Callejon und „Hartgeld im Club“: Schrei nach Liebe

„Das schreit nach Ausverkauf!“ Noch nie waren Callejon diesem einst ironisch persiflierten Ausruf näher.
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Wer im Jahr 2018 tatsächlich noch ernsthaftes Interesse für eine traurig-irrelevante Kapelle wie Callejon hegt, der hat wohl auch eine besondere Schwäche für nachmittägliche Herzschmerz-Unterhaltung auf RTL II. Schließlich gab es in den letzten Jahren nur selten eine so fremdschamerregende Niedergangs-Story wie diejenige dieser Band. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde das Quintett aus Düsseldorf in einem Atemzug mit Caliban und Heaven Shall Burn als die Speerspitze des deutschen Metalcore betitelt. Im Jahr 2019 sieht diese Konstellation nun folgendermaßen aus: Caliban stagnieren seit Ewigkeiten dort, wo sie im einst mit „I Am Nemesis“ stehen geblieben sind, Heaven Shall Burn sind kommerziell mittlerweile fast auf einem Level mit Parkway Drive – und Callejon werden immer bedeutungsloser. Der verzweifelte Rettungsversuch aus diesem Loch des Niedergangs schimpft sich „Hartgeld im Club“ und klingt wie der unschöne letzte Schrei eines Halbtoten, der mit seinen marginalen Kraftreserven nur noch ein klägliches Fiepsen zustande bringt.

Ein peinlicherer Ruf nach Aufmerksamkeit als dieses Album ist eigentlich kaum denkbar. Bereits zum zweiten Mal in ihrer immer noch recht überschaubaren Diskographie veröffentlichen Callejon ein Cover-Album – nur dass dieses Mal im Gegensatz zum bereits mehr als zweifelhaften „Man spricht Deutsch“ keine trashigen Pop-Gassenhauer verhackstückt werden, sondern fast ebenso banale Deutsch-Rap-Songs. An diesem Ansatz ist bereits in seiner grundlegendsten Form schon so vieles falsch, und doch gelingt es Callejon, ihre eigene Unzulänglichkeit auf noch viel mehr Ebenen zu maximieren. „Hartgeld im Club“ ist gefundenes Fressen für in ihrer eigenen Scheinwelt aneckende Metalcore-Fans, die sich einbilden, total Anti-Mainstream zu sein, weil sie das Rihanna-Cover von Any Given Day hören, in Wahrheit aber nur nach einer Ausrede suchen, um Billig-Songs zu konsumieren, ohne dabei spießig zu erscheinen.

Denn wer diesen mehr als schwachen Versuch, ein weit entferntes Genre auf ein anderes zu transferieren als gelungene Kreativarbeit bewertet, der hat wohl höchstens den Pressetext von „Hartgeld im Club“ gelesen. Callejons Umarbeitungen von doch recht verschiedenen zeitgenössischen Rap-Künstlern wie Sido, Bausa oder Alligatoah geben sich nämlich kaum Mühe, die Diversität dieser Interpreten einzufangen. Stattdessen werden sie in ein uninspiriertes Gitarren-Korsett gepresst, das es nicht einmal im Ansatz fertigbringt, das sehr breite Spektrum von Beat-Samples auf ein angemessen facettenreiches Instrumental auszuarbeiten. Und wenn sich doch einmal Aufgaben stellen, die etwas mehr Kreativität erfordern würden, dann weichen Callejon diesen einfach klammheimlich aus. So wagt die Band gar nicht erst den Versuch, RINs Autotune-Hooks oder Deichkinds Electronic-Beats auf ihre eigene Klangheimat zu transferieren, sondern recyclen diese Elemente einfach ohne jeglichen Eigen-Input. Das hat mit intelligenter Genre-Transformation nichts zu tun, sondern ist Metalcore-Schnellware unter dem vermeintlichen Deckmantel der Originalität.

Minimalen Einfallsreichtum benötigen nur die zwei selbstkomponierten Songs, die dieser Platte quasi als Dreingabe beiliegen. Der erste davon nennt sich wie das Album selbst und ist ein kraftloser Crossover-Versuch, in dem am deutlichsten wird, wie armselig Bastian Sobtzicks Flow-Versuche gegen die Künste von Raperinnen wie Pilz und Antifuchs wirken. Das finale „Porn From Spain 3“ soll als Fortsetzung einer unter Fans beliebten Track-Chronologie wohl ein zusätzlicher Selling Point sein, wird aber im dritten Anlauf auch nicht mehr als prolliges Name-Dropping mit prominenten Feature-Gästen. Wie viel Geld man Ice-T geboten haben muss, damit er auf diesem Machwerk auftritt, steht wohl in den Sternen – immerhin ist der farblose Part der Body-Count-Legende nur lächerliche vier Verse lang.

Natürlich ist „Hartgeld im Club“ kein ernstgemeintes Projekt – das belegen alle Promo-Fotos und Musikvideos ebenso wie die grundsätzliche Herangehensweise dieses Albums. Wer sich aber immer mit diesem Argument rechtfertigen muss, der hat wohl schlichtweg keine andere Ausrede dafür, dass diese Platte eigentlich nur eines ist: schlechte Musik.

Fazit

1.8
Wertung

Interessant, dass Callejons Niedergang ausgerechnet mit „Fandigo“ begann, einem für die Verhältnisse der Düsseldorfer eigentlich recht ambitioniertem Werk. Ob „Hartgeld im Club“ das Image dieser Band wiederherstellen kann, ist trotz seiner oberflächlich wieder härteren Gangart fragwürdig. Denn nach diesem Machwerk müssen auch die verblendetsten Fans erkennen, dass Callejon sich auf der Suche nach Relevanz bewusst mit der absoluten Negation von Ambition zufriedengeben.

Jakob Uhlig
4.2
Wertung

Ich mag Callejon. Ich höre Rapmusik und es befinden sich zwei Tracks auf diesem Album, die ich im Original echt gerne höre. Die Kombination beider Dinge ist eher fragwürdig. Ich finde Limp Bizkit scheiße und „Hartgeld im Club“ erinnert mich genau daran. Alligatoahs „Willst Du“ hat das nicht verdient. „Porn From Spain 3 feat. Ice-T und K.I.Z.“ ist aber gut.

Johannes Kley
3.5
Wertung

Alles in allem bleibt mir die Intention dieser Platte verborgen. Zwar schaffen es ein paar wenige Songs wie „Was du Liebe nennst“ im Gegensatz zum Original tatsächlich anhörbar zu sein, die Coverversionen des Albums lassen aber vor allem Einfallsreichtum gänzlich vermissen. Immerhin kam ich als Antifuchs-Fan mit dem Titel „Hartgeld im Club“ auf meine Kosten. Hier klingt wenigstens der Song an sich explizit im Refrain nach Callejon, wie sie mir gefallen.

Mark Schneider