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Unter dem Radar #3: Zwo Eins Risiko

Di, 05.06.2018 - 11:58
Im schnelllebigen Digital-Trubel unserer Gesellschaft die Übersicht zu bewahren ist ein Kampf wie David gegen Goliath und eine Hürde, der immer mehr junge Bands erliegen. Eine Universallösung dafür haben Zwo Eins Risiko auch nicht parat, trotzdem begegnen sie ihren persönlichen Widrigkeiten mit auffallender Weitsicht. Essentielles Mittel dabei: „Herz“.

Gründung: 2018
Heimatstadt: Hamburg
Genre: Alternative Rock, Fuzz Rock
Bisher veröffentlicht: /
Für Fans von: Royal Blood, Turbowolf, Royal Republic

Theoretisch könnte man wohl kaum mehr am Anfang stehen als die Brüder Val und Leo Keller. Ihre Social-Media-Präsenz unter dem Bandnamen Zwo Eins Risiko ist erst wenige Wochen alt, Konzerte haben die beiden noch kein einziges gegeben und eine EP oder gar ein Album sowieso noch nicht veröffentlicht. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, das Duo würde sich schon seit Jahren im Geschäft befinden. Die drei Live-Session-Videos, die die Kellers als Startschuss ihrer neuen Band auf Youtube veröffentlicht haben, sind optisch hochprofessionell und klanglich einwandfrei, das Bandlogo ist schnittiger designt als mancher Sportwagen und – an dieser Stelle schon fast die logische Konsequenz – auch die Musik des Duos wirkt wesentlich versierter und ausdifferenzierter als der Output manch alter Hasen. Ja, nicht einmal der Proberaum der Band vermittelt auf den ersten Blick auch nur die leisesten Anzeichen von Halbprofessionalität. Gelegen in der hoch betuchten Hamburger Innenstadt führt der Weg in das kreative Zentrum von Zwo Eins Risiko mitten durch die edle Vorhalle eines Bürogebäudes, das eigentlich viel zu schick für das Reich einer aufständischen Rockband ist.

Dringt man allerdings weiter in Richtung der Bandzentrale vor, lüftet sich der Schleier langsam. Der Proberaum von Zwo Eins Risiko liegt natürlich nicht in einem schnöseligen Loft mit Hafenblick, sondern geradewegs in fensterlosen Kellergewölben. Auf dem Weg durch Baustellen-bedingte Plastikfolien muss man aufpassen, dass einem der von der Decke bröckelnde Putz nicht die Klamotten versaut. Im Proberaum selbst sorgen zwei ausrangierte Couches für Gemütlichkeit, der wohlgefüllte Bier-Kühlschrank ist gleich in Reichweite. Auch in ihrer technischen Ausstattung präsentieren sich Zwo Eins Risiko als Nerds, aber nicht unbedingt als Perfektionisten. Kabel und Effektgeräte pflastern große Teile des Bodens, ein einfaches Stereo-Klinkenkabel lässt sich aber trotzdem nirgends auftreiben. Offenbar sind Val und Leo also doch nicht so undurchdringbar, wie es ihre Fassade zunächst vermuten lässt – was absolut nicht gegen sie spricht.

Schließlich ist auch der Grund für die Versiertheit der Brüder ein ganz rationaler: Zwo Eins Risiko gibt es schlichtweg schon lange vor der Gründung der eigenen Facebook-Präsenz. Ihre musikalische Sozialisation haben Val und Leo stets gemeinsam vollzogen, auch in früheren Projekten. Zu Schulzeiten lernen sie Gitarre und Schlagzeug, um ihren Cousins nachzueifern, die Metallica verehren. Gemeinsam mit zwei Kumpels wagen sie erste Gehversuche als Band unter dem Namen „The Draws“, später erfolgt sogar das gemeinsame New-Wave-Electro-Projekt Epic Epileptic. „Für eine Weile hat dieses Ding echt Spaß gemacht, aber irgendwann fehlt es dir auch, ‚richtige‘ Musik zu machen“, konstatiert Leo im Rückblick auf ihre gemeinsame Vergangenheit als DJ-Duo. „Irgendwann nervt es, ewig nur Pixel zu schubsen. Wir hatten einige Auftritte, auch in verschiedenen Teilen von Deutschland, aber irgendwann willst du auch wieder zurück zum Instrument und deine eigenen Songs spielen.“ Deshalb kehren Val und Leo nach ihrer Zeit am Mischpult wieder in den Proberaum zurück, um sich gemeinsam neu zu finden. Das posaunen sie im Gegensatz zu vielen jungen Bands aber nicht als erstes auf jedem erdenklichen sozialen Netzwerk herum, sondern konzentrieren sich auf das, was beim Start eines neuen Projekts leider viel zu selten im Vordergrund steht: Musik.

Schon als Epic Epileptic wissen die Brüder sehr genau was sie tun. Ihr Vermarktungsgag besteht aus zwei Mozart-Perücken, die die beiden auf ihren Konzerten tragen und immer wieder auf Single-Covern wirkungsvoll inszenieren. Ein Remix von Miley Cyrus‘ „Wrecking Ball“ wird im Internet zum Hit und ergattert zehntausende Klicks, bevor er aufgrund mangelnder Lizenzen von der Gema gekippt wird. Für Zwo Eins Risiko lautet die Mission aber in erster Linie, die Musik so spürbar und nahbar wie möglich zu machen. Will heißen: Leo und Val wollen in der Lage sein, live zu spielen. Dafür feilen die beiden eineinhalb Jahre lang an Stil und Songs. Sie nehmen sogar schon ein Album auf, das seit einigen Monaten auf seine Veröffentlichung wartet. Zu einem abendfüllenden Set gehört schließlich auch ausreichend Material. „Wir haben bei unserer Platte viel Wert darauf gelegt, dass man alles genau so auch live performen könnte. Es gibt eigentlich kaum etwas Enttäuschenderes, als wenn man auf ein Konzert geht und die Songs plötzlich viel dünner klingen. Eigentlich darf man Album und Konzert nicht so wirklich vergleichen, trotzdem muss man auf der Bühne in der Lage sein, die gleiche Energie zu vermitteln.“

Deswegen sind die Live-Sessions von Zwo Eins Risiko nicht nur ein erster Gehversuch, sondern vor allem ein musikalisches Statement. Obwohl Val und Leo nur mit Bass und Schlagzeug bewaffnet sind, klingen sie auch ohne etwaige Playback-Synthies so mächtig wie ein Quartett. Eines, das sich im Kontext zeitgenössischer Rockmusik sehr gut auskennt. Der bluesige Fuzz-Groove der Kellers erinnert nicht zufällig an das britische Sensationsduo Royal Blood, ihre Texte haben einen gewissen Kraftklub-Charme. So formuliert die Band etwa in „Keine Macht den Drögen“ mit frechen Seitenhieben eine Absage an das Spießbürgertum, „Das Gute im Schlechten“ konzentriert sich kongruent zum Titel wiederum auf die positiven Seiten persönlicher Rückschläge. „Du wünschtest, Kurt Cobain wäre noch am Leben? Dann hätte es nur niemals die Foo Fighters gegeben“, heißt es dort zum Beispiel zur Eröffnung. Ein valider Punkt und gleichzeitig die Reminiszenz an eine Musik, die Val und Leo mit jeder Pore ihres Körpers in sich aufsaugen.

So ist das auch das im Rage-Against-The-Machine-Vibe bebende „Herz“ als Appell an die Menschlichkeit zu sehen und verkörpert das Bewusstwerden der eigenen Vision als zentrales Organ der drei veröffentlichten Songs. „Nichts schlägt stärker als dein Herz“ ist daher nicht nur Quintessenz und Wahlspruch dieser Single, sondern steht sinnbildlich für das, was in Val und Leo in den letzten Monaten herangewachsen ist. Nach so langer Zeit im Verborgenen wollen Zwo Eins Risiko mit ihren Songs endlich an die Öffentlichkeit und damit eine Hörerschaft gewinnen, die sich von der Musik des Duos auf mehreren Ebenen aufgerüttelt fühlt. „Es wäre zu krass, die Botschaften unserer Songs als ‚Denkanstöße‘ zu bezeichnen, aber ich würde mir schon wünschen, dass sich die Menschen in unseren Texten zumindest ein wenig ertappt fühlen würden“, kommentiert Leo die Semantik der Lyrik. Aber Zwo Eins Risiko lieben vor allem auch Musik, die einen mitreißt, zu der man sich bewegt und die für denkwürdige Abende sorgt. Eine Prämisse, die die drei Vorboten auf ihr Debüt in jeder Note präzise wiedergeben.

Die Zukunft von Zwo Eins Risiko ist trotzdem noch völlig ungewiss. Die Band steht schon in Gesprächen mit Labels und sucht nach Kooperationspartnern, mit denen sie ihre Platte auf größerer Bühne präsentieren kann, der Ausgang dieser Phase ist aber noch nicht abzusehen. Die Hauptsache ist dennoch, dass Val und Leo Keller an einem Punkt angekommen sind, an dem sie fähig wären, die Szene aufzurütteln. Denn trotz aller technischer Raffinesse und oberflächlicher Versiertheit versprüht das Duo mit seiner Musik vor allem eine wichtige Botschaft: Es ist in Ordnung, sich über holprige Pfade selbst zu finden. Entscheidend ist nur, wann dich jemand hört.