Jahresrückblick 2022: Jakob

2022 war für mich persönlich ein Jahr großer Veränderungen. Auch musikalisch? Irgendwie ja.
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Umzug, neue Stadt, neuer Job, erstes Jahr seit 2015 ohne Studentenstatus – 2022 war für mich definitiv ein Jahr der Neusortierung. Manchmal bedeutete das auch festzustellen, dass nur der Reset aller Lebensbereiche allein nicht automatisch alle Probleme nichtig macht – umso wichtiger, dass es auch 2022 Konstanten für mich gab. Eine davon war wie immer Album der Woche, das ich auch in meinem sechsten Jahr als Redaktionsmitglied innig liebe und durch das fetteste Event aller Zeiten in Hamburg noch mehr lieben gelernt habe.

Album des Jahres

Ein bisschen verblüfft bin ich bei dieser Kategorie in den letzten Jahren immer gewesen: 2020 und 2021 habe ich an dieser Stelle jeweils ein britisches Jazz-Album zum Sieger gekürt. Meine letzte Platte des Jahres, die noch unter die Kategorie meiner ersten Liebe „Rock“ fällt, war Kora Winters „Bitter“ 2019. Nun schreiben wir 2022, das Jahr, in dem das erste Mal seit fünf Jahren eine neue Fjørt-Platte erschienen ist – eine Band, die mit eigentlich egal welchem Release immer diskussionslos meine Pole Position einholen konnte. Und so völlig überragend – für mich fast schon überraschend fantastisch – „Nichts“ auch geworden ist, so komme ich bei allen finalen Hörduellen doch nicht umhin, Kendrick Lamars „Mr. Morale & The Big Steppers“ zu meinem Album des Jahres zu küren. Lamars Musik verehre ich, seit mich Ex-Redaktionskollege Julius 2017 in die Welt von „To Pimp A Butterfly“ einführte – aber dass seine neue Platte derartig hoch bei mir landen würde, hat mich doch überrascht. Immerhin war „Damn“ von 2017 mir in der Summe doch nicht vielschichtig genug. Was aber Lamars neuer Doppelstreich anbietet, hat mich zutiefst ergriffen. „United In Grief“ dürfte ohne Weiteres als einer der besten Opener der letzten Jahre in Erinnerung bleiben, „Mother I Sober“ ist so offenbarend wie ein Touché-Amoré-Track, „Mr. Morale“ ist einer der härtesten Banger des Jahres. Und dann ist da noch „We Cry Together“, ein Track, dessen Konzept auf dem Papier ganz viele hervorragende Potentiale für abgrundtiefe Fremdschämmomente böte: Ein fast schon musicalartiges Duett nicht mit einer Rapperin, sondern einer Schauspielerin, die gereimte musikalische Darbietung eines Beziehungsstreits, der schließlich ins Vögeln der Partner:innen mündet – alles dabei, um meine Geschmacksalarmglocken ohrenbetäubend laut rasseln zu lassen. Aber Taylour Paige überragt mit ihrer erschreckend realistisch klingenden Ekstatik sogar die Performance eines der besten Rapper unserer Zeit und das Bild eines toxischen Verhältnisses wird mit unheimlicher Tragik gezeichnet. So wird aus alledem plötzlich der Song des Jahres – völlig unangefochten. Es sind nur Schlaglichter, die ich hier in diesem hochkomplexen, genial austarierten und wahnsinnig vielfältigen Meisterwerk Lamars andeuten kann, aber sie zeigen, warum „Mr. Morale & The Big Steppers“ unbedingt an dieser Stelle stehen muss. Den Award für die mieseste Rezension des Jahres vergebe ich gleichzeitig noch an mich selbst, weil mein erster Blick auf diese Platte mir im Nachhinein beschämend oberflächlich vorkommt. Nehmen wir es als gemeinsamen Appell, uns 2023 alle mal mehr Zeit für so hervorragende Alben zu nehmen.

Neuentdeckung des Jahres

War Pretty Lights für mich 2022 eigentlich eine Neu- oder eher eine Wiederentdeckung? In diesem Jahr hatte ich mir vorgenommen, endlich mal elektronische Musik für mich entdecken zu wollen und war dabei so halberfolgreich. Während dieses Prozesses erinnerte ich mich aber an eine Lebensphase, in der diese musikalische Welt in meinem persönlichen Horizont mal ganz kurz cool war: 2012, als Skrillex so angesagt war, dass selbst Komponist:innen für Autowerbungen seinen Stil imitierten, war ich ebenfalls voll dabei und erlebte in der Hamburger Sporthalle bei ebenjenem DJ mein viertes Konzert überhaupt (vorangegangene Chronik: Dead By Sunrise, Linkin Park und eine Band, deren Namen ich hier vor Scham kaum aussprechen mag, die aber laut Selbstbezeichnung wohl deutlich schneller zum Mars kommt als Elon Musk). Voract war damals ebenjener DJ, der mit bürgerlichem Namen Derek Vincent Smith heißt. Erinnern konnte ich mich nur noch an seinen Überhit „Hot Like Sauce“, dieses Jahr lernte ich dann auch sein Album „A Colour Map Of The Sun“ kennen. Was für ein überragend austariertes und vielschichtiges Werk! Ich glaube, da wird in meinem persönlichen Horizont in den nächsten Jahren noch einiges folgen.

Kollaboration des Jahres

Kendrick Lamars und Taylour Paiges fulminantes Duett habe ich weiter oben schon erwähnt, deswegen erinnere ich mich an dieser Stelle an eine ganz andere Zusammenarbeit zurück, die mich Anfang des Jahres komplett aus dem Nichts getroffen hatte: Cro wollte ich in diesem Jahr mal ein paar mehr Chancen geben und war am Ende etwas zwiegespalten. Ganz gut beschreiben lassen sich meine gemischten Gefühle wohl mit dem Album „Trip“, dessen erste Hälfte prolliger Party-Trap ist, während die zweite plötzlich sympathisch psychedelisch wird – irgendwie kann mich nur eine Seite davon überzeugen. Richtig gekickt hat mich aber „Ich liebe…“, ein Song, den Badchieff, Edo Saiya, Majan und eben Cro zusammen gefertigt haben. Das Konzept ist so simpel wie einnehmend: Vier Parts über Liebe, kein Refrain, einfach nur vier Musiker, die über das komplizierteste Gefühl der Welt nachdenken. Verliebt bin ich in dieses Kunstwerk vor allem, weil es das vermeintlich schon so abgegraste Thema nie mit Klischees und gleichzeitig mit einnehmend viel Ehrlichkeit einzufangen weiß. Da ist das Gefühl, die Illusion der Ewigkeit einfach mal zu genießen, auch wenn man ahnt, dass es trügerisch ist. Da geht es um die bedeutsamsten Momente, in denen man seine Gefühle doch nicht aussprechen kann. Und da geht es um die Erkenntnis, dass wir selbst uns oft am meisten im Weg stehen, wenn es um das Entflammen von Liebe geht. Das schönste und zugleich traurigste, was ich in diesem Jahr gehört habe.

Hit des Jahres

Ursprünglich lautete die Überschrift dieses Abschnitts mal „Unwahrscheinlichster Hit des Jahres“, aber so ganz sicher bin ich mir dann doch nicht, ob eine Band namens Polyphia so ein unwahrscheinlicher Kandidat für diese Auszeichnung war. Und doch ist es nicht gerade klassisch, einem Instrumentaltrack diese Konnotation zu geben, Aber wer „Playing God“ gehört hat, weiß ganz genau, wovon ich rede. Die eigentlich unmögliche Gratwanderung zwischen völlig bekloppter Virtuosität und trotzdem bestechender Eingängigkeit finde ich hier sogar noch besser gelungen als im Klassiker „G.O.A.T.“, die Bossa-Nova-Passage am Ende ist ein cooles Gimmick, jede einzelne Melodie ist hier ein Gedicht. Das dazugehörige Album konnte in diesem Jahr nicht ganz mit diesem Level mithalten, aber meine Fresse zeigt dieser Track mal wieder, warum Polyphia die spannendste Gitarrenband der aktuellen Stunde sind.

Textzeile des Jahres

Einiges an lyrischen Absurditäten fällt mir in diesem Jahr ein: Da wären zum Beispiel Alt-J, die in dem Eröffnungstrack ihres Comeback-Albums einen absolut epischen Chor inszenieren, der aber letztendlich nur über das erhabene Gefühl singt, eine eiskalte Kola zu trinken. Oder Bilderbuch, die auf ihrem erfrischend anderen und tollen Album „Gelb ist das Feld“ mal wieder einen genialen Denglisch-Moment nach dem nächsten herausfeuern. Mein persönlicher Favorit stammt hier aus dem Song „Klima“, in dem es heißt: „Aber ich weiß nicht, if I can breathe ohne dich“. So großartig stumpf. Am meisten hängengeblieben sind dann aber doch Fjørt, die sich auf ihrem neuen Alben zwar nicht immer als die allergrößten Dichtkünstler offenbaren, die aber in „Feivel“ daran erinnern, dass selbst die Kämpfe der finstersten Stunden nicht bedeuten müssen, dass alles verloren ist: „Es ist keineswegs alles vergebene Lebensmüh und umsonst / Gibt man diesen ganzen lichtlosen Zeiten 'ne Chance.“ Vielleicht habe ich diese Worte 2022 etwas zu sehr gebraucht.

AdW-Moment des Jahres

2022 habe ich das Gefühl gehabt, diesem ganzen verrückten Haufen hier so nah gerückt zu sein wie noch nie: Persönliche Treffen werden immer häufiger und selbstverständlicher, ich habe bei vielen Menschen aus der Redaktion auf der Couch gepennt, war auf Filmfesten, in Stadionsprecherkabinen und auf Wandertouren. All das gekrönt hat natürlich der Abriss der Woche in diesem Herbst in Hamburg, bei dem fast alle Redaktionsmitglieder anwesend waren und bei dem wir unseren lang gehegten Plan in die Tat umsetzen konnten, ein eigenes Konzert zu veranstalten, Entgegen unserer schlimmsten Erwartungen war der Laden wirklich gerammelt voll und vor allem die Afterparty war absolut überragend. Ich erinnere mich, wie ich Lucio deutlich angeheitert ins Ohr lallte, dass mein Leben gerade einen Peak erreicht hätte. Würde ich auch nüchtern immer noch genau so unterschreiben.