Retro Review: „Beatles For Sale“ - oder warum die Beatles nicht überbewertet sind

Mich für diese Retro-Review auf nur ein einziges Beatles-Album zu beschränken, ist mir wahnsinnig schwergefallen. Letztendlich habe ich mich für "Beatles For Sale" entschieden. Und hier ist, warum:
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Die Beatles waren meine erste wirkliche Lieblingsband. Ich, Jahrgang 2001, habe sie um knapp drei Jahrzehnte verpasst und trotzdem haben sie es geschafft, mir so wichtig zu werden, wie auch lange nach der exzessiven Beatles-Phase keine Band mehr. Ich habe angefangen über meinen iPod touch (2000er-Kids werden sich erinnern), auf meiner ersten eigenen Stereoanlage, viel Musik zu konsumieren und die war auch in digitaler Form im iTunes-Store teuer. So teuer, dass ich mir damals mit geschenkten iTunes-Store-Gutscheinen immer nur einzelne Tracks von gerade angesagter Musik gekauft habe. Wie passend, dass mein Onkel der größte Beatles-Fan auf diesem Planeten war und mir, als ich ca. 10 war, auf einer riesigen Daten-CD alle Beatles-Alben in digitaler Form geschickt hatte. Ca. 90 Prozent meiner Musikdatenbank waren also Beatles-Songs, die dann rauf und runter gehört wurden. Besonders als mein Onkel kurz nach meinem elften Geburtstag verstorben ist, ist meine Liebe zu den Beatles und die Bedeutung, die ich meiner kleinen digitalen Sammlung zugeschrieben habe, weiter gewachsen. Und „Beatles For Sale“ ist ein Album, dass es mir auch in Gänze total angetan hat und nicht nur, weil „I’ll Follow The Sun“ der Lieblingssong meines Onkels war.

Dieses Album vereint so viele unterschiedliche Seiten der Beatles. Die ganz klassischen, nur von Gitarren begleiteten ruhigen Songs gehen Seite an Seite mit tanzwütigen Songs wie „Rock And Roll Music“ oder „Everybody’s Trying To Be My Baby“. „Kansas City / Hey Hey Hey Hey“ weckt in mir den starken Wunsch, die Beatles einmal live zu sehen – der Song ist wie dafür geschrieben, den Text abwechselnd mit Livepublikum zu grölen.

Ich erinnere mich auch daran, „I’m A Loser“ als Kind inbrünstig mitgeschrien zu haben, als meine Englischkenntnisse gerade so ausgereicht haben, um den Refrain halbwegs zu verstehen. Und eines muss man den Beatles lassen – neben dem dauerhaften Rumgeschnulze und dem Singen von „Love“ können sie in Songs mit anderen Thematiken definitiv texten. Beispiele finden sich auf dieser Platte aber relativ wenige, zumindest was das Aufbringen anderer Thematiken neben der Liebe angeht.

Die Rhythmik, bzw. die Tanzbarkeit von Boogie Woogie und Rock’n’Roll/Jive in den meisten schnelleren Songs schreit förmlich Sechziger, was ja auch stimmt – es ist schon krass, wenn man sich mal vor Augen führt, dass es die Beatles nur knappe 10 Jahre gab – und nur sieben Jahre lang (neue) Alben erschienen sind. Und trotzdem hatten die vier Pilzköpfe so einen massiven Einfluss auf die Musik ihrer Zeit und von heute. Auch beeindruckt mich jedes Mal, dass George, John, Paul und damals noch Stuart und Pete, zum Zeitpunkt ihres ersten Auslandsauftritts im Indra in Hamburg 1960 erst zwischen 17 und 20 Jahre alt waren.

Ich finde es total schade, wie viele die Beatles heute für überbewertet und ausgelutscht halten. Ja, „Yesterday“, „Let it be“, „Hey Jude“ und Co. kennt jede*r und in diesen Fällen ist es auch wirklich verständlich, wenn man die Songs langsam nicht mehr hören kann. Aber das ist ja lang nicht alles, was die Beatles können oder geschafft haben. Der massive Erfolg und Einfluss kommt nicht von ungefähr und ich empfehle wirklich, mal abseits der Mainstream-Songs in dieses musikalische Werk reinzuhören – zum Beispiel mit „Beatles For Sale“.