Little Simz und “NO THANK YOU”: Yes, please!

Gerade mal 15 Monate verteilt eine der besten Rapperinnen der Welt auf dem Nachfolger zu ihrem gefeierten Album “Sometimes I Might Be Introvert” eine Absage nach der anderen.
ab67616d0000b27372f48f1e2e04cc76d06ee708.jpg

Entsprechend der minimalen Wartezeit seit Simz’ letztem Album und der dazu laufenden Tour durch die halbe Welt, hatten wohl die wenigsten erwartet, dass die Londonerin spontan den Nachfolger “NO THANK YOU” droppen würde. Alles an dieser fünften Platte ist eine Selbstermächtigung, eine Emanzipation von der Kontrolle äußerer Einflüsse und eine Absage an den Status Quo. Vom in Großbuchstaben geschriebenen Titel über das Coverfoto, auf dem die mittlerweile 28-jährigen Künstlerin stoisch auf die Kamera herabschaut; verschwunden ist die introvertierte Märchenfigur vom “Introvert”-Cover. Auf dem Cover zu “GREY Area” blickte Little Simz noch träumerisch nach oben, die Kamera in der Vogelperspektive. “NO THANK YOU” reißt die Kontrolle an sich, auch musikalisch.

Keiner der 10 Songs versucht, den theatralischen Pomp eines “Introvert” nachzuahmen, auch wenn “Gorilla” im Intro mit Fanfaren aufwartet. “NO THANK YOU” nimmt in seinem Sound einen Schritt zurück in Richtung der älteren Simz-Platten, bewahrt sich dabei aber einige der Elemente des letzten Albums. Immer wieder brettern Bläser in die loungigen Schlagzeug-Beats, Streicher-Arrangements untermalen die Strophen oder Gospelchöre verleihen der Hook den nötigen Punch. Produziert wurde auch dieses Album wieder von Simz’ Stamm-Beatbastler Inflo. Nach dem minimalistischen Opener “Angel” fährt der erwähnte “Gorilla” einmal durch das gesamte Spektrum der Klangwerkzeuge, die die Platte in den folgenden knapp 40 Minuten auspacken wird. Insgesamt fühlt sich “NO THANK YOU” wie der klangliche Kompromiss zwischen dem eindrücklichen, leidenschaftlichen “Sometimes I Might Be Introvert” und dem düsteren, draufgängerischen Sound von “GREY Area”. Die jugendliche Aufmüpfigkeit und der Geltungsdrang, der noch in Songs wie “Boss” oder “Venom” mitschwangen haben sich zu einer neuen Selbstsicherheit gewandelt, und auch die psychedelische Selbstfindungsreise des letzten Albums scheint – zumindest vorerst – abgeschlossen. Little Simz ist bereit, ihren Blick nach außen zu richten.

Das wird vor allem in den Themen des neuen Albums offensichtlich. Wortgewandt wie eh und je teilt Simz hier gehörig aus. “No Merci” reflektiert pointiert und bissig die Erfahrungen, die sie als junge schwarze Künstlerin in der Musikindustrie, Spoiler: es sind keine guten. Die Abneigung gegen diese Fremdbestimmung äußert sich auch in der Releasepolitik von “NO THANK YOU”. Mit schlappen 3 Tagen Vorlauf und ohne Singles, noch dazu an einem Montag veröffentlicht, schreit die laut und deutlich “Ihr könnt mich mal!”. Und auch auf den anderen Songs geht es nicht viel weniger rebellisch zu. Auf “X” – der Titel ist wohl keineswegs zufällig gewählt – holt Simz zum Swing gegen strukturellen Rassismus aus, stellt abermals die kritischen Fragen, auf die schon BLM seit Jahren keine vernünftigen Antworten bekommen. Dabei verlässt sie nie die High Road, beobachtet und führt vor. Wenn “Sometimes I Might Be Introvert” Little Simz auf ihrer Reise, eine Frau zu werden, war, dann ist “NO THANK YOU” eine Ergründung des Schwarzseins der Rapperin. Auf Songs wie “Broken” oder “Who Even Cares” beleuchtet sie Themen wie generationsübergreifendes Trauma, strukturelle Benachteiligung und mentale Gesundheit, mal fiktiv, mal inspiriert, mal episodisch, mal als selbsterfahrung und mal als Affirmation.

Fazit

8
Wertung

Geerdeter und weniger extravagant als es noch der Vorgänger war, beweist Little Simz auch auf “NO THANK YOU” wieder einmal ihr außerordentliches musikalisches Talent. Das Album schafft den Spagat zwischen anspruchsvoller und innovativer Struktur und nahbaren Texten, ohne dabei den emotionalen Zugang zu entbehren.

Kai Weingärtner