Im Kreuzverhör #26: Gustav Mahler - "2. Sinfonie"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Felix Gustav Mahlers zweite Sinfonie - die "Auferstehungssinfonie" - in den Ring.
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Achtung Hottake: Für mich stehen die Sinfonien von Gustav Mahler deutlich über denen von Beethoven. Das ist weniger dem Können der beiden Komponisten geschuldet als eher ein Resultat der Zeit. Schließlich konnte Mahler auf das aufbauen, was Beethoven mehrere Jahrzehnte zuvor begonnen hatte. So zum Beispiel in der Zweiten: Die klangliche Tiefe, mit dem der als „Totenfeier“ überschriebene 1. Satz eröffnet, ist schlicht überwältigend. Auch nach zehnmaligem Hören entdeckt man noch neue Details, die teilweise so kurios sind, dass man sich fragt, wie man sie überhaupt überhören konnte – Glissandi, die abstürzen wie Divebomber; ein wildes Zwitschern in den Flöten; ein Kontrabass, der munter durch mehrere Oktaven klettert.  Auch das Andante, üblicherweise eher der Zeitpunkt für liebliches (und recht langweiliges) Geschunkel, verschlägt es teilweise auf höchstspannende Abwege, ebenso wie die verspielte „Fischpredigt“, alias der 3. Satz. Gut, das Alt-Solo im 4. Satz ist melodramatisch bis über die Schmerzgrenze, bereitet aber das große Payoff im 5. Satz vor, der mit einem riesigem Schlusschor, einem Fernorchester und echten Glocken (!) das Finale einläutet. Mahler durchbricht hier – ebenso wie Beethoven in seiner berühmten Neunten – die Schwelle zwischen vokaler und instrumentaler Musik. Nur dass die „Auferstehung“ mal viel mehr knallt als dieses Kinderlied von den Götterfunken...

Jetzt ist es also endgültig passiert: Album der Woche schreibt über klassische Sinfonien. Unsere Punk-Leserschaft entfernt auf Facebook endgültig verächtlich ihr Like und das Feuilleton rümpft die Nase, weil sich diese ungebildeten Fanzine-Macher plötzlich anmaßen, etwas über Mahler wissen zu wollen. Ich nehme Felix' Kreuzverhör-Challenge einfach mal als Aufforderung wahr, zu beweisen, dass fünf Jahre Musikwissenschafts-Studium nicht ganz umsonst waren. Gustav Mahler gehörte jedenfalls schon zum Beginn meiner Beschäftigung mit klassischer Musik zu meinen Komponisten-Lieblingen, vor allem, weil seine Tonsprache - ganz der Spätromantiker - so unheimlich reich und "farbenfroh" gestaltet ist. In der 2. Sinfonie, die ich im Rahmen dieses Artikels zum ersten Mal bewusst angehört habe, zeigt sich das etwa gleich beim dramatischen Einstieg, der in eine Reihe ma(h)lerischer (Wortspiel möglicherweise beabsichtigt) Hoch- und Tiefpunkte stürzt und in knapp 1 1/2 Stunden immer wieder neue Wege findet. Ist es nicht spannend, Musik zu hören, die einem fast nie mit Altbekanntem begegnet? Die 2. Sinfonie benutzt zwar nicht wie Mahlers 6. gleich einen massiven Holzhammer für seine brachiale Wirkung, das Finale ist aber trotzdem mindestens genau so epochal. Beim Hören denke ich aber vor allem immer wieder an Luciano Berios "Sinfonia", ein Avantgarde-Stück aus den späten 60ern, das sich an einem riesigen Zitat-Kanon aus Spätromantik und Frühmoderne bedient und in dem die in dieser Sinfonie auftauchende "Fischpredigt" einen sehr prominenten Platz einnimmt. Übrigens ein guter Einstieg für jeden, der sich mal auf die spannenden, aber bisweilen zugegeben ziemlich schwer zu hörenden avantgardistischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts einlassen will. Vielleicht sollte demnächst auch mal Stockhausen im Kreuzverhör zu Wort kommen - bald haben wir die Redaktion offenbar so weit!

So, nachdem die beiden Musikstudenten hier gerade mit hochtrabenden Fachausdrücken glänzen konnten, gebe ich jetzt mal meine ungebildete Meinung dazu. Also weg mit den Einstecktüchern und stellt den Merlot wieder zurück ins Regal. So viel vorab: mein gesamtes Wissen über klassische Musik stammt entweder aus der Kinderserie “Little Amadeus”, oder aus dem Falco-Song mit demselben Protagonisten. Man erwarte also nicht zu viel Sachkundigkeit. In Anbetracht dieses eher schmächtigen Wissens habe ich meine ganz eigene Messweise für diese Art Musik entwickelt, den sogenannten HZI (“Hans-Zimmer-Index”). Dessen einzige Aufgabe ist es, folgende Frage zu beantworten: Ist es besser als der Soundtrack von “Interstellar”? Weil wenn nicht, könnte ich auch einfach den hören. Bevor der Mob sich jetzt “Banause”-schreiend und mistgabelschwenkend auf die Straße begibt: ja ich weiß, das klassische Musik und Filmscores nicht dasselbe sind. Es ist mir aber egal, denn für mich sind die beiden “Genres” insofern gleich, als dass ich sie beide nur zu den gleichen bestimmten Anlässen gern höre. Erstens in einem Live-Setting, mit Orchester und so, und zweitens zum Einschlafen. Letzteres funktioniert mit Mahlers 2. Sinfonie schonmal super. Auch in einem Konzert ist das bestimmt total beeindruckend, ich tue mich nur einfach sehr schwer damit, mir anderthalb Stunden konzentriert Musik anzuhören, die so weit weg ist von dem, was ich mir normalerweise durch die Gehörgänge jage. Und auch wenn das alles schön und spannend ist mit den Divebomber-Glissandi und so, ich kann mich da nicht so richtig reinfühlen. Ich will nicht ausschließen, dass ich diese Musik hart abfeiern würde, wenn ich auch nur ansatzweise einen Plan davon hätte, was da genau passiert, aber bis es soweit ist höre ich dann doch lieber den “Interstellar”-Soundtrack...