Interview mit Razz: „Es hat den Mood geboostet, endlich wieder live spielen zu können“

Kurz nach der Tour und kurz vor Release des neuen Albums „Everything You Will Ever Need“ spricht Niklas von Razz über das Ost-West-Gefälle ihres Publikums, Sinnkrisen in der Corona-Krise und 18-Stunden-Tage beim Kurzfilmdreh.
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Niklas, Gitarrist und Sänger von Razz, geht es gut. Auch wenn er es nicht erwartet hätte, nach der ersten Tour seit Corona: „Wenn man von so langen Trips oder auch Touren kommt, hat man das manchmal, dass man in so ein Tourloch fällt. Das habe ich jetzt Gott sei Dank nicht gehabt. Wir haben jetzt Ende Mai, Anfang Juni so zwei bis drei Wochen am Stück gespielt und auch endlich wieder Clubshows. Das war supergut besucht, teilweise sogar ausverkauft.“

Die Euphorie, endlich wieder das tun zu können, was sie als Band am liebsten tun, ist bemerkbar: „Ich hatte das Gefühl, dass ich ein bisschen vergessen habe, wie Livespielen auch ist. Alle, von uns bis zur Crew, waren so: Das ist jetzt schon verdammt lang her. Aber es war so gut. Es hat den Mood geboostet, endlich wieder live spielen zu können.“ Auch eine interessante Beobachtung konnte Niklas auf der Tour nochmal bestätigen: Obwohl die mittlerweile in Berlin ansässige Band ursprünglich aus dem Emsland im tiefsten Westen der Bundesrepublik stammt, kommen sie besonders gut in Ostdeutschland an: „Schon als wir unsere erste Tour gespielt haben, waren Dresden und Leipzig immer relativ groß und die Leute hatten halt Bock. Wir haben so ein kleines Nord-Süd-Gefälle und anscheinend auch ein Ost-West-Gefälle.“

Die Pandemie war eine schwierige Zeit für Razz, die in ihrem Tatendrang jäh ausgebremst wurde: „Während Corona sind wir in so eine Sinneskrise gekommen: Wir machen gerade für Nichts Musik und alles verpufft“, beschreibt Niklas die Stimmung in der Band. Als Lebenszeichen erschien 2021 dann die EP „Might Delete Later“. Auf der Suche nach einem neuen Sound fanden sie mit Fabian Langer und Dennis Borger zusammen, die nicht nur die EP, sondern auch das neue Album „Everything You Will Ever Need“ produzierten. Weniger garagig und mit zeitgemäßem Pop flirtend wirken diese beiden, fast parallel entstandenen, Veröffentlichungen gereift und ambitioniert.

Ambitioniert ist auch die visuelle Umsetzung der Songs: Gemeinsam mit Jen Krause entstanden vier zusammenhängende Kurzfilme zu den vorab veröffentlichten Singles. Die introspektiven Lyrics von „Everything You Will Ever Need“ spiegeln sich in deren Protagonist:innen, die alle mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben. Ihre Fluchtwege laufen schließlich alle in einem Bistro zusammen, das mit seiner zeitlos-nostalgischen Einrichtung an die Handlungsorte von Serien wie „Riverdale“ oder „I Am Not Okay With This“ erinnert.

Der Wunsch dieses Gefühl zu vermitteln spielte tatsächlich eine große Rolle im Produktionsprozess, an dem die Bandmitglieder sich aktiv beteiligten: „So ein Kurzfilm ist extrem aufwendig und wir haben uns da in unserer naiven Leichtigkeit so ein bisschen übernommen. Dementsprechend mussten wir an allen Ecken und Enden auch helfen“, erzählt Niklas. Das begann schon in der Vorproduktion: „Wir haben Mitte Oktober die Idee gehabt und dann hatte Jen Lust, aber wirklich nur Oktober, November, Dezember frei. Von daher haben wir uns nur eine Woche später mit ihr zusammengefunden, direkt Konzepte ausgearbeitet und dann ging es los in die Feinarbeit. Locations suchen, welche Schauspieler:innen nehmen wir? Wir haben alle möglichen Locations abgesucht. Es sind bestimmt so drei Wochen draufgegangen, um alle beieinander zu haben.“

Der eigentliche Dreh ging verglichen dazu sehr schnell: „Drei Videos in drei oder vier Tagen. Das waren auch Minimum 18-Stunden-Tage. Also Gott sei Dank nicht für alle Schauspieler*innen, aber zumindest für Jen, die Crew und uns. Danach waren alle erstmal für ein paar Tage raus.“ Auf das Ergebnis ist die Band allerdings sehr stolz. Statt dem Image oder der Selbstdarstellung zu dienen, sollten die Kurzfilme mit den Songs interagieren, deren Themen aufnehmen und verstärken, ohne sie an die Bilder zu ketten. „Wir haben da auch so ein bisschen Interpretationsspielraum gelassen, glaube ich. Obwohl das in unseren Köpfen relativ geschlossen war.“

Am wichtigsten bleibt aber die Interaktion mit den neuen Songs auf der Live-Bühne: „Wir haben auf der Tour auch neue Songs gespielt. Da habe ich das erste Mal wieder verstanden, warum wir eigentlich angefangen haben, Musik auf der Bühne zu machen und das mit den Leuten zu feiern.“