Im Kreuzverhör #38: Pink Floyd - "The Dark Side Of The Moon"

Einmal monatlich stellt sich die Redaktion Platten außerhalb ihrer Komfortzone. Passend zum Themenmonat 70er-Jahre werfen wir dieses Mal den Klassiker "The Dark Side Of The Moon" von Pink Floyd in den Ring.
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Ich hätte nicht erwartet, dass der Satz „Pink Floyd sind überwertet“ in dieser Redaktion so große Wellen schlagen würde. Denn ich halte Pink Floyd keineswegs für furchtbar und finde Songs wie „Echoes“ und „Wish You Were Here“ aus unterschiedlichem Gründen wirklich wunderschön. Aber „The Dark Side of the Moon“ zeigt genau, was ich an der Band (und all ihren Epigonen, die unter dem Begriff Progressive Rock laufen) nicht mag: Diese wirklich weit auseinanderklaffende Schere zwischen Konzept und Inhalt. Oder auf gut deutsch: Große Klappe, wenig dahinter. Das ist vielleicht sogar ein generelles Problem der Form Konzeptalbum und als prominentester Vertreter ist auch „The Dark Side of the Moon“ nicht davor gefeit. Das Album markiert einen ersten Höhepunkt des grandiosen Konzeptionisten Roger Waters, der das vertonen wollte, „was Leute verrückt macht“. Und dabei dann solche Binsenweisheiten wie „Money, it’s a crime“ und „After all we’re only ordinary men“ produziert. Die Musik dazu ist hin- und hergerissen zwischen experimentellem Anspruch und Pop-Appeal, ohne ein Gleichgewicht zu finden. Das Album ist gerade so kompakt, dass sich keine Langeweile einstellt (im Gegensatz zu „The Wall“, das sechs Jahre später mit doppelter Laufzeit und noch weniger Substanz „The Dark Side of the Moon“ in den Schatten seines absurd dimensionierten Bühnenbilds stellt), aber auch keinen psychedelischen Sog entwickelt (wie auf „Meddle“ zwei Jahre zuvor). Also vielleicht ist nicht Pink Floyd überschätzt, sondern Roger Waters überschätzt sich selbst.

Pink Floyds "Dark Side Of The Moon“ ist, neben Joy Divisions "Unknown Pleasures“, wohl das meistgedruckte Albumcover auf Shirts. Ich hab nie verstanden, was alle an Pink Floyd finden, aber ich habe mich hingesetzt und dem Album gelauscht und versucht zu verstehen, warum dieses Album als so großartig gilt. Ich habe es nicht verstanden. Dazu möchte ich allerdings erwähnen, dass ich mit älterer Musik selten etwas anfangen kann. Jannika bekommt seit Monaten von mir Anti-Beatles-Memes geschickt, ich weiß auch nicht, was die Leute an Metallica finden und auch die Rolling Stones erschließen sich mir nicht. Ich mag Teile der 80er-Musik, aber alles was davor kam, ist einfach nicht mein Fall. Ich mag nicht einmal die meisten Bowie-Songs, obwohl ich das gern tun würde. Ich achte diese Künstler für ihr Schaffen und natürlich haben diese Bands viele Musiker/innen dazu gebracht, selbst Songs zu schreiben und unzählige anstrengende Musiknerds dazu befähigt mir zu erzählen, dass die Musik früher einfach besser war. Ähnlich wie Tool-Fans nur halt mit Vergangenheitsverklärung. 

Wie gesagt, ich verstehe, dass diese Künstler damals bahnbrechend waren, aber das war „Kampf der Titanen“ 1981 auch und trotzdem sieht der heute halt nicht mehr gut aus. Dann doch lieber „Pacific Rim“. Und so ist es bei mir auch mit der Musik. Also zu „Dark Side Of The Moon“. Da wäre zuerst einmal "On The Run". Was ist das? Also was soll das sein? Merkwürdige Geräusche, die aber auch nicht wirklich melodiös sind. Interessant, damals sicherlich bahnbrechend, aber einfach nicht schön. Das Schlimmste war aber "Great Gig In The Sky". Das nervige Geschrei der Sängerin erinnert mich daran, warum ich Christina Aguilera so anstrengend finde. Kein Text, nur „Oooohhh“ und „Aaaahh“. Und das passt auf das ganze Album. Es ist einfach ein riesiges "Guck mal was ich kann". Ich mag lange Songs. Ich mag instrumentale Songs. Ich mag Post-Rock, aber da wird mit den Melodien auch ein Gefühl erzeugt, was ich bei Pink Floyd nicht bekomme. „Money“ ist okay, aber halt irgendwie öde. Einzig "Us And Them" weiß mit smoothem Saxophon abzuholen und hört sich ganz gut an. Ich komme allerdings auch nicht mit dem Gesang klar, was vielleicht einfach der Zeit geschuldet ist. Ich mag es, wenn Künstler Gefühl in ihre Stimme legen. Brendan Murphy von Counterparts oder ein Trent Reznor von Nine Inch Nails haben mich seit Jahren geprägt und ich will es spüren, dass der Sänger wütend, verzweifelt oder was auch immer ist. Das habe ich bei Pink Floyd nicht. Sehe ich die Wichtigkeit der Band und vielleicht auch des Albums? Ja. Hat es für mich irgendeine Bedeutung? Nein. Ein Tipp für Pink Floyd-Fans habe ich dennoch. Im Planetarium in Bochum gibt es eine Pink Floyd-Show. Auch wenn ich die Musik nicht sonderlich mag, wirkte das Ganze zusammen schon recht gut. Meiner Pink Floyd-liebenden Freundin hat es jedenfalls gefallen. 

Ein Klassiker im Kreuzverhör, wo hat man das schon Mal gehört? Also, Kopfhörer rausgekramt und „Dark Side Of The Moon“ angeschmissen – es ist beinah ein wiederentdecktes Ritual. Doch je öfter ich dieses Album höre, desto mehr fällt mir auf, dass ich eigentlich gar nicht so viel darüber zu sagen habe. Erstaunlich kurz ist es, zumindest nach meinem jüngsten Eindruck. Ist es ein Meisterwerk? Vielleicht, aber keines, das einen ungläubig erstarren lässt. Eher fühlt es sich an wie ein vertrautes, weiches Kopfkissen. Hier kratzt und pikst nichts, alles ist an der richtigen Stelle und alles greift perfekt ineinander. Vielleicht ist es gerade diese Einfachheit, dieser sanfte und doch eigentümliche Sound der verhallten Gitarre, der „Dark Side Of The Moon“ so gut macht. Man sollte sich nicht von der Omnipräsenz dieser Platte abschrecken lassen. Ein guter Satz Kopfhörer und etwas Zeit lassen einen schnell vergessen, dass man diesen Boomer-Kram ja eigentlich nur überbewertet finden darf…

Es wäre mir lieber egaler als es ist, aber es bedarf eines kurzen Rants zu Beginn. Es ist gottverdammt nochmal nicht edgy, popkulturell beliebte Dinge zu haten, weil alle anderen sie geil finden! Ihr seid nicht edgy, ihr seid kacke!  Wie komme ich jetzt zu Pink Floyd? Man weiß es nicht. Pink Floyd überschätzt zu nennen, das ist einfach nur Fake News. Doch jetzt endlich zum Thema. „Dark Side of the Moon“ ist nicht meine Lieblingsplatte von Pink Floyd. Gerade weil die Platte ein schwieriges Thema hat. Was treibt die Menschen in den Wahnsinn? (Wenn jemand schreibt, „diese Platte“, dann hab‘ ich ihn oder sie nicht mehr lieb. Was quatsch ist. Ich habe‘ euch alle lieb.) Roger Waters soll über den Niedergang seines Wegbegleiters Syd Barrett auf die Idee für dieses Konzeptalbum gekommen sein. Und so werden kongenial Gründe gesammelt, die den Menschen in den Wahnsinn treiben. Das ausgerechnet „Money“ einer der kommerziell erfolgreichsten Tracks der Platte ist, finde ich ebenso lustig wie ernüchternd. Aber wohl hauptsächlich witzig. Insgesamt stört mich ein wenig die musikalische Gradlinigkeit der Platte, zumindest im Gegensatz zu den avantgardistischen Tönen der Vorgänger. Aber das ist Meckern auf höchstem Niveau, denn lieben tue ich die Platte dennoch bis heute. Leider geht sie bei mir immer unter, im Exzerpt der Pink-Floyd-Discografie.

Winter 2015, ich steh im Rough Trade in New York und weiß nicht genau, was ich mir für eine Platte mitnehmen soll. Auf einmal ist da diese schnieke (millionste) Reissue von Pink Floyds "The Dark Side Of The Moon", und da ich damals in einer schwer depressiven Phase steckte, waren diese psychedelischen Traumwelt-Klänge genau das, was mein ich von damals wohl brauchte. Ja, eventuell hätte ich ein Shirt verdient, auf dem "I was in one of the best record stores in NYC, and all I bought was this lousy, classic album" steht, aber ganz ehrlich, scheiß drauf! Sechs Jahre später und ich höre dieses Album zum ersten Mal seit keine Ahnung wie lang und weiterhin verschlägt es mich in eine krude und wabernde Welt, welche mich schon damals eingenommen hat. Aber wie klingt das Album heute, mit etwas geschulteren Ohren und einem breiter gefächerten Repertoire in der eigenen Musikbibliothek? Schwierig zu beschreiben. Einerseits bleibt es dieses wahnsinnig interessante Hörerlebnis, welches bei mir durch "The Great Gig in the Sky" und "Us and Them" weiterhin als Ohrenschmaus gilt. Allerdings verliert sich viel davon in einem Loch, welches mich eher dazu bringt, bei diesen beruhigten Tönen etwas nebenbei machen zu wollen. Diesen Text schreiben zum Beispiel, Bilder bearbeiten, was lesen oder so. Es ist eher eine Randerscheinung und kein Album, welches ich unbedingt bewusst hören muss. Das kann nun gut oder schlecht sein, in meinem Empfinden ist es sowohl als auch. Für mich erreichten Pink Floyd mit "Wish You Were Here" ihren Zenit, während "Dark Side Of The Moon" der Klassiker bleibt. Allerdings hat dieser Klassiker vielen anderen etwas voraus, nämlich, dass man ihn weiterhin sehr gut hören kann! Achso, "Dark Side" ist natürlich besser als die komplette Diskografie von PUR, nur fürs Gewissen.