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Bring Me The Horizon und „Amo“: Multiversum des Clusterfucks

Sa, 02.02.2019 - 14:05
Wer in Bring Me The Horizons neuem Album einfach nur eine seelenlose Pop-Formschablone sucht, wird kaum fündig werden. Wer deswegen aber gleich in Jubelstürme ausbricht, der ist leicht zu beeindrucken.

Bring Me The Horizons Evolution von einer schnell vergessenen Teenie-Deathcore-Truppe zu einem der größten popkulturellen Phänomene Großbritanniens ist keine Geschichte der plötzlichen Wendungen, sondern eine kontinuierliche Klimax des vorsichtigen Herantastens. Von Platte zu Platte brach die Band die Barriere zur melodischen Gefälligkeit ein Stück weiter auf. Sie brachte so etwa auf ihrem dritten Album mit „Blessed With A Curse“ zum ersten Mal einen Song mit eindeutig balladeskem Einschlag in einer wilden Metalcore-Achterbahnfahrt unter, dekorierte ihre Songs auf „Sempiternal“ mit immer epischerer Orchestration und ebnete so geschickt den Weg für den voranpreschenden Alternative von „That’s The Spirit“. Selbst die ersten Single-Auskopplungen von „Amo“ schienen diesen Weg mit frappierender Planungsgenauigkeit fortzusetzen. So stand „Mantra“ noch eindeutig im Geist des Vorgängers und „Wonderful Life“ inszenierte musikalisches Weiterdenken im weiterhin kompatiblen Metal-Gewand. Umso überraschender ist es, dass „Amo“ genau dieses Geschick der dramaturgischen Kontinuität schließlich doch abhanden kommt.

Das Problem ist dabei absolut nicht, dass Bring Me The Horizon mit ihrer sechsten Platte endgültig im Electro-Pop angekommen sind. Der leicht ironische Umgang der Band mit dieser Tatsache sorgt im Gegenteil sogar für einen der grandiosesten Momente des Albums. In „Heavy Metal“ kommentiert Oli Sykes den zu erwartenden Unmut vieler alter Fans mit den Worten „And I keep picking petals/ I’m afraid you don’t love me anymore/ Cause a kid on the Gram in a Black Dahlia tank/ Says it ain’t heavy metal“ und schiebt allen Vorwürfen mit einem brutalen Metal-Schrei sarkastisch den Riegel vor. Er beendet dabei gleichzeitig ein längst vergangenes Kapitel, das eigentlich keines Kommentars mehr bedürfen sollte. Sicher kann man sich am offensichtlichen Radioformats eines „Medicine“ reiben, wer „Mantra“ aber im gleichen Atemzug für eine Offenbarung hält, nur weil Sykes die Stimme zwischendurch kurz zum gutturalen Gesang erhebt, der hört offensichtlich mit Genre-Scheuklappen. Tatsächlich stellen die Electro-Pop-Experimente auf „Amo“ oftmals die interessantesten Erzeugnisse dar. Der psychedelische Disco-Stampfer „Nihilist Blues“ erfüllt seine Rolle als Gratwanderung zwischen modernem Zeitgeist und musikalischer Intensität grandios. Auch die abstrahierte Lounge-Landschaft des Zweiminüters „Ouch“ erweist sich als geschickter Schachzug, vor allem, da der Spagat zwischen Nostalgie und Futuristik durch den direkten textlichen Kontrapunkt zu „Follow You“ von der Vorgängerplatte noch deutlicher ausfällt.

Problematisch an „Amo“ sind also eher selten die Songs als solche, denn diese sind in großen Teilen tatsächlich als positive Lichtblicke im ansonsten recht schematischen Pop-Markt zu betrachten. Der kompromisslose Genuss dieser Platte wird vielmehr dadurch gehemmt, dass Bring Me The Horizon erstmals in ihrer Karriere nicht mehr genau zu wissen scheinen, wohin sie eigentlich wollen. Das Wort „ambivalent“ ist für die Gesamtheit der Songs auf „Amo“ eigentlich noch zu schmeichelhaft – ein „chaotisch“ wäre an dieser Stelle wohl treffender. Am deutlichsten wird das im Übergang zwischen den Songs „Nihilist Blues“ und „In The Dark“, der einem kaum eine Sekunde Stille lässt, um sich vom Nachhallen der Synthie-Gewalt des ersteren in den zuckrig-süßen Hymnus des zweiteren zu orientieren. Anschließend wirft einen das Album wieder in die stürmischen Doom-Gitarren von „Wonderful Life“, bevor „Ouch“ mit der oben beschriebenen Lounge-Frickeligkeit einsetzt. Wer es gut mit der Band meint, der beschreibt „Amo“ deshalb wie das Quintett selbst als das bisher variabelste Werk der eigenen Diskographie. Wer dieses Theorie-Gebilder aber in der Realität erfährt, der wird Zeuge vom Tod des Formates Album. Bring Me The Horizon zeigen – ob freiwillig oder nicht – wie Musik in der Streaming-Ära konzipiert ist. Sie darf ruhig qualitativ sein, aber immer nur in maximal fünfminütigen Kosmen. „Amo“ ist daher die Platte der Sheffielder, die sich trotz den vielleicht visionärsten Ideen, die diese Band jemals hatte, am unstimmigsten anhört. So bietet das Album im Endeffekt nur ordentliches bis großartiges Playlist-Futter, versagt aber als Gesamtkunstwerk. Und das ist besonders bitter bei einer Kombo, über deren unglaublich sorgfältig gezogene Karriere man bisher nur anerkennend staunen konnte.