Free Throw und "Bear Your Mind" - Emo in erwachsen

Hört man den Stadtnamen „Nashville“, denkt man eher an Countrymusik, also dem amerikanischen Äquivalent zur deutschen Volksmusik und nicht an Alternative oder gar Emo. Die fünfköpfige Band Free Throw ändert dies nun vielleicht. Nach zwei EPs und einem Album sind die Herren zurück und präsentieren mit „Bear In Mind“ eine interessante Platte, welche sich dem geneigten Hörer freundlich anbietet und ihn dann doch in tiefe Abgründe mitreißt.
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Die Band beschreibt ihren Stil selbst als Emo, und das trifft es auch sehr gut. Die Songs berühren und beschäftigen. Die zwei Frontmänner arbeiten mit sehr unterschiedlichen Stimmen, was den Songs viel Gefühl und Emotionen verleiht.

Während ein Sänger Emo-typisch sehr sanft und beinahe schüchtern singt, liefert die zweite Stimme einen rauen, brüllenden und Whiskey-geprägten Sound. Wer Growls, Screams oder Shouts erwartet, wird diese nicht finden, was dem Album aber nicht schadet. Begleitet werden die Vocals von Drums, einem Bass und drei Gitarren, welche auch, öfter als man vielleicht denkt, separat hörbar sind und der Musik eine gewisse Größe und Fläche verpassen.

Rhythmus- und Leadgitarren funktionieren unglaublich gut zusammen, klingen durch ihre gute Produktion nicht verwaschen oder matschig und laden mehr als einmal zum Mitwippen oder gar Headbangen ein. Die Kombination aus vielschichtigen Gitarren und den wechselnden Stimmen erzeugt eine dichte Atmosphäre und einen Sound, der das Rad vielleicht nicht neu erfindet, aber unglaublich gut funktioniert und begeistert. Die Songs wechseln zwischen ruhigen, balladesken Stücken und tanzbaren, härteren Liedern. Damit eignen sie sich sowohl für den ruhigen Abend vor der heimischen Anlage als auch, zumindest teilweise, für die nächste Indiedisko.

Die Texte sind Emo-typisch sehr persönlich und teils schmerzhaft emotional, was die meisten Melodien nicht vermuten lassen. Die Themen sind vielschichtig und weit mehr als Liebeskummer und Herzschmerz. In „Randy, I am The Liquor“ verarbeitet der Texter seine ungesunde Beziehung zum Alkohol, welche auch noch in anderen Songs erwähnt wird. Depressionen und ihre Folgen für den Betroffenen werden beispielsweise in „Weight On My Chest“ besungen, ohne dabei ins Kitschige abzudriften, was im Emo nicht immer der Fall ist. Im Song „Dead Reckoning“ beklagt der Texter und Sänger den frühen Verlust seines Vaters und singt dabei so berührend und emotional, dass man beinahe unwillkürlich seinen eigenen Vater anrufen möchte, um diesem einfach mal zu sagen, was er einem bedeutet.

Bei „Cal Ripken Jr Johnson“ und „Weak Tables“ sind soziale Ängste das Thema, und auch hier klingt nichts künstlich oder unglaubwürdig. Selbiges gilt für das Feld der Selbstzweifel in „Better Have Burn Heal“. Die Texte sind alle sehr erwachsen, dennoch zerbrechlich und ein Eingeständnis an die eigenen Schwächen. Ein offener Kampf mit den eigenen Dämonen und Problemen. Die Lyrics sind dabei weit entfernt vom Klischee-Emo der mittleren 2000er Jahre. Es sind ehrliche und meist bodenständige Zeilen, welche berühren, mitfühlen lassen und an den richtigen Stellen Gänsehaut verursachen. Pathos und inflationäre Suizidwünsche oder -drohungen findet man hier nicht. Diese würden auch nicht passen. Emo ist wieder erwachsen geworden.

Fazit

8.2
Wertung

Free Throw überzeugen auf „Bear In Mind“ mit einem sehr guten Songwriting, einer guten Produktion und einzigartigen Songs. Mit berührenden, zerbrechlichen Texten hält die Band einem ungefragt den Spiegel vor und rüttelt emotional auf. Gepaart mit den wundervollen Melodien ergibt dies ein tolles Album für Emos und Freunde persönlicher Musik. Allen anderen sei die Platte auch ans Herz gelegt, denn diese Veröffentlichung verdient es, gehört zu werden.

Johannes Kley