolger zu „Ghosts I-IV“ gewartet und hatte die Hoffnung eigentlich aufgegeben, da sich Reznor in ruhigen Gewässern im Score-Bereich eigentlich gut ausleben konnte. Aber nun sind es gleich zwei Alben geworden, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Eben genau deshalb solltet ihr hören, was Reznor und Ross in diesen grausigen Zeiten bieten, um für eine Weile aus der Realität zu fliehen und sich der schönen und unschönen auditiven Welt zu stellen. 

Danke dafür.