Alt-J und "Relaxer" - wenn eine fantastische Band noch besser wird

Wie schreibt man eine neue Platte, wenn man bereits zwei Alben lang großartig war? Alt-J wissen die Antwort: Man macht fast alles anders und schafft damit das beste Werk seiner Karriere.
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Alt-J waren schon immer eine Welt für sich. Das britische Indie-Trio vereinte in seinen Songs eine derartige Vielzahl an musikalischen Elementen, dass es kaum möglich schien, einen treffenden Konsens für seinen Stil zu finden. Die farbenreichen Folk-Pop-Kunstwerke der Band entfachten wie in „Taro“ mal eine unglaublich durchdringende Schönheit, mal einen verqueren Groove wie in „Left Hand Free“, waren dabei aber immer eine komplexe Abhandlung facettenreicher Kreativität. Und nun, da es kaum möglich erschien, überhaupt noch neue Ansätze aus dem schon so ausgeschöpften Ideenpool der Band herausfischen zu können, kommt „Relaxer“ daher. Ein Album, das mit seinem unerwarteten Opener „3WW“ so wahnsinnig unaufgeregt klingt, und trotzdem eine betörende Klangwelt nach der anderen aufbäumt.

Dabei ist schon ebenjener Track mit seiner minimalistischen Gitarren-Einleitung ein kleines Meisterwerk. Alt-J brauchen kein episch-verheißungsvolles Intro, um künstliche Spannung zu erzeugen. Stattdessen repetiert das Trio fast zwei Minuten lang dieselben Töne und entwickelt diese mit verschwindend geringem Aufwand so langsam weiter, dass die Struktur der erklingenden Träumereien schon fast an einen zyklisch bebenden House-Beat erinnert. Gebrochen wird dieses Mantra schließlich von betörendem A-Capella-Gesang, der wenige Sekunden lang aufatmet. Nur einige Augenblicke später verlässt die Band das Schema erneut, dieses Mal mit klanggewaltig aufblitzenden Streichern und großer Theatralik. So entwickeln die Briten ihre Soundwelten progressiv und vorsichtig weiter, ohne zu sehr ihre Grundfesten zu verlassen. Der Zauber des Songs liegt dabei sowohl in seiner Unberechenbarkeit als auch in seiner aufstrebenden Kontinuität – und genau diese parallele Vielschichtigkeit macht die Musik von „Relaxer“ so wahnsinnig beeindruckend.

Denn auch die folgenden Klangexzesse der Band strotzen nur vor aufreibender Diversität. „In Cold Blood“ entfacht mit in den Abbey Road Studios aufgenommen Blechbläsern pompösen Big-Band-Flair, und schafft es gleichzeitig, ein für ein britisches Pfund auf Ebay erworbenes Casio-Keyboard sinnvoll einzubetten. „Adeline“ bäumt sich mit breiten Hans-Zimmer-Streichern cineastisch auf und verleiht seinem vielschichtigen Sound mit abstrus-quietschender Vokal-Lautmalerei ein besonderes Flair. „Pleader“ inszeniert mit seinem gekonnt vorgetragenen Orchestralwerk fast schon Wiener Klassik. „Hit Me Like That Snare“ wirft sich mit seinen klirrenden Übersteuerungen sogar in den Noise und verneint die Suche nach konsonanter Melodik. Alt-J greifen auf „Relaxer“ nicht mehr nach großen Ohrwurmmelodien, wie sie es noch auf „An Awesome Wave“ mit großer Überdeutlichkeit vielfach taten. Und das tut dem Sound der Band unglaublich gut.

Auf ihrer dritten Platte gehen Alt-J den umgekehrten Weg zahlreicher prominenter Beispiele. Statt sich auf großen Erfolgen auszuruhen und ihren Sound langsam der Masse anzupassen, nutzt die Band die Freiheit ihrer Popularität und wütet in zunehmend avantgardistischeren Gebieten. Vielfältig, minimalistisch und komplex zugleich durchwandert die Band unentdecktes Terrain, das gefühlvoll und einzigartig, aber niemals nach Format klingt. Ein gewagtes Experiment, das man verstehen lernen muss, trotz anzunehmender Kontroversen aber einfach fantastisch ist.

Fazit

8.9
Wertung

Was Alt-J auf "Relaxer" abliefern, verdient nichts als Respekt. Trotz großer Aufmerksamkeit auf so galante Weise mit Erwartungen zu brechen und dabei trotzdem so beeindruckend komplex zu bleiben ist eine seltene Leistung. Wer der Band hier Inspirationslosigkeit vorwirft, hat das Album nicht verstanden.

Jakob Uhlig
8.2
Wertung

"Relaxer" ist durchdacht und dennoch frei. Es sind neue Sphären, die sich Alt-J schafft. Viele melodische Wechsel, viel Spielereien, viel Epik, Drama und auch ein bisschen Comedy helfen dem Album, das zu sein, was es am Ende geworden ist - ein echt geiles Teil! "Adeline", mal so nebenbei, ist mein persönlicher Lieblingstrack, während der Rest aber auch nicht viel Abstand dazwischenkommen lässt.

Ole Lange