Moaning und ihr Debütalbum: Überall und nirgendwo

Es gibt viele gute Bands, die ihren Stil dankenswerterweise nicht nur auf eine Schiene beschränken. Das Debüt von Moaning ist allerdings so dermaßen schizophren, dass das Wort „Ambivalenz“ mit ihm eine neue Definition benötigt.
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Und dabei presst die Band diesen Fakt in der halben Stunde des Albums noch nicht einmal mit plakativer Offensichtlichkeit in das Hörorgan ihrer Konsumenten, wie es etwa Künstler wie Twenty One Pilots wesentlich durchschaubarer tun. Das führt dazu, dass die Musik von Moaning nicht auf den bloßen Wow-Effekt aus ist, sondern sich sein Standing wesentlich subtiler erarbeitet und somit nach ungeteilter Aufmerksamkeit verlangt. Denn auf den ersten Eindruck erschließt sich das Soundbild von „Moaning“ noch nicht wirklich. Alles dröhnt, irgendwo flackert immer ein flächiger Synthesizer mit und Frontmann Sean Salomon stöhnt stets so unbedarft ins Mikrofon, als hätte er gerade einen Joint zu viel geraucht, während er das Timbre von Walter Schreifels zu imitieren versucht. Aber hinter der unbequemen Fassade des Moaning-Sounds verstecken sich dermaßen viele Bezüge, dass das Debütalbum der Band wie ein akustisches Äquivalent zu Frankensteins zusammengebasteltem Monster erscheint.

Großartig wird „Moaning“ aber nicht, weil alle diese Einflüsse vorhanden sind, sondern weil diese sich erstens teilweise absolut widersprüchlich gegenüberstehen und zweitens trotzdem wie aus einem Guss wirken. Am offensichtlisten ist wohl der Noise, der einem zum Beispiel in „Somewhere In There“ fast so herrlich dissonant wie bei den Sub-Pop-Labelkollegen Metz entgegenschmettert. Doch dann taucht plötzlich ein Song wie „Tired“ auf, der mit seinen butterweichen Weltall-Synthies an Shoegaze-Ikonen wie Slowdive erinnert. „Misheard“ wiederum lehnt sich auf eine poppige Alternative-Frickelei und „The Same“ erinnert an die neuen Quicksand (Schreifels-Einflüsse scheinen ein wiederkehrendes Motiv zu sein). All das geschieht über die Länge der Platte nicht von Song zu Song, sondern verschwimmt fließend ineinander, verdrängt sich innerhalb der Dramaturgie immer wieder gegenseitig und führt so zu einer Mixtur, die ebenso fesselnd wie faszinierend ist.

Von der Perfektion ist „Moaning“ noch ein gutes Stück entfernt, denn so spannend die Songs der jungen Band auch sind, finden sie in all ihrer Zwiespältigkeit gerne mal das Ziel nicht. Trotzdem gelingt dem Trio hier scheinbar völlig mühelos eines der stilsichersten und ambitioniertesten Debüts der letzten Monate. Dafür kann man den US-Amerikanern nur mit absolutem Wohlgenuss zuhören – und in eine hochspannende Zukunft blicken.

Fazit

7.7
Wertung

Sub Pop hat es mal wieder geschafft, eine hochspannende Band quasi aus dem Nichts hervorzuholen. Moaning rattern mit derartiger Mühelosigkeit durch ihre Songs, dass man zunächst kaum fassen kann, was alles dahinter steckt. Einmal im Kosmos des Trios angekommen, gibt es aber kein Zurück mehr.

Jakob Uhlig