Oli von AOP im Interview: „Es hat sich jetzt einfach richtig angefühlt!“

Auch AOP lassen es sich nicht nehmen, uns nach dem Abräumen des „Album der Woche“-Titels Rede und Antwort zu stehen. Oli wagt mit uns einen Blick in die Zukunft der Band, wir lassen aber auch die Vergangenheit und die Gegenwart (Stichwort neues Album) nicht außen vor.
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Wir haben die Geschichte der Band AOP in unserer Review zur aktuellen Platte „Von wegen Punkrock“ bereits erzählt: Diese führte von den Anfängen auf die ganz großen Bühnen und anschließend zur vorzeitigen Auflösung im Jahr 2013. Zwischen dem Studioalbum „Deutschpunk.com“ aus dem Jahr 2011 und der aktuellen Veröffentlichung lagen ganze zehn Jahre. „Es ist einfach Zeit!", sagt Sänger und Gitarrist Oli. "Nach unserer Comeback-Show Ende 2017, dem Livealbum 2018 und der VOR EIN PAAR JAHREN-Tour 2018 wollten wir nicht noch einmal nur mit den alten Songs durch die Klubs tingeln. Zudem hat es sich für uns jetzt einfach richtig angefühlt, ein neues AOP-Album aufzunehmen.“ Der These, dass der Mut ein neues Studioalbum in die Wege zu leiten aus den Reaktionen auf das im Jahr 2018 erschienene Livealbum „Vor ein paar Jahren – Live“ resultierte, widerspricht er aber schmunzelnd: „Wenn es danach ginge, hätten wir niemals ein neues Album aufnehmen dürfen. Unsere Fans sagen immer, wir wären live viel geiler als auf Platte. Ich bin gespannt, ob sie das auch nach 'Von wegen Punkrock' noch sagen.“ Sowohl unsere Meinung als auch viele andere Stimmen in Journalisten- und Fankreisen lassen erahnen, dass sich die Stimmungsverteilung hier zumindest verschieben könnte.

Mehr als eineinhalb Jahre Arbeit stecken hinter der Veröffentlichung von „Von wegen Punkrock“. AOP trafen sich im Herbst 2019 das erste Mal im damals noch alten Proberaum, um an neuem Material zu arbeiten. Im März 2020 befand sich die Band mitten in den Planungen des AOP-Wochenendes, an dem sie mit vielen befreundeten Bands zusammen an zwei Tagen spielen wollte. Es folgte der erste Lockdown und eine kurze Zwangspause. „Ab Sommer 2020 haben wir dann intensiv am Album gearbeitet und waren dann kurz vor Weihnachten fertig mit den Aufnahmen.“ Was etwa ein halbes Jahr später folgen sollte, war eine der ungewöhnlicheren Aktionen rund um einen Release, welche wir ebenfalls in der Review bereits kurz beleuchtet haben: die Verschenk-Aktion, die es ermöglichte, zwei CDs an Freunde, Familie oder an wen auch immer zu verschenken. Einfach so und im besten Wissen darüber, die Gewinnmaximierung mit „Von wegen Punkrock“ über Bord zu werfen, was dann jedoch ziemlich Punkrock ist. „Tatsächlich liegt das daran, dass wir mittlerweile in der angenehmen Situation sind, nur noch das machen zu können, worauf wir Bock haben. Wenn wir nicht den Sechser im Lotto ziehen, werden wir in diesem Leben nicht mehr allein von der Musik leben können. Also haben wir das Ganze mal andersherum gedacht und sind mit der Prämisse ins Rennen gegangen, dass wir mit dem neuen Album kein Geld verdienen wollen und vor allem nicht müssen. Über maximale Reichweite beschweren wir uns aber nicht und so entstand die Idee für die Verschenk-Aktion.“

Der Albumtitel selbst öffnet die Tür für eine uralte Diskussion, deren Argumente und kritische Ansätze AOP im neuen Song „Zum Punk hat’s nicht gereicht“ anführen und mit einem Augenzwinkern verarbeiten: Was ist eigentlich Punk und was nicht? Für Oli eine klare Kiste: „Die Frage ist ja, wie man die Szene definiert und ob es nicht innerhalb des Punkrocks verschiedene Strömungen gibt, die sich voneinander abgrenzen wollen. Da dürfen wir die Punkrock-Polizei natürlich nicht vergessen. Sie ist allgegenwärtig. Für uns war Punk schon immer eine Einstellung, dennoch haben wir das ganze 'Das ist Punk und das ist kein Punk' nie so richtig ernst genommen.“ Passend zu dieser Einstellung wurde der Podcast der Band mit „Die Punkrock-Polizei“ betitelt.

Der Fokus von AOP hat sich verschoben, und das in vielerlei Hinsicht. Da ist zum einen die Herangehensweise an das neue Album sowie der Vertrieb der Platte in Eigenregie, aber zum anderen auch die Ziele, die man als gefeierte Liveband verfolgt. Wo in der ersten Amtszeit von AOP die großen Festivals á la Rock Am Ring angesteuert wurden, ziehen Stucki, Philipp und Oli heute eine verschwitzte Clubshow vor: „Es wäre nach 10 Jahren ohne Studioalbum auch vermessen, sich sofort wieder auf die großen Festivals zu fokussieren. Wir sind da durchaus realistisch, dass das damals der musikalische Sommer unseres Lebens war. Gegen einen tollen Festivalsommer haben wir natürlich nichts einzuwenden, freuen uns jetzt aber erst einmal auf die Wohnzimmer-Tour im Herbst, sofern sie wegen der Pandemie stattfinden kann.“ Während dieser Wohnzimmer-Tour kann theoretisch jede*r von euch die Band bei sich zu Hause live erleben. Konzerte dieser Art, zum Beispiel auf privaten Feiern oder WG-Partys, haben AOP in der Vergangenheit immer mal wieder gespielt und dabei so viel Spaß gehabt, dass dieses Konzept aufgrund pandemiebedingt ausgebuchter Klubs und Festivals im Herbst 2021 wieder Anwendung finden wird. Oli freut sich dabei auf unvergessliche Shows wie diese hier: „Ich erinnere mich an eine Show in einer Karlsruher Studenten-WG, bei der wir dreieinhalb Stunden am Stück vor 50 Leuten in einem viel zu kleinen WG-Zimmer gespielt haben. Von wegen Punkrock würde ich da sagen! Wer also Bock auf AOP im Herbst hat – meldet euch!“ Ansonsten sind für das Jahr 2021 natürlich auch weitere Shows geplant, die dann nach und nach verkündet werden. Für das Booking sind AOP aktuell noch selbst verantwortlich, die Suche nach einem tollen Partner läuft jedoch auf Hochtouren.

Blickt man hinter die Kulissen, ist auch „Von wegen Punkrock“ unter dem Strich viel mehr als nur ein neues Studioalbum einer deutschen Punkrockband aus Bad Wimpfen. Dieses Album verkörpert einen Prozess der Entstehung und des Wiederfindens, die veränderte Herangehensweise im finanziellen Bereich und damit auch ein klares Bekenntnis zur Anhängerschaft der Band. Ihr durftet das Album verschenken und euch die Band theoretisch und nach Absprache in eure eigenen vier Wände holen (auch wenn das natürlich nicht gänzlich kostenfrei möglich ist), was alles andere als „normal“ ist. Es verkörpert aber auch ein Umdenken der Band und vertont all das, was in zehn Jahren Albumabstinenz in Gesellschaft und Politik passiert ist und aktuell los ist. AOP wirken „erwachsen geworden“ (das erste Kapitel der Bandgeschichte schrieben sie mit Mitte 20), sie haben mehr zu sagen als „Sommer, Sonne, Sonnenschein“: „Wir sind mittlerweile alle drei sehr kritisch, was die gesellschaftliche Entwicklung betrifft und möchten unsere Reichweite dazu nutzen, um ein paar Dinge anzusprechen, die uns gegen den Strich gehen. Dass zum Beispiel Rassismus und Fremdenhass wieder salonfähig geworden sind und in Deutschland offen gegen Schwarze, Schwule oder Frauen gehetzt wird, ist eine Katastrophe!“

Vergleicht man das Artwork von „Dein Radio“ (2009) mit den heute in Kutten vor uns stehenden Mitglieder der Band, scheint es sich wirklich um zwei verschiedene Welten zu handeln. Man sollte sich jedoch vor Augen halten, dass hinter jedem Song, egal ob von damals oder von heute, sowie hinter jeder Punk-oder-nicht-Punk-Meckerei drei Familienväter mit geregelten Jobs stehen, die nach wie vor für die Musik und die Bühne brennen. Die trotz Olis Aussage „Wir können heute noch viel heftiger feiern als damals“ den Fokus nicht gänzlich vom Feiern wegbewegt haben, die Sache mit der Reichweite und der Meinung jedoch bewusst ernst nehmen: „In den letzten Jahren ist viel passiert und wir haben im sogenannten Musikbusiness auch viel gesehen und erlebt. All das hat uns auch als Band zu dem gemacht, was wir heute sind.“

Die große und bis zum Schluss aufbewahrte Frage ist die, ob das nächste AOP-Album sich in den aktuellen Rhythmus einreihen oder vor dem Jahr 2031 erscheinen wird. Oli lacht: „Wir wollen jetzt mal keinen Druck aufbauen!“