Im Kreuzverhör #39: Neuromonakh Feofan - "В душе драм, в сердце светлая Русь"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Paula "В душе драм, в сердце светлая Русь" von Neuromonakh Feofan in den Ring.
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Als ich mal wieder das Internet nach neuer Musik durchstöberte, hielt ich es für eine gute Idee, mein Keyboard auf kyrillisch zu stellen um so Musik auf russischer Sprache zu finden. Als mir dann das Album von Neuromonakh Feofan angezeigt wurde, konnte ich zunächst nicht wirklich nachvollziehen, wie ein Mix aus russischer Volksmusik und Techno klingen soll. Gleichzeitig war ich aber auch nicht abgeneigt von der Idee, schließlich gibt es endlose Beispiele, in denen Kontraste miteinander harmonieren.

Ich zeigte  das Album meinem Freundeskreis, erntete allerdings nur schräge Blicke und musste den Verlust meiner Playlistrechte für kommende Hauspartys hinnehmen. Doch wenn sie der Platte auch nur den Hauch einer Chance gegeben hätten, hätten sie festgestellt, dass es genau diese in vielerlei Hinsicht weirde Mischung zweier Genres ist, die das Album erst so interessant macht und der Band ihr Alleinstellungsmerkmal verleiht. Mit dieser extraordinären Mischung hat mir das Album sozusagen die Tür zum genreübergreifenden Techno geöffnet. Die Musik von Neuromonakh Feofan macht einfach gute Laune. Das Trio, bestehend aus dem Sänger Neuromonakh Feofan, DJ Nikodim und einem Bären, schafft mit ihrer außergewöhnlichen Kombination aus russischer Volksmusik und Drum N’ Bass eine ganze neue Herangehensweise an elektronische Musik.

Mich zieht vor allem diese geheimnisvolle Atmosphäre an, die durch elektronische Parts immer wieder durchbrochen wird. Feofans tiefe Stimme gibt den Songs eine fesselnde Kraft, die durch die körperdurchdringenden Bässe nur verstärkt wird. Der Storytelling Vibe, der immer wieder durchschimmert, stärkt dazu noch das durchaus dramatische, wenn auch leicht ironische Bild, welches Feofan durch ihre Musik malen. Ich bin einfach ein Fan von kontroversen Genremischungen, die eigentlich nicht miteinander harmonieren sollten und genau deshalb ein so unfassbar spannendes Endprodukt ergeben. Wenn man sich auf den Sound von Neuromonakh Feofan einlässt, hat das Album das Potenzial, einen auf einen anderen Planeten zu bringen. Meiner Meinung nach darf „В душе драм, в сердце светлая Русь“ auf keiner ordentlichen Drum N' Bass Party fehlen.

Что за херня?! Wie so viele vorherige Kreuzverhöre startet auch dieses mit dieser hochkomplex fragenden Aussage. Doch es gibt eine Weitere: "Wie soll ein Mensch das ertragen?". Das jammerte einst Philipp Poisel. Phillip, das ist auch so ein Thema. Warum hat eigentlich in zig Neuauflagen von Duden und Co. niemand eine einheitliche Schreibweise darüber festgelegt, wie man Philipp zu schreiben hat? Das hätte es mir erspart, etwa acht Mal zwischen meinem Google-Tab darüber, von wem eigentlich dieser tolle Song ist, und dem hiermit zu beschreibenden Tab wechseln zu müssen, bis ich es endlich richtig abgeschrieben habe. Zurück zu Phillip: "Wie soll ein Mensch das verstehen?!", jammere hingegen ich, als Paulas Vorschlag zum diesmonatigen Klassiker unseres Fanzines bei mir ankommt. "Viel Spaß :)" schreibt sie dazu. Mein Problem mit Messengern generell: Ich weiß halt nie wie die Leute ihre Aussagen so meinen. Werde ich mit Neuromonakh Feofan wirklich Spaß haben? Meint sie das gehässig, weil sie bereits weiß, dass sie die nächste Qual auf die größtenteils unschuldige Redaktion loslässt? Oder diente Paulas Aussage einfach nur als freundlicher Lückenfüller, um mich nicht jetzt schon vollends verwirrt in den Montagnachmittag zu schicken? Aber ich komme noch einmal auf meine Verständnisfrage zu sprechen. Ich verstehe halt wirklich NICHTS. Das ist einerseits zwar blöd, hat aber auch seine Vorteile. So komme ich erst gar nicht auf den Gedanken über irgendeinen der Titel oder Texte nachzudenken und kann mich ganz der Musik verschreiben. Hier bin ich jedoch voreingenommen, da ich voreilig recherchiert habe und dadurch weiß, dass Neuromonakh Feofan russische Volksmusik "verschlimmbessert". Anderseits habe ich Spaß daran, völlig sinnfrei zu raten, was ein Titel bedeuten könnte (das kann doch beim zweiten Track nur "Kosaken" heißen!"). Auch darauf, dass der sechste Titel "Nachbar" und der elfte "No Home" heißen muss, lege ich mich sofort fest. Ich gebe hiermit zu, dem russischen Künstler nur einen einzigen Durchgang seines Albums eingeräumt zu haben, war jedoch mehr amüsiert als genervt. Ob es für echten Spaß reicht, wird sich zeigen, wenn ich das Ding auf der nächsten Feier zu späterer Stunde auspacken werde.

Mein erster Gedanke zu „В душе драм, в сердце светлая Русь“: Was für ein geiles Cover. Zunächst glaubte ich, der bärtige Balalaika-Barde und der tanzende Bär wären der Feder einer von campy 60er-Fantasy geprägten Zeichner:in entsprungen, aber eine schnelle Google-Bildersuche ergab: die sehen wirklich so aus. Eines der Bandmitglieder trägt Kapuze, ein anderes ein Bärenkostüm. Ich kenne so ein volkstümelndes Cosplay hauptsächlich aus der Metal-Ecke und war deshalb auf breitbeinige Gitarrenwände eingestellt. Stattdessen erwartet mich eine Mischung aus russischer Volksmusik und Drum and Bass. Und das geht erstaunlich gut zusammen. Die Beats sind tanzbar, die Melodien gehen ins Ohr. Die Texte dazu sind mir, mangels Russischkenntnissen, etwas egal. Plötzlich merke ich: Das alles gilt ja eigentlich auch für modernen Schlager, nur haben Neuromonakh Feofan halt die besseren Outfits. Bei längerem Zuhören kam mir regelmäßig die Assoziation zu dem, was man häufig „Kirmes-Techno“ nennt. Und gerade die Assoziation mit Schlager und Camp macht „В душе драм, в сердце светлая Русь“ angenehmer hörbar als die meisten Folk-Crossover-Alben, die sich selbst viel zu ernst nehmen.

Bitte was? Das war mein erster Gedanke, als im Redaktionsplan der Titel des 2015 erschienen Albums von Neuromonakh Feofan auftauchte. Obwohl, der erste Gedanke war, dass es entweder eine Spam Nachricht aus meinem Postfach oder ein Konvertierungsfehler sein muss. Nichts davon ist so skurril wie dieses Album. Ich meine, allein das Cover verspricht viel, aber nicht mal ansatzweise das, was hier angeboten wird. Ein tanzender Bär auf dem Cover und eine russische Version von Gabba Gandalf, der freudig Balalaika spielt. Ja, diesen Satz, der so auch in der „Per Anhalter durch die Galaxis“ Reihe stehen könnte, habt ihr gerade gelesen.

Zum Album. Erst war ich sehr skeptisch, also wirklich extrem skeptisch. Zu hören ist eine Mischung aus Drum N‘ Bass und klassisch (?) russischem Gesang. Doch dann kam Song drei (Ich werde die Titel hier sicher nicht ausschreiben) und ich war voll dabei. Zur Info, ich habe das Album beim Abwaschen und Putzen gehört und hätte nie gedacht, dass dieses Goldstück der russischen Kultur mich dabei zum Tanzen bringen würde. Und es hörte nicht auf. Es folgen harte Breaks, tiefe Bässe und Beats, welche man so auch einfach im Berghain spielen könnte (und sicher auch tut)! Ich meine, stellt euch doch einfach vor, wie auf einmal die gesamte Masse eines Nachtclubs anfängt, im perfekten Russisch diese Lieder mitzugrölen. Ist das eher Fiebertraum oder schon 'ne Szene aus Rick and Morty? Ich weiß es nicht! Nach 53 Minuten war ich dann völlig fassungslos, ich konnte wirklich kaum begreifen, wie sehr mich dieser Sound eingesaugt hat. Bei eurer nächsten Hausparty empfehle ich daher ganz klar, dieses Album ganz heimlich mit in die Playlist einzuschleusen! Aber am besten erst dann, wenn der Abend schon etwas mehr Prozente aufweisen kann, wie soll man das bitte sonst erklären? Nun, darauf ein freudiges „ваше здоровье!“