Neufundland und „Scham“: „Es wird alles gut – aber stimmt das auch?“

Mit diesem Satz eröffnet die Kölner Band ihr zweites Album, das programmatisch von der Scham handelt, die wir alle täglich empfinden. Anspruchsvolle Texte treffen auf eingängigen Pop und ergeben eine überraschend provokante Mischung, die das Indie-Herz durch pulsierende Synthesizer höherschlagen lässt.
Neufundland Scham Cover

Neufundland empfinden die Scham als Regulativ unserer Gesellschaft, die gleichzeitig omnipräsent ist und dennoch tabuisiert wird. Allein die präventive Verwendung von Kamera-Filtern oder auch das Gefühl der sozialen Ausgrenzung, wenn man am Wochenende keine aufregenden Stories mit den Followern teilt, sind Indikatoren für die vorherrschende Angst vorm Versagen und der damit verbundenen Scham. Daher thematisiert die fünfköpfige Band bestehende Machtverhältnisse und gesellschaftliche Mechanismen, die uns in unserem täglichen Handeln zu beeinflussen scheinen.

In ihren deutschsprachigen Texten verhandeln sie subversive Themen ohne wirklich aufständisch zu sein. Vielmehr formulieren sie ihre Kritik so gewählt und verkopft, dass man genau hinhören muss, um all die ironischen Hinweise, sprachlichen Bilder und ausgeklügelten Wortwitze umfassend zu verstehen. Dabei geht es um persönliche Konflikte wie Entfremdung, soziale Kälte oder die eigenen hohen Ansprüche, aber auch um weitreichende politische Gesellschaftskritik. „Eine Nagelbombe später“ behandelt die NSU-Verbrechen und das damit verbundene institutionelle Versagen und die erste Single-Auskopplung „Männlich Blass Hetero“ beleuchtet selbstkritisch die Privilegien des weißen Mannes im bestehenden Patriarchat.

Bemerkenswert ist, dass diese schwere Kost im tanzbaren Indie-Pop-Gewand daherkommt und nicht zuletzt durch aufregende Synthies und einen verspielten Sound alles andere als gefährlich anmutet. Die charakteristischen Merkmale der Neufundland-Songs sind schnell aufgezählt: komplexe Gitarrenarbeit, schmissige Synthies und ein Fokus auf der Rhythmusgruppe mit besonders präsenten Bass-Lines und Mid-Tempo-Drums. Das wirkt zu Beginn erfrischend anders, läuft jedoch schnell Gefahr, vorhersehbar zu klingen. Wer genau hinhört, erkennt durchaus komplexe Arrangements und detailverliebte Effekte - allerdings eben nur dann. Doch gerade das macht einen Ohrwurm wie „Disteln“ radiotauglich und für ein breites Publikum zugänglich, ohne dabei anbiedernd oder profan zu wirken.

Insgesamt liefern Neufundland nur 1,5 Jahre nach ihrem Debüt eine Platte, die durch die Symbiose von ausgefeilten Provokationen und eingängigem Indie-Pop zu bestechen weiß. Trotz der ein oder anderen Schwachstelle handelt es sich hierbei unweigerlich um eine wahre Bereicherung für die deutschsprachige Pop-Kultur, die hohe Erwartungen für folgende Veröffentlichungen schürt.

Fazit

6.5
Wertung

Neufundland sprechen von Scham und klingen dabei unverschämt leichtfüßig. Die inhaltliche Komplexität spiegelt sich auf musikalischer Ebene allerdings nur zeitweise wider. Die Platte bleibt zwar weit entfernt von schnöder Monotonie, lässt jedoch auch die ersehnte Originalität vermissen.

Sarah Ebert