Idles und "A Beautiful Thing": Ein Liebesbrief

Wütend, aber auch verletzlich. Hart und doch empathisch. Wunderschön dreckig. Bereit, Gesellschaftsstrukturen umzuwälzen. Die beste und vor allem wichtigste Punkband unserer Zeit. Das sind Idles.

Dröhnend, langsam, wirkungsvoll. Ein rauer Bass erklingt zu Beginn des ersten Live-Albums der britischen Rock-Truppe Idles. Der Song „Colossus“ ertönt und wirkt wie ein Sinnbild für die Band und alles wofür sie steht. Lyrisch geht es in „Colossus“ um Toxic Masculinity. Am Anfang noch erdrückend langsam und Mantra-artig, wird aus dem Track in der zweiten Hälfte eine schnelle Punk-Nummer, die richtig Laune macht. Nicht umsonst lautet der Titel des zweiten Albums der fünfköpfigen Band „Joy As An Act Of Resistance“. Widerstand scheint mit Idles auch Spaß machen zu dürfen.

Die Themen, die die Briten innerhalb ihrer zwei bisher erschienen Alben behandeln, sind vielfältig und treffen den Zeitgeist: Brexit, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Kapitalismus. Vorurteile und Missstände haben wir viele in unserer heutigen Gesellschaft. Was Idles jedoch einzigartig macht, ist der Umgang mit diesen Themen. Einfach ein schwarzes Bild von der Zukunft zu malen reicht der Band nicht. Wo früher noch „No Future“ der Slogan der Szene war, stehen Idles nun mit einem Gegenkonzept da: Liebe, Verletzlichkeit und Verbundenheit. Mit diesem Konzept gewappnet denken sie Musik neu. Plötzlich ist Punk nicht mehr destruktiv und pessimistisch, sondern wird konstruktiv und vereinend gedacht. Wobei Idles sich selbst vom Punk-Label distanzieren und allgemein jegliche Genrelabels für ihre Musik ablehnen.

 

„We build this album and tour on love and compassion. What ever you do tonight, if you are in this crowd, you look after each other. You respect each other. Show each other love and show how much you love live music“

 

Das sind die Worte des Frontmannes Joe Talbot noch während des ersten Songs. Schnell spürt man die Verbundenheit auf der Bühne und von der Bühne zum Publikum. Über die nächsten 80 Minuten spielen die Engländer 19 ihrer Songs. Zugegeben, es hätte hier (gerade in der zweiten Hälfte) auch nicht geschadet, zwei bis drei der Songs zu streichen, aber so wirkt das Konzertfeeling noch authentischer und die Liebe purer. Besonderes Highlight sind aber auch die Ansprachen des Sängers zum Publikum, die das Album noch mehr zu einem Erlebnis statt nur einer Aufnahme von Live-Songs machen. Allgemein scheint auf „A Beautiful Thing: Live At Le Bataclan“ alles noch gesteigerter als auf den Studiotracks. Die Stimmen sind rauer, die Rhythmusgruppe noch mitreizender, die Gitarren noch noisiger. Fans werden begeistert sein, wer allerdings noch nie Idles gehört hat, sollte am besten erst die zwei Studioalben durchhören und dann zur Live-Version zurückkehren.

Fazit

8.2
Wertung

Idles ist die Band, die wir in der heutigen Zeit brauchen und auch verdienen. Sie sind das beste Beispiel für einen neuen Zeitgeist in der Punkmusik und sind für mich jetzt schon eine der wichtigsten Bands überhaupt. Für Veränderung müssen wir kämpfen aber ein Kampf ohne Utopie ist sinnlos. Zum Glück haben wir Idles.

Niels Baumgarten
7.8
Wertung

Der perfekte Einstieg in die Idles-Diksografie für Leute wie mich, an denen diese wahnsinnig tolle Band bisher vorbeigegangen ist. Das kann mit "A Beautiful Thing" jetzt nachgeholt werden. Ein Querschnitt durch die ersten beiden Studioalben der Band, voll von roher Energie und beißender Gesellschaftskritik. Mit trotzigem Blick und breiter Brust schreiten Idles der Zukunft entgegen.

Kai Weingärtner

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