Long Distance Calling und „Eraser“: Diametrale Gefühlswelten

Obacht: Trotz überdurchschnittlicher Vorgängeralben soll hier die journalistisch-kritische Sichtweise nebst größtmöglicher Neutralität gewahrt werden. Ob jenes Vorhaben gelingen kann und zu welcher Punktewertung dies letztendlich führt, werden die nun folgenden Eindrücke offenlegen.
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Long Distance Calling zelebrieren das Konzeptalbum, sie verehren das Experiment. Nicht zum ersten Mal leitet eine präzise vorgegebene Stringenz durch die insgesamt neun Tracks, welche sich diesmal den Schattenseiten des Anthropozäns widmen. Bedrohte, beinahe hoffnungslos verlorene Tierarten erhalten ebenjenes Bühnenlicht, welches ihnen im Angesicht von Klimaerwärmung und Umweltzerstörung allzu oft verwehrt bleibt. Dramatische Weckrufe und Funken der Hoffnung wechseln sich im Minutentakt ab. Bandangaben zufolge wurde im Entstehungsprozess von „Eraser“ ausschließlich auf real aufgenommene Tonspuren und gerne mal auf natürlich hervorgelockte Klänge gesetzt.

Dafür spricht das selbst für LDC-Verhältnisse überraschend anmutende „Sloth“. Das aus einem Gastbeitrag entstandene, schwermütige Saxophon inszeniert einen perfekten Abgesang auf Selbstverständlichkeiten, die keine (mehr) sind und eigentlich auch nie als solche wahrgenommen hätten werden dürfen. Von gleichsam schwermütigem Charakter ist das als allererster Vorbote ausgekoppelte „Kamilah“. Während der Song selbst zwischen Höhen und Tiefen, Dynamik und Depression wandert, ist auch die auf Zeichnungen basierende Videoumsetzung einen Sehdurchlauf wert. Es ist immer wieder beeindruckend, wie viel ohne Worte ausgesagt werden kann. Kaum sind die Waldrodungen einigermaßen verdaut, ereilt das Auditorium der nächste Schicksalsschlag. „500 Years“ ist die musikalische Verneigung vor dem Grönlandhai, der unter günstigen Umständen ein für Menschen unvorstellbares Alter erreichen kann. Der Song driftet in tiefe Abgründe und wirkt dabei stets erhaben - dem Anlass entsprechend.

"Blades“ bietet Heavy Metal in bestem Sinne. Starkes Riffing, eine gute Produktion und viel Durchschlagskraft. Das Zusammenspiel aus Vertonung und dahinterliegendem Konzept funktioniert. „Giants Leaving“ schwingt sich durch luftige Höhen und fängt die Dynamik maritimer Witterung gelungen ein. So rasch wie in Küstennähe ein Sturm aufziehen kann, so rasch stürzt sich dieser Track auf seine menschliche Beute und verdeutlicht die Dramatik mit Bravour. „Blood Honey“ driftet in dessen gut zehnminütiger Spielzeit in Jazz-Gefilde ab, besinnt sich dann allerdings auf die Vorzüge einer zerklüfteten Rock-Landschaft. Branchenfremde Bereicherungen lassen sich auch im Falle von „Landless King“ erkennen. Funkige, an die Red Hot Chilli Peppers angelehnte Klänge, mögen im ersten Moment deplatziert erscheinen, doch entfalten sie im späteren Verlauf ein weiteres Mal die verblüffende Fähigkeit der Münsteraner, verschiedene Fragmente zu einem überzeugenden Gesamtwerk zu vereinen. Die Erwartungen, die das anfängliche „Enter: Death Box“ als getragenes, unheilvolles Piano-Intro schürt, werden tatsächlich noch übertroffen. Glanzvolle Musik mit glanzlosem Anlass.

Das vorliegende Album ist trotz der beschriebenen Ausflüge weniger experimentell als es „How Do We Want To Live?“ vor zwei Jahren gewesen ist. Doch führt die weitläufige Rückbesinnung auf klassischen Progressive-Rock keineswegs zu Tristesse. Vielmehr bündeln Long Distance Calling ihre Stärken und reichern diese mit dezent platzierten Nuancen an, was zu einer erneut bemerkenswerten Gesamtwertung führt. Ein ausnahmsloser Anspieltipp, der eine Frage unbeantwortet lässt: Kann „Eraser“ wirklich Anlass zur Freude geben, im Angesicht dessen bedrohlicher Gemengelage?

Fazit

9.1
Wertung

Mein erster Text seit Dezember 2021 und für kaum ein seither erschienenes Werk hätte ich lieber einen Gastbeitrag verfasst. Auch mit größtmöglicher Objektivität wird man hier unweigerlich zum Fan.

Marco Kampe