Album der Woche beim Reeperbahn Festival 2019

Das Reeperbahn Festival ist mittlerweile ein fester Bestandteil im Terminplan unserer Redaktion. Beim größten Showcase-Event Deutschlands waren wir in diesem Jahr gleich zu dritt unterwegs - und schildern euch unsere Erlebnisse aus allen Perspektiven.
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Festivaltag Eins beginnt bei The Screenshots in der Hanseplatte, einem kleinen Plattenladen im Hamburger Karoviertel. Das Punk-Trio aus Krefeld bietet eine breite Palette an Punk, Noise, Spoken Word sowie Indie-Elementen und schafft es darüber hinaus, die songliche Brücke von „Deutschland“ nach „Europa“ bis hin zu „Google Maps“ zu schlagen. Wir schlagen derweil die Brücke zum Molotow um die österreichische Band Culk zu sehen, scheitern jedoch am Einlassstopp – zum ersten, aber nicht zum letzten Mal bei diesem Festival, das auch während der eigentlich ruhigeren ersten zwei Tage erstaunlich gut besucht ist. So beschließen letztendlich Shatten den Abend, die Nachfolgeband der Hamburger Punk-Formation Findus, die im Backyard des Molotows ein formidables Debütkonzert abliefert.

Tag Zwei, wieder im Molotow, und Black Country, New Road aus London betreten die Bühne. Den Auftritt des Sextetts hatte ich zuvor mit Spannung erwartet, denn Black Country, New Road vereinen den Sound der von mir hochgeschätzten Math-Rock-Hydra Black Midi mit den osteuropäisch anmutenden Grooves von britischen NuJazz-Gruppen wie den fantastischen Sons of Kemet. So findet sich in der Besetzung beispielweise auch ein Saxofonist, der technisch auf allerhöchsten Hochschulniveau spielt. Schade nur, dass auch die Gruppe selbst die Bühnenpräsenz einer Schülerband besitzt. Ganz im Gegensatz zu Shortparis. „Bühnenpräsenz“ ist schon gar kein Ausdruck mehr für das, was die Russen im Indra veranstalten. Ein tanzender Showdrummer im durchsichtigen Netzhemd, ein nicht weniger wild zuckender Frontsänger, dazu technoide Beats und Vocals, die bis ins Unendliche hallen. Shortparis versetzen ihr Publikum in trancertige Zustände und verabschieden sich schließlich mit mehreren Kukuk-Rufen aus dem Off – Eindeutiges Highlight des bisherigen Festivals.

So geht es nach einem Kurzbesuch bei Algiers am dritten Tag auch gleich ein weiteres Mal zu Shortparis, die ein leicht variiertes Set spielen und eine extra Tanz-Choreo mit einbauen. Im Anschluss bespielen Brutus das Headcrash auf dem Hamburger Berg und versorgen den Saal mit brachialen – wenngleich etwas monotonen –  Post-Rock zum epischen Dahinschwofen. Besonders hervor sticht bei dem belgischen Trio Stefanie Mannaerts, die zugleich Schlagzeug spielt als auch die Rolle der Sängerin übernimmt.

Tag Vier beginnt und Jakob und ich entscheiden uns, das Programm etwas zu variieren. So finden wir uns schließlich im Bunker an der Feldstraße wieder, doch nicht im Uebel & Gefährlich, sondern im Resonanz Raum, in dem das klassisch-zeitgenössische Ensemble Resonanz beheimatet ist. Und während manch andere Orchester ihr vergreistes Publikum mit den immergleichen Haydn-Quartetten malträtieren und sich anschließend über den fehlenden Nachwuchs beklagen, zeigt das Ensemble wie man’s richtig macht mit zwei anspruchsvollen zeitgenössen Werken des Komponisten Bryce Dressner, die von einem gut gefüllten Saal und Menschen jeglicher Altersklassen mit Begeisterung aufgenommen werden. Beflügelt von diesem Erlebnis mache ich auf dem Weg zur Poocca Bar, in der sich die Tonali Initiative niedergelassen hat und unter dem Motto „Klassik in den Kiez“ verschiedene Konzerte anbietet. Zwischen den üblichen Schnapsleichen des Hamburger Bergs hat das durchaus ein gewissen Charme, ich gehe also rein. Sie spielen Haydn. Ich gehe wieder raus.

Stattdessen ab in den Mojo Club zur britischen RnB- und Soul-Sängerin Arlo Parks. Die 18-Jährige Londonerin führt mit ihrer rauchigen Stimme durch ein gemütliches Set und hat einen exzellenten Gitarristen dabei, der so manchen Saitenstreichlern aus dem Rock-Bereich den Rang ablaufen könnte. Bliebe zum Schluss noch das dänische Schwesterntrio Velvet Volume, das mit angezerrten Riffs und viel Blumenschmuck für den finalen Abschluss des Festivals sorgt.

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Shortparis

Mittlerweile gehören die vier Tage des Reeperbahn Festivals wirklich zu meinen liebsten Kulturbereicherungen des Jahres. Umso toller, dass ich dieses farbenfrohe Erlebnis 2019 nicht nur mit zahlreichen alten Bekannten, sondern gleich noch mit zwei anderen Redaktionsmitgliedern plus AdW-Veteran Julius teilen konnte, der in externer Rolle unterwegs war. Wie jedes Jahr bin ich mit den unfassbaren Dimensionen des Line-ups so überfordert, dass ich tausend Personen um Rat frage und danach noch weniger weiß, wohin ich eigentlich will. Da ist es manchmal einfacher, sich einfach bei irgendeiner Aftershow-Party zu vergnügen. Mein Bauchgefühl hat mich trotzdem immer wieder zu tollen Konzerten an ungewöhnlichen Orten gespült. Am ersten Tag besuchen wir zum Beispiel alle zusammen The Screenshots inmitten des Schallplatten-Angebots von Hanseplatte. Auch Die Kerzen haben sich für ihren Auftritt am Samstag mit dem St.-Pauli-Fanshop eine ungewöhnliche Spielstätte ausgesucht und verbreiten dort mit ihrem verstrahlten Synthie-Pop und unglaublich viel Charme verdammt gute Laune.

Einige Highlights hat Kollege Felix schon genannt, gewürdigt gehören sie trotzdem nochmal. Was Shortparis bei ihrem Auftritt im Knust abziehen, grenzt schlicht an energetischem Wahnsinn, das Ensemble Resonanz zaubert uns mit Musik von The-National-Ikone Bryce Dessner eine besondere Überraschung. Einen traumhaften Abschluss des Festivals vollführen DZ Deathrays, die ihren wüsten Hardcore-Punk in der Molotow Sky Bar mit derartig viel Nebel unterstreichen, dass man selbst auf den Toiletten im Hinterzimmer noch durch Rauchschwaden wandern muss. Ebenso wild preschen Press Club voran, obwohl Frontfrau Natalie Foster eigentlich verletzt ist und danach mit Krücken den Club verlässt. Im Gegensatz zu Gurr können sie aber trotz Krankheit fertig spielen. Und zwischendrin kommen dann immer wieder so verrückte Geschichten, die einem die Besonderheit dieses Events vor Augen führen. So blockiert Kraftklub-Frontmann Kummer am Donnerstag in einer Guerilla-Aktion eine Bushaltestelle, wirft via Beamer sein neues Musikvideo an die Bauplane eines gegenüberliegenden Gebäudes und spielt anschließend noch ein paar Songs seiner kommenden Solo-Platte. Oder eben Deichkind, die synergetisch zum Klimastreik am Freitag mit einer Demonstration auf die Partymeile stürmen, gratis Pizza verteilen und dann am Abend einen geheimen Gig im Millerntor Stadion spielen. Verrückte Welt!

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Algiers

Dieses Jahr sollte es nun soweit sein: Ich erhörte den Ruf meines Kollegen Jakob nun doch endlich zum Mekka der Musikbranche, dem Reeperbahn Festival zu kommen. Ich wollte nun endlich auch erfahren, warum seine Augen jedes mal funkeln wenn er diese zwei Worte hört, spricht oder liest. Um ehrlich zu sein lockte mich das Programm nun nicht wirklich, denn viele Namen des Lineups sagten mir wenn nur oberflächlich etwas, umso schwieriger gestaltete sich die Tagesplanung für jeden Tag für mich. Also beschloss ich nur gewisse Ankertermine in meinen Kalender festzuhalten und mich ansonsten treiben zu lassen, schließlich hatte ich ja mit Jakob und Felix gleich zwei Kollegen dabei, die sich bestens auskannten!

Das Festival beginnt für mich mit einem Erlebnis, welches sich noch viele Male wiederholen soll: Warten in einer Warteschlange. Im feinsten Nieselregen, aber mit Vorfreude auf die folgenden Tage warte ich auf meine Akkreditierung und bin merke schnell, dass hier vermutlich mehr Delegierte und akkreditierte Menschen herumstreifen werden als zahlende Gäste. Leider verpasse ich gleich einmal die Opening Show und merke schnell auch bei folgenden Veranstaltungen, dass es durchaus ratsam ist, sich eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung in eine Schlange einzureihen. 

An dieser Stelle möchte ich gleich einmal meine Lieblingswarteschlange des Festivals küren. Der Award für die beste Warteschlange geht an OHA! Music und ihre tolle Warteschlange beim Helga! Award 2019! Die Jury, bestehend aus Jakob und mir, würdigt die hervorragende Verköstigung mit Kaltgetränken. Zu dieser Zeit ahnte ich noch nicht, was für eine aufregende Veranstaltung die Awardverleihung werden sollte und wie der erste Eindruck schnell zu Nichte gemacht werden sollte.

Nach dem recht witzigen Einspieler mit "Fake-Kategorien" und netter musikalischer Begleitung an der Heimorgel kippte die Stimmung recht schnell. Mehrere Laudator_innen bemängelten die mangelhafte Geschlechterquotierung sowohl bei den Laudator_innen als auch auf der Bühne. Die Moderation von Carsten Schumacher und Bernd Begemann war in den seltensten Fällen unterhaltsam, insbesondere Begemann, der von sich selbst als "hin­ter­lis­tigste Frau­en­ver­ste­her der Repu­blik" spricht (https://bernd-begemann.de/), jammerte unsouverän in einer Tour. Mittlerweile wird das tolle "Zurück zu den Wurzeln"-Festival für die Kategorie "Bestes Einbeziehen" gewürdigt und auch andere Festivals räumen Preise in den unterschiedlichsten Kategorien ab. Der viel zu lang andauernde Auftritt eines unlustigen Boris Johnson Doubles zwischen zwei Kategorien gibt der Stimmung während der Veranstaltung nun final den Gnadenstoß. Glückwunsch an dieser Stelle allerdings noch an das Open Flair Festival für den Award als Bestes Festival!

Meine Kollegen haben schon diverse musikalische Highlights benannt, weshalb an dieser Stelle eine knappe Top 5 meiner Highlights kommen.

Platz 5: Bazookas für den tollen Ska,gespielt in einem Bus!

Platz 4: Das Ding aus dem Sumpf für den abgefahrenen Mix (und den Spielzeugteppich als Pullover!)

Platz 3: The Screenshots für das unterhaltsame Konzert im Plattenladen

Platz 2: Minipax für mein Punkrock-Highlight!

Platz 1: Press Club für die fantastische energiegeladene Show!