AnnenMayKantereit und "12": Soundtrack für die Gegenwart

"Weißt Du noch? Ja das dacht' ich auch". Die Erinnerungen an ein Leben vor der Pandemie verblassen nicht wirklich und doch ist man es nicht mehr gewohnt mal eben noch raus zu gehen oder sich auf ein schnelles Bier in der Kneipe zu treffen.
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Wenn ein Album die Farbe grau so gut einfangen kann, dann ist es "12" von AnnenMayKnatereit. Es ist schön, melancholisch, gemütlich und nachdenklich. Wie ein warmer Pullover an einem verregneten Novembertag schmiegen sich Text und Musik an das Innere des Hörenden und sorgen für eine schöne Mischung aus Nachdenklichkeit und Wohlbefinden. 

Dieses Album überzeugt auf mehreren Ebenen durch Text, Komposition, sowie Gliederung und Aufbau des Albums. 

Die ersten sechs Songs sind ruhig, nachdenklich und in Moll komponiert. Ein gebrochener Akkord im Arpeggio auf dem Klavier gespielt zieht sich wie ein roter Faden durch zwei Drittel des Albums und wird in schönem Stile vorbereitet. Im ersten Song "Intro" spricht Sänger Henning May "Auf der Menschenuhr schlägt eine neue Zeit. Zwölf." worauf das Thema nur kurz angeschnitten wird. Gefolgt von dem kurzen aber großartigen Acapella Song "So wie es war" der keine Minute lang dauert tauchen AMK dann in die "Gegenwart" und die dazugehörige "Gegenwartsbewältigung" ein, die sich mit politisch hochaktuellen Themen wie die Brände in Flüchtlingslager Moria befassen und das traurigerweise schnelle Vergessen dieses Vorfalls. 

Nach dem ersten Akt atmet die Platte etwas auf und wird zum Teil sogar etwas tanzbar mit den Tracks Sieben bis Elf. Russische, englische und spanische Einflüsse sorgen für Leichtigkeit. Harmonischer Backgroundgesang im Song "Paloma" sorgt für Wohlbehagen, der Song "Ganz egal" überzeugt durch sein leichtklingendes Gitarrenspiel und lässt die Sorgen verfliegen. "Aufgeregt" ist ein schön komponierter toller Feel-Good Song, abgerundet mit einer Hook die an AMK's Coverversion des Songs "Tom'sDiner" erinnert. 

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Das Grande Finale bilden die restlichen Tracks 12 - 16 in denen die oben erwähnte Klaviermelodie sowie auch textliche Abschnitte und das Thema Zeit als rote Fäden wiederkehren. Das Thema Moria wird erneut aufgegriffen um die Wichtigkeit dessen hervorzuheben, darüber hinaus wird der Anschlag im hessischen Hanau thematisiert; "Oder darüber, dass das, was in Hanau geschah, mich bis heute schockiert. Oder darüber, dass Morde, wie dieser, so schnell niemand mehr interessier'n". Der letzte Song "Outro" gibt zum Abschluss dem Hörer/der Hörerin trotz allem die die unterschwellige Botschaft "Habt Euch lieb" mit auf den Weg, denn sich beim Küssen zu messen wie May singt, ist in der Tat "erstaunlich". 

Mit dieser leicht resignierten, bitter-süßen Note bringen AnnenMayKantereit ihr drittes Studioalbum "12" zu Ende und haben ein tolles Kunstwerk in der melancholischen Coronazeit erschaffen. Hut ab. 

 

 

Fazit

8
Wertung

Ein textlich, kompositorisch und musikalisch sehr starkes und facettenreiches Album, mit viel Liebe, hochrelevanten Themen und einer großartigen melancholisch-tanzbaren Nachdenklichkeit. AnnenMayKantereit übertreffen sich selbst. 

Jan-Severin Irsch