Shitney Beers und „Welcome To Miami“: Schön, nicht so schön und richtig beschissen

Shitney Beers ist ein großartiger Künstlername. Witziges Wortspiel? Check. Pop-Appeal? Vorhanden. Punk-Credibility? Und wie! Allerdings spiegelt sich darin kaum die ungeschönte Aufrichtigkeit, die die Musik auf „Welcome To Miami“ auszeichnet.
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Vielleicht, weil Shitney Beers kein Name ist, der sich gut verkaufen lässt, hat Maxi Haug den Studiengang „Musikbusiness“ an der Pop-Akademie Mannheim abgebrochen und stattdessen Songs geschrieben. Nach vier selbstverlegten EPs erscheint mit „Welcome To Miami“ nun die Debüt-LP bei Zeitstrafe.

Der klamaukige Bühnenname und das bunte Cover täuschen ein weniger ernst gemeintes Album an, als „Welcome To Miami“ tatsächlich ist. Es erinnert an Künstlerinnen wie Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Darcus, mit ihren leisen und dennoch kraftvollen Songs. In seiner ungeschönten Aufrichtigkeit, untermalt meist von einer gezupften Gitarre, denkt man oftmals auch an (die ähnlich genial benannten) Crywank.

Maxi verarbeitet Szenen und Gefühle aus dem Alltag. Und zwar die schönen, die nicht so schönen und die richtig beschissenen. Meistens geht es um die letzten zwei: Das Liebesglück von „Lucky“ zum Beispiel wird getrübt davon, dass es immer wieder Momente gibt, in denen der oder die Partner:in sich emotional entfernt.

Das Drama in einem Song von Shitney Beers spielt sich da ab, wo andere Tracks ihr Happy End setzen, in der Lebensrealität der meisten Menschen. In „Modern Love“ erklärt Maxi, dass das Leben nun mal kein Song von Bloc Party ist und man unter Erwachsenen doch die unvermeidlichen Konflikte ausdiskutieren kann.

Zur Lebensrealität der meisten Menschen, die keine Cis-Männer sind, gehört leider auch, dass sie kaum sorglos nachts das Haus verlassen oder anziehen können, was sie wollen, denn „not all men is still enough“ („Keys“). Dass der Crush zum Stalker wird, wie in „Loudres“, passiert in echt wahrscheinlich häufiger als in Popsongs.

Aber auch von den schönen Momenten erzählt „Welcome To Miami“, und zwar angenehm unaufgeregt: dass es eigentlich egal ist, an welchem Abend man sich verliebt hat, weil es so oder so irgendwann passieren musste („Inevitable“). Oder wie nervenaufreibend dann der erste Besuch bei den Eltern des oder der Partner:in ist, aber man dort ja zum Glück die Person dabeihat, die man liebt („Parents“).

Oft treten Singer-Songwriter:innen in die Falle, dass mit beschränkten Mitteln alles irgendwie gleich klingt. Maxi umgeht diese meistens: Die kurzen Songs konzentrieren sich auf das Wesentliche und oft gibt es ein herausstechendes Element: Da ist der Chor in „Modern Love“ oder das Klavier in „Marcel“. Immer steht jedoch die in knappen Worten erzählte Geschichte im Mittelpunkt.

Auf dem ironisch-bunten Cover wird das Album mit dem Slogan beworben: „If you're a pisces you’ll love it“. Aber auch alle anderen Sternzeichen sollten reinhören.

Fazit

7.4
Wertung

Shitney Beers erzählt die Geschichten, die sonst kaum erzählt werden. In den ehrlichen Songs auf „Welcome To Miami“ hat von Klamauk bis Tragik alles seinen Platz.

Steffen Schindler