Long Distance Calling und "Ghost" - Open Mic.

Oft und gerne im Poetry-Slam beziehungsweise in der Hip-Hop-Szene als subkulturelles Happening arrangiert, nahmen sich Long Distance Calling nach ihrem jüngsten Meilenstein „How Do We Want To Live“ die Freiheit, Gedanken und Noten in einer per Crowdfunding finanzierten Session freien Lauf zu lassen. Das Ergebnis? Spricht für sich.
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Zuweilen kann man sich nur schwerlich vorstellen, dass die Songs tatsächlich im kreativen Nirwana entstanden sind. Wenn Ideen dieser Güteklasse aus einer Laune der Natur heraus entstehen, dann möge der Erdboden vor dem nächsten, vollwertigen Studiowerk erzittern. Long Distance Calling ruhen sich keinesfalls auf bewährten Rezeptideen aus, sondern lassen allerlei Nuancen anderer Genres zu. „Seance“ lässt die Sirenen erklingen und könnte an der Grenze zu elektronischer Musik jederzeit in einem Techno-Beat aufgehen. Doch stattdessen setzen dampfmaschinenartige Gitarrenspuren ein, welche die stolze Spielzeit von 8 Minuten in eine dramaturgische Berg- und Talfahrt verwandeln. Speziell dem Schlussdrittel sollte eine besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden, da hier alle Fäden zusammenlaufen und man sich unwillkürlich fragen muss, wann denn bitte mit einem dazugehörigen Musikvideo zu rechnen ist. Sprechen wir von cineastischer Untermalung, darf „Fever“ natürlich nicht fehlen. Während in den Kommentarspalten von den „Pink Floyd des Metal“ (vermessen oder nicht) die Rede ist, vermag man den Song selbst gar nicht recht einzuschätzen. Im Vergleich mit den anderen Hochkarätern ist er eher ein Glanzstern im Verborgenen, der allerdings auf der Langstrecke reichlich Boden gut macht. Für einen Marathon sind alle Rüstmittel in doppelter Ausführung vorhanden, so viel steht fest.

„Negative Is The New Positive“ steht für düster-melodiöse Gotteslästerung im Fahrwasser von Black Sabbath. Beehrt uns hier der Prince of Darkness höchstselbst? Nicht ganz, vielmehr ein recht begabtes Münsteraner Quartett, das nicht zum Spaßen aufgelegt ist. Die Anhängerschaft der härteren Gangart erhält ihr Rundrum-sorglos-Paket und wird mit verzerrten Spracheingaben im Mittelteil auf die Folter gespannt, ehe sich LDC zu einem brachialen Finale aufschwingen. Großartig. „Old Love“ versprüht einen Hauch von „Riders On The Storm“ (in der NFSU2-Version). Maximale Lässigkeit geht mit maximaler Lust an neuen Klängen einher. „Black Shuck“ war bereits im Vorhinein bekannt und ist der wohl der konservativste Ansatz auf dieser Veröffentlichung: Progressiver Rock wie man ihn zu schätzen und lieben gelernt hat.

Am Ende repräsentiert die "Ghost"-EP eine beachtliche Finesse, deren stilistische Ausrichtung mit „Dullahan“ als Opener zunächst im Dunstnebel lag. Doch nachdem dieses an ein Krimi-Intro erinnerndes Glutnest verglommen ist, steht die Bühne frei für Long Distance Calling in Höchstform. Eine musikalische Bereicherung, nicht nur für Fans.

Fazit

8.5
Wertung

Um Wettbewerbsverzerrung vorzubeugen, sollten nachfolgende Releases aus dem Hause Long Distance Calling vielleicht nicht weiter von meiner Person besprochen werden? Mit einer schwindelerregenden Punktzahl im Handgepäck grinse ich mir einen Hecht.

Marco Kampe
8.5
Wertung

Long Distance Calling erschaffen mit "Ghost" eine experimentelle und aufregende EP, die nicht zuletzt wegen ihres Facettenreichtum in ihren Bann ziehen kann. 

Meret Stursberg