Antilopen Gang und „Abbruch Abbruch“: Triggert

Die Antilopen machen ein „Lied gegen Kiffer“ und die halbe HipHop-Szene flennt, als hätte man der Mäusegruppe in der Kita Ellinghorst soeben den Nachtisch gestrichen. Für alle anderen ist es ein großer Spaß.
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Wer derzeit einmal richtig gut unterhalten werde möchte, sollte im Kommentarbereich des Antilopen-Interviews bei 16BARS vorbeischauen. Grund dafür ist ein Track der Antilopen-Rapper Koljah, Panik Panzer und Danger Dan, genauer gesagt eine Zeile aus diesem Track, die digitale Empörungskämpfe ungeahnten Ausmaßes entfachte: „Wer dauernd kifft wird zwangsläufig Neurechter“. Jetzt könnte man diese Zeile nehmen als das was sie ist – eine der lustigsten Lines des noch jungen Jahres – und sich darauf erstmal einen bauen. Doch das passiert nicht. Unter dem Video wird beleidigt, als stände „Flüchtling“ im Titel, Beweise werden angeführt („Das muss man differenzierter sehen“), nur um im selben Moment von neurechten Kommentaren wie „Die Linken sind halt einfach die neuen Nazis“ untergraben zu werden. Eine fantastische Show.

Und die Antilopen? – Veranstalten ein Symposium, in dem Geisteswissenschaftler mit Vorträgen wie „Der Ruf ist ruiniert. Zur Kritik der Antilopen Gang“ das neue Werk der Rapper analysieren und die Feuilleton-Kritik gleich mitliefern. Kritik an Songs wie „Das Zentrum des Bösen“, in dem das Dorf zum Quell allen Übels erklärt wird („In jedem Dorf gibt es mehr Nazis als Einwohner“ – Panik Panzer). Kritik an ihren einfachen Feindbildern, ihrer linken Haltung, ihrer fehlenden linken Haltung, ihren Pop-Allüren. Ergo, sinngemäß nach Dr. Seeliger: „Die politische Pose der Gruppe ist eigentlich eine ästhetische. Die Antilopen Gang steht wie alle vor dem Problem, etwas zu finden, worüber sie rappen kann. Dabei geht sie eine Bedarfsgemeinschaft mit der radikalen Linken ein, deren Problem wiederum ist, dass sich außer dem Verfassungsschutz niemand für sie interessiert.“ Währenddessen stehen die Antilopen im Publikum und lachen sich kaputt.

Es ist schon beeindruckend, wozu die drei Düsseldorfer mit einigen Haus-Maus-Reimen und rumpligen Beats so in der Lage sind. Ihre große Stärke ist dabei die gleichzeitige Fremd- und Selbstverarsche, mit Zeilen wie „Wenn ihr nicht so dumm wärt, wär' ‚Pizza‘ kein Hit“ oder Rundumschlägen wie „Smauldo“, bei denen sehr viel Wert darauf gelegt wird, möglichst vielen Leuten gleichzeitig auf die Füße zu treten. Allgemein ist das Unangenehme das Metier der Antilopen, nicht zuletzt für sie selbst, die in „Bang Bang“ von ihrem mehr oder weniger desaströsen ersten Mal erzählen. Abgesehen davon finden sich auf „Abbruch Abbruch“ überraschend melodiöse Songs, wie der düstere Geburtstagsblues „Keine Party“ („Ruft mich nicht an / Schreibt mir keine Karte / Überweist mir nur mein Geld“ – Danger Dan) und die autobiographischen Tracks „2013“ und „Abraxas“, die sich mit der Bandgeschichte und dem Suizid des ehemaligen Bandmitglieds NMZS auseinandersetzen. Die Einbettung in den Gesamtkontext des Albums geschieht dabei durchweg reibungsfrei. So können am Ende auch einige Füller nicht darüber hinwegtäuschen: Der Antilopengang ist mit ihrem neuen Album erneut ein Coup geglückt. Ein Coup, bei dem wohl mehr als einmal verzweifelt „Abbruch! Abbruch!“ von der Seitenlinie hereingerufen wurde.

Fazit

7.4
Wertung

Selbstverarsche? Fremdverarsche? Beides, und zwar in Meisterschaft. 

Felix ten Thoren
7.2
Wertung

Die Antilopen Gang werfen ihr neues Album wie eine Atombombe der Sticheleien auf Deutschland und schauen lachend dabei zu, wie sich Fans und Kritiker gegenseitig per wütendem Tastaturgekloppe an die digitale Gurgel gehen. Hier und da etwas hoprig, aber wunderbar unterhaltsam!

Kai Weingärtner