Ferris MC und „Wahrscheinlich nie wieder vielleicht“: Seitenwechsel

Mongo-Clikke-Veteran und Ex-Deichkind Ferris MC kündigt den Anbruch einer „Dekade im Zeichen des Rocks“ an – und legt einen mäßigen Start hin.
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Crossover-Tracks sind für Sascha Reimann alias Ferris MC wahrlich kein Neuland. Bereits seit den ersten Solo-Platten „Asimetrie“ (1999) und „Fertich!“ (2001) mischten sich immer wieder einzelne Gitarrenriffs in die Diskographie des Wahl-Hamburgers. Und so mag auch die angekündigte Kooperation mit Madsen und die damit verbundene Aufgabe des Rapper-Alter-Egos wenig verwundern; scheint sie doch nur der nächste logische Schritt in einer Karriere voller Stilbrüche und Genrewechsel zu sein. Nach der Electro-Phase mit Deichkind will Ferris nun offiziell zu den Rockern übersiedeln.

Das Potential dazu hätte er durchaus. Reimanns Reibeisen-Stimme scheint geradezu prädestiniert für die teils ungewöhnlich harten Madsen-Riffs des neuen Machwerks. Doch bereits die ersten paar Tracks sorgen für Ernüchterung. In „Allianz der Außenseiter“ stolpert Ferris unbeholfen über jegliche Metren und der Titeltrack „Wahrscheinlich nie wieder vielleicht“ entpuppt sich als so nichtssagend wie sein Name. „Für Deutschland reicht’s“ weiß wenigstens noch durch bewusst trashige Schlager-Pop-Ästhetik zu provozieren und hat sogar ein paar lustige Momente; doch kann man sich auch den Eindruck nicht erwehren, dass hier lediglich die Restaufmerksamkeit von „Menschen Leben Tanzen Welt“ abgegriffen werden sollte.

Im Allgemeinen scheinen die sozialkritischen Songs – und von denen gibt es einige – etwas aufgesetzt. „Fake News“ beispielsweise wirkt mit lyrischen Ergüssen wie „Gib mir Fake News, F-f-f-f-fake News“ derart hingerotzt, dass man im Vergleich zu „Für Deutschland reicht’s“ tatsächlich zweimal hingucken muss, um den Trash-Song zu erkennen. Auch besitzt der gleiche Ferris, der vor zwei Jahren auf „Asilant“ noch lustig mit Begriffen wie „Schwuchtel“ und „Schwanzlecker“ um sich warf als wären sie Konfetti, plötzlich die Kühnheit, mit „Shitstorm“ homophobe und anderlei geartete Hate Speech anzuprangern.

Ihm daraus gleich einen Strick zu drehen wäre freilich auch verkehrt, schließlich ist es nur zu begrüßen, dass „Wahrscheinlich nie wieder vielleicht“ von Tracks wie „Deine Mudda“ oder „Wie ne Fotze“ gänzlich verschont bleibt. Der selbsternannte Freak präsentiert sich diesmal tatsächlich als sympathischer Außenseiter und das neue Klangkostüm steht ihm eigentlich nicht schlecht, ist aber auch nicht frei von Rock-Klischee-Flicken. Für Deutschland reicht‘s? Mal schauen.

Fazit

4.2
Wertung

Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht“ ist ein mutiges Genre Experiment, krankt in weiten Teilen aber an eben jener Belanglosigkeit, die der Titel vermuten lässt.

Felix ten Thoren