So lernt man Silverstein: Die Album der Woche-Hochschule

Silverstein (gesprochen Silverstien) aus Burlington Kanada sind eine der wenigen Bands, welche sich konstant in die große und lange Emo-Reihe drängeln. Seit mittlerweile über zwanzig Jahren tummelt sich die Band um Charismabolzen Shane Told schon in der Welt der Schreihalsmusik. Dabei kamen bisher ganze elf Alben heraus. Dieser Text soll nun etwas aufschlüsseln, was man davon hören kann oder sollte.
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Wir schreiben das Jahr 2017, es ist mein 21. Geburtstag und ich packe eine Vinylbestellung von einem namhaften Merchhändler aus, mein Geschenk an mich selbst. Nun waren neben drei anderen (welche ich hier nicht näher benennen möchte, weil es schon peinlich ist) auch eine Schallplatte dabei, welche den Namen „Dead Reflection“ trägt, dass zehnte Album unseres Vorlesungsthemas Silverstein. Seitdem teilt sich die Band eigentlich jedes Jahr den ersten Platz in meinem Spotify-Jahresrückblick mit Enter Shikari. Es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens ein Lied der Band höre, eine Platte auflege oder mich selbst dafür ohrfeige (gedanklich), dass ich sie beim Impericon Festival 2018 verpasst hab, weil ich mich komplett verquatscht habe. Die Frage ist hier nur ganz klar, wo anfangen?

Nun ja, bei den Einführungsveranstaltungen, denn für Hochschule sind die kommenden Platten dann doch noch zu Basic.

Seit drei Jahren remastern Silverstein einige ihrer Songs, dabei ging es 2019 um die ersten zehn Bandjahre und 2020 mit "Redux II" um Bandfavorites. Nun sind diese Tracks keineswegs einfach aufgebesserte Songs, bei welchen sich die Screams der ersten paar Alben etwas weniger grausam anhören, sondern neuaufgenommene Lieder. Teilweise sogar mit komplett verändertem Aufbau, als bestes Beispiel sein da Songs wie „My Disaster (2.0)“ und die Akustik Version von „California“ hervorgehoben. Während das eine Lied um einiges härter und besser wurde, bekam Zweiteres eine Version, welche den eh schon fantastischen Song ihres wohl bekanntesten Albums „This is How the Wind Shifts“ noch besser macht. Die Akustikversion von „California“ ist eine dermaßen schöne Ballade, dass sie mir in den richtigen Momenten immer noch Tränen in die Augen drückt. Was ich damit sagen möchte, ob euch das Grundprinzip Silverstein zusagt, solltet ihr bei diesen beiden Compilations wohl am besten merken. Also zumindest, ob ihr euch mit dem „neuen“ cleaneren Sound anfreunden könnt. Wenn nicht, dann könnt ihr entweder den Bachelor überspringen oder euch direkt exmatrikulieren!

Um schnell zwei der Alben abzuhaken und ihre pure Belanglosigkeit so kurz wie möglich zusammenzufassen, ein paar Worte zu „I Am Alive[...]“ und „A Beautiful Place[...]“. Sowohl das 2015 erschienene „I Am Alive in Everything I Touch“ sowie auch das aktuelle Album aus dem Jahre 2020 „A Beautiful Place to Drown“ sind im besten Fall Mittelmaß, so sehr, dass es darüber unsagbar wenig zu sagen gibt. Während sich Ersteres in die Wand aus 08/15 Post-Hardcore einschiebt und somit immer wieder in Vergessenheit gerät, geht „A Beautiful Place to Drown“ so weit vom Silverstein-Sound weg, dass ich es bis heute nur dreimal gehört habe. Eine Pop-Punk-Emo Richtung, die sich absolut nicht schlecht anhört, jedoch qualitativ so sehr abgenommen hat, dass ich eher wenig darüber reden möchte (und kann). Jedoch gibt es ja noch „Dead Reflection“ und „This is How the Wind Shifts“ - und meine Güte sind das herausragende Alben. Während ich „Dead Reflection“ heute vor allem wegen ein paar einzelner Tracks so sehr liebe, ist „TiHtWS“ ein Album ohne einen einzigen Skip (Es sollte unter Strafe gestellt werden einen der Songs zu skippen!). „California“, „In Silent Seas We Drown“ oder „A Better Place“ (vor allem „A Better Place“) sind solche Klassiker, solch ohrwurmbelastete Tracks, dass ich jedes Mal ehrfürchtig erstarre und starke Flashbacks zu meiner Entdeckungsphase der Band bekomme. Nicht umsonst habe ich das Album als eines meiner Platten der Dekade benannt. In diesen Jahren befinden sich die besten Tracks der Band. „Whiplash“, „A Better Place“ oder auch „Ghosts“ sind allesamt tragende Balken dieses Konstruktes, welches ich so liebe. Durch die Melodik und die hohen Produktionswerte dieser Platten sind sie auch die zugänglichsten Studioalben. Hier merkt man als Silverstein-Ersti ganz klar, ob man wirklich weitermachen möchte!

Als kleiner Snack zwischen den Semestern lassen sich diese Alben am besten hören. Während „18 Candles: The Early Years“ eine Zusammenstellung von Demos und ein paar Liveauftritten ist, handelt es sich bei „Short Songs“ um eine der ungewöhnlichen Platten in meinem sehr gut gefüllten Schrank. Hier ist kein Song länger als 1:36 und jeder ist ziemlich hart. Vor allem „Sin & Redemption“ haut so sehr rein, dass ich ihn am Stück hören kann, ohne wirklich müde zu werden. Die B-Seite der 10 Inch Vinyl ist dann eine Zusammenstellung aus Covern kurzer Songs. Dabei geht das Feld der Originale von Gorilla Biscuit über NOFX oder auch Good Clean Fun (Ein Fünf-Sekunden-Track, welchen ihr eben mal schnell anhören könnt!). Wenn Fast Food ein Album wäre, wäre es trotzdem nicht „Short Songs“, weil dass immer noch genug Inhalt hat, aber schnell geht es trotzdem! Was eventuell nicht so schnell und gut runtergeht, sind die Livealben. Zwar sind diese eine annehmbare Best-Of-Alternative, sie haben jedoch ein Problem: Vor allem der erste Livemitschnitt „Decade“ aus Toronto klingt ziemlich schlimm und ist nur etwas für Die-Hard-Fans der Band. Das aktuellste Livealbum „When Broken 15 Easily Fixed“ (Den Gag mit der 15 und dem ‚is‘ hab ich jetzt erst gerafft) hingegen ist eine Liveversion ihres ersten Albums „When Broken is Easily Fixed“. Klingt zwar besser als das andere, ist jedoch keine sonderlich gute Alternative zum richtigen Album. Das alles bekommt daher das Prädikat "kann aber muss nicht", außer „Short Songs,“ das ist kurz und geht gut durch!

Begeben wir uns doch mal in Gefilde, welche schon um einiges weniger zugänglich sind, als es die bisher aufgeführten Platten waren. Auch hier gibt es wieder das Album, welches es sich eher zu vergessen lohnt. „A Shipwreck in the Sand“ besteht wie „I Am Alive in Everything I Touch“ eher aus Fillersongs, während man die wirklich guten an zwei Fingern abzählen kann. Denn sowohl„You‘re All I Have“ als auch „A Great Fire“ zählen zum Besten, was Silverstein je aufgenommen haben. Auch "Rescue" schwimmt eher in der Richtung dieses Albums. Hier sind zwar alle Songs ziemlich gut, allerdings vergesse ich ebenfalls regelmäßig, dass es existiert. Doch auch hier findet sich diese eine Scheibe, welche über sehr viele ihres Genres steht. Mit „Discovering the Waterfront“ gelang den Kanadiern wohl der Durchbruch und das ist kein Wunder, wenn man sich einmal die Tracks ansieht, die sich hier drauf befinden. „Smile In Your Sleep“, „Defend You“, „Call it Karma“ und vor allem der Silverstein Song, welchen jeder kennt - „My Heroine“. (Funfact: in diesem Song geht es nicht direkt um die Droge, sondern um eine Heldin.) Dieses Album ist Emokult und zwar zu 100 Prozent.

Jetzt wird es dreckig. Sowohl das 2007 erschienene „Arrivals & Depatures“ als auch der Erstling „When Broken is Easily Fixed“ sind absolute Liebhaberstücke. Während Menschen, die sich (noch) nicht als Fans der Band zählen, sicher irgendwo mit dem Erstgenannten anfreunden können, ist Zweiteres ein absolutes Chaos aus unverständlichen Screams und fast emotionslosen Cleanparts. Es hört sich einfach grausig an und das ist schade, weil hier potenziell Perlen schlummern, welche (zum Glück) teilweise auf den Redux Alben vertreten sind oder zumindest Live mal etwas besser eingespielt wurden. Ich meine, ich habe mich im Zuge dieses Textes noch einmal durch alle Alben (mehr oder weniger) durchgehört, bei diesem musste ich allerdings wirklich aufhören. Zu sehr stört mich die frühe Stimme von Shane, welche sich zwei Jahre später auf „Discovering the Waterfront“ überraschend stark gebessert hat. Beide dieser Alben sind eine absolute Hassliebe. Vor allem aber „When Broken is Easily Fixed“ ist sehr schlecht gealtert, zumindest wenn man sich andere Alben aus dieser Zeit und diesem Genre anhört. Als bestes Beispiel sei hier „The Silence in Black and White“ von Hawthorne Heights genannt. Nicht nur, weil es um Welten besser klingt, sondern auch, damit mich bestimmte Mitglieder:innen der Redaktion nicht mehr schief angucken, wenn ich ihr aktuelles Album grausam finde.

Und was macht man danach?

Silverstein haben durchscheinen lassen, dass ihr neues Album bereits fertig ist. Nun wurde, kurz nachdem dieser Text fertig war, ihr neues Album "Misery Made Me" für den 6. Mai angekündigt. Von den Singles her würde ich dieses Album ganz klar dem Bachelor zuschreiben, da sie sowohl qualitativ als auch genretechnisch genau in die Kerbe von "Dead Reflection" schlagen. Ob diese Erwartung erfüllt wird, klären wir dann im Mai!

Ach, ganz wichtig, alles in diesem Text ist prüfungsrelevant! Und ja Patrick, auch „Short Songs“.

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