Kettcar und „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“: Neue Blickwinkel, alte Stärke

Eineinhalb Jahre nach ihrem Studioalbum „Ich vs. Wir“ veröffentlichen Kettcar eine fünf Titel umfassende EP mit dem Titel „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“. Diese stellt keine Ergänzung oder Fortsetzung des Vorgängerwerks dar, sondern kann für sich alleine mindestens genauso glänzen und in einzelnen wenigen Punkten sogar noch einen draufsetzen.
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„Ich vs. Wir“ hat ohne Zweifel Maßstäbe in der deutschen Popmusik gesetzt. Kettcar haben sich nach einer vierjährigen Pause im Jahr 2017 sowas von deutlich und politisch positioniert zurückgemeldet, dass sich „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ großen Erwartungen und noch größeren Hoffnungen auf qualitative Wiederholung ausgesetzt sieht. Können die Hamburger an diese Maßstäbe anknüpfen, geschweige denn diese sogar nochmal übertrumpfen? Eine erste Auffälligkeit ist, dass Kettcar den Blickwinkel auf das Leben und die Gesellschaft ändern. Es geht weniger ums große Ganze, mehr um die Geschichten und Schicksale Einzelner. Musikalisch lässt die Gruppe um Sänger Marcus Wiebusch dabei kein bisschen nach und klingt in erster Linie typisch nach Kettcar: Abwechslungsreich, melodisch, ausgeklügelt.

„Palo Alto“ beinhaltet als Opener der EP bereits einiges an Raffinesse und handelt in erster Linie nicht von der gleichnamigen Stadt in Kalifornien, sondern spielt in einem Waschsalon. In diesem versammeln sich im Laufe des Titels immer mehr gescheiterte Persönlichkeiten mit aussterbenden Berufen wie Plattenhändler, Pornosternchen oder Kulturjournalist. Deren einzige Gemeinsamkeit ist das Jobcenter und die Zusammenkunft in eben diesem Waschsalon. Die Strophen werden ähnlich wie im bekannten Herzstück des vorangegangenen Albums „Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ eher gesprochen als gesungen. Im Refrain wechselt Marcus Wiebusch in melodischem Gesang und benennt eine der beiden Alternativen dieser Gestalten: Sie können nach Palo Alto ins Mekka der IT-Industrie fahren und alles in die Luft sprengen, um etwas zu ändern. Alternative zwei ist der Suizid, besungen am Ende des Titels.

„Scheine in den Graben“ fällt durch die Liste der Gastmusiker auf, welche sich im letzten Refrain des Titels die Klinke in die Hand geben. Jen von Großstadtgeflüster, Bela B, Jörkk von Love A, Sookee, Felix von Kraftklub, Marie von Neonschwarz, Gisbert zu Knyphausen und Safi teilen sich diesen Refrain untereinander auf, im Hintergrund des Songs schreit David von Fjørt, die dritte Strophe singt Schorsch Kamerun. Eine wohl einzigartige Kombination in einem Track über Wohltätigkeitsaktionen und die Frage danach, ob es vertretbar ist, sich mit wohltätigem Handeln auch noch zu brüsten. Kettcar stellen wie so oft kritische Fragen über Verhaltensmuster und Gewohnheiten. „Notiz an mich selbst“ kommt als dritter Titel ohne gesprochene Strophen und Gastmusiker aus. Kettcar schreiben dafür einen tiefgründigen und ausgefeilten Text über das Hinterfragen der eigenen Selbstverwirklichung. Was wäre gewesen, wenn? Wer weiß.

In „Natürlich für alle“ gehen Kettcar eine Runde Einkaufen und stellen das Konsumverhalten und dessen Auswirkung in Frage. „Im Wagen die Bessere-Welt-Waren, durch den Supermarkt fahren. Jeder ausgegebene Cent noch ein Statement, jeder Euro benennt konsequent unser gutes Verbrauchen. Es ist nicht das was verkauft wird, nur das was wir kaufen.“ Die Frage danach, ob das eigene Konsumverhalten eine Änderung in der Welt, in Herstellung von Lebensmitteln und Waren bringen kann, steht im Vordergrund. Den Schlusspunkt setzt der sensible, ruhige Titel „Weit draußen“. Thematisiert wird das Wiedersehen mit einer alten Freundin, die mit ihrem behinderten Sohn aufs Land zieht, um dem eigenen Scham und den Blicken anderer zu entfliehen. Begleitet wird der Titel dabei nur mit Akustikgitarre und Piano. Ein musikalisch wunderschöner Song, der zum Ende der EP richtig emotional stimmt und die Hörerschaft in die besungene Situation hineinversetzt. Lässt man sich darauf ein, muss man sich für die ein oder andere Träne keineswegs schämen.

Fazit

7.9
Wertung

Kettcar pur. Wieder einmal liefern die Hamburger viel Stoff zum Nachdenken. Wer den Sound der Band liebt, wird auch hier nach fünf Songs zwar glücklich die EP von vorne starten, sich auf der anderen Seite aber darüber ärgern, dass Kettcar uns nur fünf neue Tracks präsentieren. Für ein paar weitere und ein Album auf diesem Niveau hätte ich gerne noch ein paar Monate gewartet.

Mark Schneider