Free Throw und „What's Past Is Prologue“: Verzweifeln und Verarbeiten

Free Throw stehen für tiefgründigen und nahbaren Emocore mit vielen Gitarren und viel Gefühl. Das dritte Studioalbum „What's Past Is Prologue“ ändert daran nichts und klingt dennoch anders.
7c8e3352-af9e-42ec-8ebf-5ffeee04127cjpg.jpg

Emocore gibt es seit mehreren Jahrzehnten und doch verbindet man mit dem Genre zumeist stark mit Mascara geschminkte Musiker mit aufwendigen Glätteisen-Frisuren und einem Hang zum Overacting, die ihr Leid über das Ende einer Beziehung klagen oder Suizid glorifizieren. Diese Phase war die zweite Generation des Emocore mit Bands wie Silverstein, Hawthorne Heights oder My Chemical Romance. Seit einigen Jahren lebt die dritte Generation auf und da gehören Free Throw zweifelsfrei zu den wichtigen Vertretern. Mit ihrem rauen, Gitarren-lastigen Sound, der irgendwie zwischen Pop-Punk, Grunge und Emocore anzusiedeln ist, besingen sie persönliche Probleme und Entwicklungen.

Geht es im Emocore meist um Liebe, haben Free Throw auf ihrem neusten Album einen persönlichen Fokus gewählt. Es geht um mentale Gesundheit und das Scheitern beim Verarbeiten vergangener Tiefschläge. Sänger Cory Castros hat die Wunden, welche er noch auf „Bear Your Mind“ besang, nie wirklich heilen lassen können und verschleppte die Trauer mehr und mehr, bis er es nicht mehr aushielt. Dann bat er Justin, seinen Bruder und Bassist der Band, um Hilfe. Davon handelt „What's Past Is Prologue“ und das hört man. Free Throw hatten schon auf ihrem Vorgängeralbum bewiesen, dass Emocore nicht immer epische Ausmaße annehmen muss und das Ende einer Liebe mit Suiziddrohungen belohnt werden muss. Die Bodenständigkeit, welche auch auf „What's Past Is Prologue“ zu hören ist, macht die Musik nahbarer als jeden Jammer-Epos von My Chemical Romance. Der Opener „Smokes, Let’s Go“ besingt beispielsweise den Rückfall zum Rauchen, einem üblichen Verhalten ehemaliger Raucher in Stresssituationen. Es mag unbedeutend erscheinen, aber genau das ist es eben nicht und der anfangs sanfte, dann härtere Sound des Songs bringen die Dramatik der Situation auch musikalisch zur Geltung.

Mal zaghaft sanft, mal Whisky-geschwängert rau und immer einen Finger in der Wunde – so ist „What's Past Is Prologue“ am besten zu beschreiben. Free Throw haben sich seit „Bear Your Mind“ nur minimal verändert und doch eine neue Tiefe in den Texten aufkeimen lassen, die dieses Album erschreckend persönlich und berührend macht. Zusammen mit den gewohnt verspielten Gitarren im Stile von Tiny Moving Parts und der restlichen Instrumentalisierung ergibt sich das beste Album der Band bisher. Es klingt immer ein wenig so, als wären die Sänger kurz vor einem Nervenzusammenbruch, während die Band zum Pogo einlädt oder die Feuerzeuge sehen will. Ein gelungener Balanceakt mit Ohrwurmcharakter und sehr viel Herz.

Fazit

8.3
Wertung

Das Vorgängeralbum hat mich überrascht und überzeugt. Umso gespannter war ich, als ich von einem Nachfolgeralbum hörte. Dass dieses dann auch noch besser wird, hätte ich nicht geglaubt. Ist aber so. Emo’s not dead!

Johannes Kley