Im Kreuzverhör #3: Strom & Wasser - "Gossenhauer"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion gemeinsam Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Dieses Mal wirft Lucio charmanten Liedermacher-Pop von Strom & Wasser in den Ring.
Strom und Wasser Gossenhauer Kreuzverhör

Heinz Ratz ist Liedermacher und Aktivist, Dichter und Schriftsteller und Sänger seiner Band Strom & Wasser, um die es in diesem Kreuzverhör gehen soll. Im Jahr 2006 erschien mit „Gossenhauer“ das dritte Album der Band und für mich eine der unterhaltsamsten Scheiben aus der Kategorie der Liedermacher.

Zugegeben, so wirklich passt die Musik der Gruppe gar nicht mehr in diese Kategorie, denn die Band ist hier gewichtiger als bei anderen Liedermachern, wo die Musiker lediglich als Begleitband gelten. Sich in Definitionen zu verlieren macht im Gegensatz zu „Gossenhauer“ keinen Spaß, zu schwierig wäre hier auch eine klare Genre-Definition. Musikalisch trifft sich auf der Scheibe Punk und Polka sowie Ska und diverse Reggae-Einflüsse. Das resultiert nun aber nicht im Chaos, sondern ergibt eine sehr abwechslungsreiche Gesamtaufnahme in den 16 Tracks.

Im Kern ist „Gossenhauer“ eine Ansammlung gesellschaftskritischer Tracks, verpackt mit viel Humor und versteckten Sticheleien. Nun kann politisch-kritische Musik durchaus nach einer Weile sehr langatmig werden. Die Musiker schaffen es aber hervorragend, in jedem Song kleine Geschichten wie in einer Kurzgeschichtensammlung angereichert mit Metaphern zu erzählen, um ihre Botschaften zu transportieren. Die Bandbreite reicht hier von ironisch wie in „Panzerfahrer Jupiter“ über albern wie in „Gut Gut“ über schon fast obszön wie im „CDU-Tango“, in der das lyrische Ich mit der Bundeskanzlerin ein erotisches Abenteuer startet. Gerade in den beispielhaften Songs tritt auch gerade die musikalische Qualität an vorderste Stelle. Kein Song klingt wie der andere und anstatt hier im ewig schnöden gleichen Rhythmus die Lieder runter zu spulen, schafft es die Band immer wieder, interessant zu bleiben und in dem Ensemble mitreißende Lieder zu präsentieren.

Einen unglaublich lyrischen Anspruch mit tiefgründigen Texten kann man in „Gossenhauer“ nun nicht immer erwarten. Wenn Heinz Ratz davon singt, dass die Bundeskanzlerin ihn bittet, ihm weh zu tun und er daraufhin "SPD" ruft, ist das sicherlich eher auf dem Niveau eines Schenkelklopfers. Dennoch hat es mir nach Jahren der Abspielabstinenz wieder Spaß gemacht, diese Scheibe einzulegen und in Erinnerungen an alte Aktivistentage meinerseits und einige Konzertbesuche von Strom & Wasser zu schwelgen.

Sarah Ebert

Allein das Intro des ersten Titels muss ich mir mehrmals anhören, um das schwer verständliche Gebrabbel identifizieren zu können. Beim sich anschließenden Schepper-Song geht es mir genauso und ich befürchte, dass das gesamte Album so klingen wird. Doch schon „Panzerfahrer Jupiter“ kann ich deutlich besser und interessierter lauschen. Da gibt es so etwas Ähnliches wie eine Melodie und auch der Gesang wird verständlich, wenn auch im Marsch-Rhythmus, artikuliert. Im weiteren Verlauf des Albums wird klar: Strom & Wasser bieten von bloßem Klamauk bis hin zu gesellschaftskritischen Ernsthaftigkeiten so ziemlich alles. Musikalisch klingen sie dabei jedoch durchweg pathetisch. Ganz gleich, welchem Genre sie sich während der 16 Titel annehmen, ich vermute ständig, einer Persiflage auf den Leim zu gehen. Als abendfüllendes Unterhaltungsprogramm könnte „Gossenhauer“ für mich eventuell funktionieren, als echte musikalische Bereicherung fällt es leider für mich durch. Lediglich „Vermissmeinlied“ werde ich mir wohl noch des Öfteren zu Gemüte führen.

 

Was zur…wie bitte?…okay. Ich muss zugeben, dass ich das Album bereits kannte. Vor über zehn Jahren saß ich öfter bei Freunden im Proberaum und der Drummer liebte diese CD. Ich hab es nie verstanden. Klar, hinter den teils abstrusen Texten verstecken sich intelligenten Aussagen und gute Sozialkritik. Aber diese Liedermachermusik mit schrulligem Stil ist befremdlich für mich. Und ich mag HGich.T und Vaporwave, bin also Komisches gewohnt. „Die singende Makrele“ geht da noch am ehesten. Beim „CDU-Tango“ muss ich auch ein wenig schmunzeln, aber ziehe dann doch eher „Liebe mit Claudia“ von Vicki Vomit vor, wenn es um Sex mit Politikern geht. Klavier, Gitarre, Blasinstrumente (sowieso eine schwierige Angelegenheit) und die Stimme des Sängers, funktionieren hier nicht für mich. Es klingt ein bisschen so, als hätte man pseudointellektuelle Hamburger Schule-Bands mit Reinhard Mey und Ska gepaart. Klingt grausam, oder? Und genauso klingt dieses Album für mich. Man hat also auf der einen Seite die teils durchaus guten Texte und auf der anderen Seite die Musik, welche den Lyrics im Weg steht, weil ich mich kaum darauf konzentrieren kann. Wäre es nicht für dieses Format gewesen, hätte ich dieses Album nie wieder angehört. Und das war jetzt auch das letzte Mal.

 

Ich weiß ja nicht. Beim seltsamen Intro dieser Platte erwarte ich eigentlich unlustigen Helge-Schneider-Nonsens und überlege mir schon Formulierungen für Hass-Botschaften an Cheffe Lucio, stelle dann aber im Verlauf der Songs fest, dass Strom & Wasser scheinbar doch kein bloßes Rumblödel-Projekt ist. Stattdessen sprechen die Songs der Platte durchaus lebensnahe Probleme an. Dabei bewahren sie sich zwar immer den luftigen Charme von Liedermacher-Stücken, der ernste Unterton aber bleibt. Trotzdem ist der Schneider-Vergleich gar nicht mal so schlecht, denn jener ist ja eigentlich auch ein absolut ernstzunehmender Musiker, obwohl er Songs über Katzenklos singt. Die Botschaften von „Gossenhauer“ haben zwar deutlich mehr Gehalt, so richtig für voll nehmen kann ich sie aufgrund des wilden Timbres von Heinz Ratz aber nicht. Dabei sind seine Songs zwischen Jazz, Gypsy und Songwriter-Pop wirklich gut gemacht und kreativ umgesetzt. Ich kann mir vorstellen, dass die Tracks dieser Platte bestimmt ein nettes Konzert hergeben würden, aus der heimischen Anlage catcht mich sowas aber überhaupt nicht.

 

Ach Ja, diese Liedermacherei. Bands, die nicht zufällig die Monsters sind, haben die unangenehme Angewohnheit, mir schnell auf die Nerven zu gehen. Nun sind Strom & Wasser eine Mischung aus fantastisch und schmerzlich flach. Bei dem ganzen Gedöns noch zu versuchen seriös zu klingen, ist mutig. Wobei ich nicht mit letzter Gewissheit sagen kann, ob das ernst gemeint ist. Quintessenz: Die Platte ist anstrengend. Und nicht auf die gute Art und Weise. Aber immerhin: Das Intro lässt einen wirklich schmunzeln.