Idles und "Crawler": Medi[k/t]ation

Gerade einmal 13 Monate Auszeit gönnen sich Idles nach ihrem dritten Album “Ultra Mono”, bis schon die nächste Platte erscheint. Die Vorabsingle “The Beachland Ballroom” verspricht eine stilistische Neuausrichtung. Ist “Crawler” also ein Neuanfang?
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Die kurze Antwort: Nein.

Die lange Antwort folgt sogleich.

Idles behalten auf “Crawler” trotz der auf “Beachland Ballroom” erkundeten Melancholie ihre DNA. Es ist immer noch eine raufaserige, kratzige, stellenweise unangenehme und vor allem emotionale Erfahrung, diesen fünf Herren aus Bristol beim Musikmachen, beim Meditieren, beim sich selbst Therapieren zuzuhören. Aus den heiseren, wütenden Schreien von Joe Talbot klingt eine so tiefgreifende Verletzlichkeit, man möchte ihm einfach nur um den Hals fallen. Die wild wabernden Gitarren-Eskapaden fühlen sich weniger wie Ideen an, sondern vielmehr wie innere Regungen, die sich gewaltsam ihren Weg durch die Finger der Musiker und in ein akustisches Dasein gebahnt haben. “Crawler” ist die nächste Dosis Medikation für alle Idles-Fans.

“Crawler” ist aber gleichzeitige auch eine meditative Erfahrung, sowohl für die Zuhörenden als auch, so scheint es, für die Künstler:innen selbst. Die schnellen, schlagkräftigen Post-Punk-Songs werden immer wieder abgelöst von elektronischem Minimalismus und apathischen Mantras. Es wirkt fast so, als wäre die Band nach drei Albumlängen kompromissloser und brutaler Ehrlichkeit vor sich selbst erschöpft. Die lyrische Fragilität der Songs leidet allerdings zu keinem Zeitpunkt unter dieser neuen Pfadbegehung. Im Gegenteil, Tracks wie der unterkühlte Opener “MTT 420 RR” oder das zyklische “Progress” fühlen sich durch den neuen Sound an wie außerkörperliche Erfahrungen. Talbot wendet sich vor allem auf diesen Songs dem Thema Sucht und Konsum zu. Das spiegelt sich sowohl inhaltlich als auch stilistisch wieder. Wenn er darüber singt, dass er high ist, dann klingt das auch so; als wäre er angeschlagen, neben der Spur, ausgelaugt.

Die Lyrics der Platte sind poetischer, kunstvoller und auf eine Art und Weise gezielter, ohne dabei die Kernkompetenzen der letzten drei Idles-Platten zu verlieren: Sympathie, Empathie, Ehrlichkeit und nicht zuletzt überwältigende Akzeptanz. Talbot untermalt diese Texte mit einer verglichen mit “Ultra Mono” um einiges erweiterten Stilpalette. Mal murmelnd, mal brüllend, mal aus voller Inbrunst singend, verarbeitet er die heilenden Worte. Die stammen nicht immer von ihm, denn im 30-sekündigen Haudrauf-Interlude “Wizz” vertont der 37-jährige Nachrichten seines ehemaligen Drogendealers.

Dass sich die neuen Soundelemente und elektronischen Passagen so nahtlos in das Konzept von “Crawler” einfügen, ist wohl zu keinem kleinen Teil dem Produzenten Kenny Beats zu verdanken. Der kommt eigentlich aus dem Hip Hop, hat dort schon mit namhaften Künstler:innen wie Vince Staples, Freddie Gibbs und Idles-Buddy slowthai zusammengearbeitet. Zusammen mit Co-Produzent und Gitarrist Mark Bowen schafft er es, “Crawler” anders, aber doch vertraut klingen zu lassen. Die Produktion nimmt sich in den richtigen Momenten zurück, lässt viel Raum für Talbots kathartische Lyrics, nur um Sekunden später in erbitterter Post-Punk-Manier schrammelnde Gitarren und stampfende Drums in den Vordergrund zu legen.

Fazit

8.8
Wertung

“Crawler” vereint Vertrautheit mit Fortschritt, Emotion mit Innovation. Idles entdecken mit jeder neuen Platte auch neue, spannende musikalische Facetten an sich und bleiben eine der zu Recht gefeiertsten Bands der letzten zehn Jahre.

Kai Weingärtner
8.8
Wertung

Was ist denn mit den Idles passiert? Sie ersetzen den Groove als tragendes Element ihrer Songs in weiten Teilen durch Sound. Die Veränderung tut ihnen jedenfalls sehr gut. Ruhiger als noch im letzten Jahr, aber nicht weniger kraftvoll rettet "Crawler" die Band vor der trügerischen Sicherheit von "Weiter so".

Steffen Schindler