Joes Nagelstudio: "The Downward Spiral" - darf's noch etwas Depression sein?

Seit mehr als zwei Jahren will ich einen Text über mein Lieblingsalbum schreiben. Mehrere habe ich angefangen und kam nie wirklich weiter. Doch nachdem ich diese Kolumne ins Leben gerufen hatte, war klar, dass es nun endgültig Zeit wird, um über „The Downward Spiral“ zu schreiben.
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Als ich 2005 auf Nine Inch Nails stieß, wusste ich nicht, was mich erwartet. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten verliebte ich mich und kaufte nach und nach alle Alben der Band. Wie bei einem Großteil der Fans war ich von der Schönheit von „The Downward Spiral“ überwältigt und auch nach 15 Jahren ist die absolute Liebe zu diesem Album nicht erloschen. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt mein Hund unter einer Flagge mit dem Artwork des Albums und auf meinem Nachttisch liegt „Into The Never“ von Adam Steiner, in welchem es auch um das Album geht. Kein Album hat mich je wieder so beeindruckt. Ich hoffe, ich kann euer Interesse wecken und euch die Tür in die Welt von Nine Inch Nails ein kleines bisschen aufstoßen.

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„The Downward Spiral“ kam 1994 raus, ist ein Konzeptalbum und beschreibt die namensgebende Abwärtspsirale in all ihren Schwarztönen. Der Verfall und das Verlieren jeglicher Menschlichkeit und Hoffnung wurde eindrucksvoll in Noten gepresst und mit Lyrics untermalt. Reznor ist Perfektionist und trotz der unzählbar vielen Schichten in den Songs wirken sie menschlich, brutal und roh. Die hörbare Verzweiflung beeindruckt mich bis heute und hat eine unbeschreiblich Schönheit an sich. Ein Album über Selbstzerstörung, Depression, Abhängigkeit, Schmerz und Suizid ist vielleicht etwas, was manch einem Menschen zu viel sein könnte und das kann ich verstehen. Wer depressive Musik nicht mag, braucht das Album gar nicht erst anhören. Alle anderen sollten beim weiterlesen schonmal den Streamingdienst ihrer Wahl starten, während ich euch erzähle, warum ihr das tun solltet.

Nine Inch Nails (bzw. Trent Reznor, welcher zu dieser Zeit das einzige Studiomitglied der Band war) war als Band bereits bekannt für provozierende Musik, doch die Wut und die Depression kam erst auf diesem Album voll zu Geltung. Trent Reznor beschreibt und besingt den Untergang und Verfall einer Person bis hin zur Selbstzerstörung. Es gibt keine hörbaren Barrieren für Musik und Text. Das Album klingt trotz seines Industrial-Sounds ungebändigt, roh und menschlich. 

Schon der Opener „Mr. Self Destruct“ beginnt mit einem Sample aus dem Film „THX 1138“ und man hört einen Mann, der immer wieder geschlagen wird. Danach beginnt Reznors Stimme über hämmernde Beats und verzerrte Gitarren zu singen und zu schreien. Kein leichter Start für ein Album und doch passt er besser als jeder andere Song, denn hier wird klar, was „The Downward Spiral“ ist. Ein Album über eine Person, die ihr Leben hinterfragt und sich Stück für Stück von der Welt entfernt. Dieses Motiv, also den Kontakt zur Welt zu verlieren, setzt sich durch das Album hinfort. Mehr und mehr driftet Reznor in seinen Texten in dystopische und depressive Sphären ab, bis dies unweigerlich im vermeintlichen Suizid der Hauptfigur endet. 

Songtitel wie „Eraser“, „Ruiner“ oder „Hurt“ (ja, das ist der Song, den Cash 2002 gecovert hat) zeigen bereits beim Lesen der Playlist, dass es kein Album für schöne Momente ist. Die meisten Tracks sind überladen mit verzerrten Instrumenten, Samples und destruktiven Texten. Die einzige Ausnahme ist „A Warm Place", welche als einziges Instrumentalstück sanft, einsam und traurig klingt. Bis heute bekomme ich bei dem Song eine Gänsehaut. Einige dürften den Song übrigens auch aus „Natural Born Killers“ kennen, aber das nur am Rande.

Abgesehen von den depressiven und destruktiven Texten bietet „The Downward Spiral“ vor allem eines: abwechslungsreiche Musik. Mal wird eine Gitarre so verzerrt, dass man sie als solche kaum noch erkennt und dann gibt es wiederum ruhige und behutsame Synthie-Momente. Die Wechsel wirken nie deplatziert und beweisen das Können des dahinterstehenden Künstlers. Selbst der erwähnte Song „Ruiner“ klingt in seiner Eigenartigkeit genial, obwohl Reznor nie so wirklich zufrieden damit war. Eigentlich waren es mal zwei Tracks, die dann irgendwie zusammengewachsen sind. Und auch „Hurt“, welches die Konzerte in den letzten Jahren traditionell beendete (davor war es für lange Zeit „Head Like A Hole“) klingt mit seinen Disharmonien einfach nur gut. Man kann das Cover von Cash mögen, aber für mich kam es nie an die Zerbrechlichkeit des Originals heran. Da war einfach mehr Gefühl drin. 

Wie bereits erwähnt ist „The Downward Spiral“ ein Konzeptalbum. Die Tracks funktionieren problemlos einzeln, aber wenn man sich die Zeit nimmt, das Album komplett durchzuhören, macht alles noch viel mehr Sinn. Man kann die gedankliche Entwicklung des Protagonisten miterleben und hört und spürt die Abgründe in welche er starrt und welche ihn in sich hinabreißen. Es versteht. Die ungebändigte Wut und die lebhafte Verzweiflung der Songs, gepaart mit den tieftraurigen Momenten, machen das Album an schlechten Tagen zu genau dem Freund, den man sucht. Keine Fragen, keine Antworten. Einfach nur da und scheinbar verständnisvoll. Es mag abgedroschen klingen, aber dieses Album hat mich vermutlich vor einigen großen persönlichen Fehlern bewahrt.

„The Downward Spiral“ ist ein Album für die Stunden, Tage und Wochen im Leben, in denen Nichts mehr Sinn ergibt. Dieses Album zeigt Verständnis und gibt einem das Gefühl, nicht die einzige Person zu sein, der es so geht. Es hört beinahe zu. Der Sound ist teils anspruchsvoll und kann beim ersten Hören eventuell auch etwas überfordern. Lässt man sich jedoch darauf ein, erschließt sich ein wundervolles Stück Musikgeschichte. Unter all den Schichten von Synthies, Distortion und Schreien verbirgt sich ein rohes, persönliches und gefühlvolles Album, welches nur so wie es ist auch funktioniert. Und es ist absolut großartig.