Corona und Konzertlocations - ein Update

Im März hatten wir bereits mit vier Konzertlocations gesprochen, um einen Einblick hinter die Kulissen der Liveindustrie unter Corona zu bekommen. Da sich seitdem doch einiges geändert hat, haben wir genau diesen Locations nochmal einige Fragen gestellt und konnten einen aktuellen Eindruck der Situation und des Umgangs mit der Situation gewinnen.
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Woran ich beim Recherchieren für diesen Artikel direkt gemerkt habe, dass die Zeiten haariger geworden sind, war, dass sich eine der vier Locations aus dem Frühjahr nur knapp zurückgemeldet haben: Das Backstage in München hat sich mit dem kurzen Statusupdate gemeldet, dass es ihnen noch ganz gut geht, die Zeiten aber merklich unangenehmer werden. Es gab zeitlich keine Möglichkeit, unsere Fragen ausführlicher zu beantworten - damit ist leider die größte Location aus diesem Artikel für ein genaueres Update nicht dabei.

Nichtsdestotrotz standen uns Philip vom Club Franz Mehlhose in Erfurt, Thomas vom Kassablanca in Jena und Sarah von der Luise in Nürnberg Frage und Antwort. Und die Situation ist, wie bei allen anderen Kultureinrichtungen aktuell, leider ähnlich schwierig.

Während die Perspektive im März von vielen – auch uns – noch als recht positiv eingeschätzt wurde, unter anderem mit Aussagen, dass sich auf den Sommer bis Herbst gefreut werden könne (die Deadline für das Ende der Maßnahmen damals war übrigens der 19.04.), oder dass die Maßnahmen nur „ein paar Monate“ aufrechterhalten werden müssten, sitze ich jetzt im Dezember an diesem Artikel und schmunzel über die Naivität meiner Selbst. Thomas vom Kassablanca hatte die Situation damals, anders als ich, sehr realistisch negativ eingeschätzt und schon im März gesagt, dass seiner Auffassung nach die Kulturbranche erst wieder ins Rollen kommen kann, wenn die Impfung da ist. Wonach es aktuell ja auch aussieht. Sein Zitat „Wir waren die ersten, die ausgeschaltet wurden und sind die letzten, die wieder dazukommen werden“, ist immer noch treffend aktuell.

Doch wie ist denn die aktuelle Situation in den Clubs?

„Wir haben uns seit September eigentlich wieder darauf vorbereitet, Veranstaltungen zu machen, unter den gegebenen Rahmenbedingungen“, erzählt Philip vom Franz Mehlhose. Formate, die mit 30 Leuten durchführbar sind, wurden sich überlegt, Hygienekonzepte überarbeitet und auch das Publikum hat das Angebot bisher gut angenommen. Die Alternativen waren dann eben bestuhlte Konzerte, „ein bisschen wie eine Jazz-Lounge“, oder Lesungen. Um mehr Leuten den Zugang zu einer Veranstaltung zu gewähren, wurden die Veranstaltungen kurzerhand an einem Abend einfach zweimal hintereinander durchgeführt – „du kannst jetzt ja auch nicht 30 Euro von den Leuten einnehmen, damit sich's irgendwie trägt“. Zu den Konzertalternativen sagt Philipp, auch wenn sie vielleicht nicht das sind, was in Zukunft gleichwertig sein kann mit richtigen Konzerten: „Es ist erstmal ‘ne Lösung.“. Durch den Teillockdown ab Anfang November mussten Kultureinrichtungen wieder schließen, also wieder Veranstaltungsabsagen, Terminsuche für Verschiebungen und massiver Organisationsaufwand. Als Alternative aktuell kann das Franz Mehlhose zum Glück auf To-go-Essensangebote ausweichen, die auch gut angenommen werden, unter der Woche kann man sich abends Burger abholen, am Wochenende sogar aufwendigere Gerichte wie Ente. „Wir haben das Glück, sowas anbieten zu können, solche Alternativen sind bei vielen Clubs gar nicht gegeben“, stellt Philip fest. Seit März sind etwa 30 geplante Veranstaltungen vom Ausfall betroffen gewesen, aber ab März wurde für den Sommer natürlich auch nicht mehr gebucht. Normalerweise bietet das Franz Mehlhose etwa 10 Veranstaltungen pro Monat an.

Über die Schließung von Kulturstätten oder Gastronomie mit ausgeklügelten Hygienekonzepten gab es in letzter Zeit viel Empörung – vor allem, weil andere Dinge weiterlaufen konnten, die ein massiv höheres Infektionsrisiko beinhalten. „Ich weiß nicht, ob das das richtige Signal ist, dass die Leute jetzt zuhause sitzen und sich treffen, in kleinen Räumen ohne Masken und so. Wenn du zu einer Veranstaltung gehst, dann sitzt du weit weg von den restlichen Gästen“, sagt Philip. Er hofft, dass in die zukünftigen Entscheidungen ein bisschen mehr Praxiserfahrung aus der Branche reinspielt. Für das Franz Mehlhose gibt es aktuell keinen „Tag X“, bis zu dem sie weitermachen können und nachdem es schwierig wird, da sie im Gegensatz zu anderen Locations keine Miete, sondern nur einen Kredit bezahlen müssen. Auch mussten sie noch niemandem aus dem kleinen Team entlassen – aber Philip hat schon von externen Technikern gehört, dass sie mittlerweile umsatteln und sich anderen Betätigungszweigen widmen mussten. „Man kriegt nur so mit, dass die ganze Infrastruktur langsam zerbröckelt. Kleine Bookingagenturen haben beispielsweise massive Probleme, weiterzumachen." Von den staatlichen Hilfen hat das Franz Mehlhose bisher nur die Soforthilfen im Frühjahr bekommen, um das Hilfspaket „Neustart Kultur“ wird sich jetzt wahrscheinlich gekümmert, um Veranstaltungen weiter möglich zu machen. „Normalerweise müssen wir mit Veranstaltungen Geld verdienen und die Veranstaltungen haben sich jetzt alle gerade so getragen bis Minus gemacht und das kann so eigentlich nicht funktionieren“ – es muss mit Fördermitteln ausgeglichen werden, was durch die Hygienekonzepte mit Publikum nicht eingebracht werden kann. An der Kultur-Rettungsinitiative „Alarmstufe Rot“ hat das Franz Mehlhose aus Zeitgründen nicht teilgenommen, aber „es sind Proteste, die ohne Spinner auskommen und sie haben konkrete Forderungen und konkrete Lösungsansätze“. Sie sind sehr dankbar dafür, wie die Leute das Angebot, ob es jetzt kleine Veranstaltungen oder das To-Go-Angebot sind, annehmen und sie darüber hinaus auch über den Online-Shop unterstützen. Auch die Kulturszene innerhalb Erfurts unterstützt sich gegenseitig und plant gemeinsame Aktionen. „Aber grundsätzlich hoffen wir natürlich, dass wir, sobald es geht, wieder aufmachen können. Und wir haben auf jeden Fall Bock, weiterzumachen.“

Die Luise hat es als geförderte kommunale Jugendkultureinrichtung der Stadt Nürnberg finanziell noch ein bisschen leichter als die beiden Thüringer Clubs. Die Situation nervt zwar auch das Team von der Luise, vor allem, weil die Ausweichmöglichkeit auf Veranstaltungen im Freien (von denen die Luise gerade im Sommer einige angeboten hat, von Konzert bis DJ-Abend) nicht mehr gegeben ist. Seit dem 01.12. ist außerdem in Bayern die außerschulische Jugendarbeit verboten, weshalb die Luise auch die Funktion als Jugendtreff und die Angebote der Jugendhilfe dicht machen musste. Auf die Frage, wie viele geplante Veranstaltungen der Entfall seit Beginn der Pandemie betroffen hat, antwortet Sarah: „Wir haben aufgehört zu zählen. Teilweise hat man die Veranstaltungen ja auch verschoben und dann doch wieder absagen müssen, ich habe da wirklich den Überblick verloren.“ Positiv sieht sie den niedrigschwelligen Zugang zu Kultur und Musik auf Freiflächen, das könnte auch nach Corona noch Zukunft haben, von reinen Livestreamkonzerten hält Sarah aber eher nichts. Neben den Problemen als Veranstaltungsort betrifft die Luise besonders die fehlende Möglichkeit, Jugendliche zu erreichen und Sarah fragt sich auch, welche Auswirkungen eine praktisch „kulturfreie Zeit“ auf Jugendliche haben kann – keine Jugendtreffs, keine Musikveranstaltungen, keine Proben in den Proberäumen der Luise. Für die nähere Zukunft hofft Sarah, dass es im Frühling schnell wieder warm wird, um wieder auf die Außenflächen ausweichen zu können und dass „wir spätestens 2022 zurück in die Normalität gehen können“.

Auch das Kassablanca in Jena ist ähnlich hoffnungsvoll und immer noch motiviert, weiterzumachen. Thomas vom Kassa erzählt, dass sie im Herbst bisher vor allem Veranstaltungen wie Workshops und Kino angeboten haben, das Kassa konnte als Proberaum oder Besprechungsraum mit bis zu 30 Personen gemietet werden, und das wurde auch durch die gute verbaute Lüftungsanlage genutzt. Konzertalternativen wie Sitzkonzerte oder Open Air Konzerte wurden bewusst gar nicht angeboten und das Augenmerkt eher auf andere Veranstaltungen gelegt – „wenn sich abzeichnet, dass das nächstes Jahr bis in den Sommer rein dauert, dann werden wir darüber nachdenken, Livemusik so ab April, Mai, wieder anzubieten“, erklärt Thomas. Normalerweise bietet das Kassa bis zu 400 Veranstaltungen im Jahr an, die meisten davon Richtung Konzerte, die jetzt natürlich alle weggefallen sind. 2019 waren es beispielsweise über 60.000 Gäste, deren Eintrittsgeld merklich fehlen. Das Kassa hat das Glück, eng mit der Stadt Jena zusammenzuarbeiten – aber in den Verhandlungen um die Förderungen für das Jahr 2021 sieht es aktuell schon nach drastischen Finanzkürzungen von etwa 20% aus, „und das wird haarig. Aber das betrifft natürlich auch viele andere freie Träger, die Personalkosten haben“. Diese Kürzungen müssten wohl oder übel auf die Gehälter der Mitarbeitenden abgewälzt werden – was bei Einrichtungen des öffentlichen Dienstes nicht der Fall ist. Die Mitarbeiter des Kassas sind aktuell in Kurzarbeit, wenn der Lockdown wieder aufgehoben wird, müssten die Mitarbeitenden wieder aus der Kurzarbeit raus, was wiederum eine größere finanzielle Belastung darstellt, auch weil überhaupt unklar ist, wie das generelle Interesse an Veranstaltungen sein wird. „Es ist immer selbstverständlich, dass es Kultur gibt. Es ist immer selbstverständlich, dass wir uns freiwillig ausbeuten“, merkt Thomas an.

Bezüglich der Hilfsangebote hat das Kassa durch die Unterstützung der Stadt Jena gar keinen Anspruch auf weitergehende Förderungen, weil die Finanzen für 2020 soweit ja mehr oder weniger abgesichert waren. „Was jetzt 2021 passiert, werden wir sehen“, merkt er an. Andere Clubs in Jena hat es da noch etwas drastischer getroffen. Vereine, die ehrenamtlich organisiert sind und nicht als gemeinnützig gelten, haben bspw. gar keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung, aber natürlich trotzdem laufende Kosten, das betrifft in Jena das Cosmic Dawn und den Med Club. „Die Kultureinrichtungen werden die letzten sein, die zurückkommen“, wiederholt Thomas seine Prognose von März. „Wir haben da auch eine große Verantwortung. Bei uns sind einfach viele Menschen, viel Euphorie und das was wir anbieten, das geht nur mit hundertprozentiger Ausgelassenheit“. Thomas sieht die Situation nicht so, dass die Kultur von der Politik vergessen wird, „aber die Pakete passen nicht. Die Informationen erreichen die Politik nicht. Es gibt zu wenig Gespräche darüber und dafür fehlt halt der starke Lobbyverband, der die Punkte klarmacht. Es wird viel für erhaltene Kultur wie Philharmonien, Museen, Theater oder Opern getan, und die Pop- und Subkultur vergessen."

Wie Philip vom Franz Mehlhose es treffend formuliert hat: „Musik, Kunst und Kultur, das wird es immer geben und das wird auch immer irgendwie jemand machen“ – wichtig ist halt, dass die, die es aktuell machen, nicht alleine gelassen werden und es nicht notwendig wird, viel Profit aus der Kultur rauszuschlagen, um überleben zu können. Deshalb braucht es dringend vernünftige Konzepte und vernünftige Unterstützung für die ganze Szene, bei der alle beachtet werden.