Zeal & Ardor und „Live In London“: Perfektion durch Authentizität

Nachdem bereits die beiden Studio-Alben „Devil Is Fine“ und „Stranger Fruit“ wie Kometen in die Musik-Landschaft einschlugen, wartet Manuel Gagneux nun mit einem Live-Album seines irrwitzigen Genre-Spagats auf.
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Internationale Kritiker lobten das Phänomen Zeal & Ardor in den höchsten Tönen und auch unsere Redaktion scheint Gagneux‘ Bann zu erliegen. Während „Devil Is Fine“ noch zu ungläubigem Kopfschütteln führte, hat man sich mittlerweile an die abstruse Genre-Mixtur aus Blues, Gospel und Black Metal gewöhnt. Was auf dem Debüt-Album noch nach einer spannenden Idee klang, wurde auf „Stranger Fruit“ derart perfektioniert, dass Zeal & Ardor ungeahnte Aufmerksamkeit generierte. Bei „Live In London“ handelt es sich nun um ein umfangreiches Live-Album, das während der Headliner-Tour Anfang Dezember 2018 aufgezeichnet wurde. Mit 22 Songs und 80 Minuten Spielzeit wurden die Fans in London an diesem Sonntagabend beschallt. Wer in ebendiesen Genuss kommen möchte, sollte für genügend Zeit und die Möglichkeit sorgen, die Anlage voll aufdrehen zu können.

Zu Beginn wird die Geduld der Hörerschaft gute drei Minuten auf die Probe gestellt, bis schließlich die düsteren Beschwörungsformeln von „In Ashes“ erklingen. Während der ersten Songs wird bereits deutlich, wie sich der Klang der Musik während der Live-Performance verändert. Der Gesang, der auf den beiden genannten Alben ohnehin schon magisch wirkte, rückt noch weiter ins Zentrum der Songs. Gagneux‘ Gesang wirkt weitaus mächtiger, roher und aufwühlender, als jemals zuvor. Was das letzte Studio-Album durch Mikrofon-Simulation an Authentizität einbüßen musste, wird hier in vielfacher Form wieder gut gemacht. Während vor allem die Soul- und Blues-Parts jetzt ungeheuer emotional und ehrlich klingen, wird durch die Scream- und Metal-Passagen eine unbändige Energie freigesetzt, die in „Stranger Fruit“ besonders vereinnahmend, wild und gewaltig klingt. „Row Row“ und „Blood River“ sind ebenfalls eindrucksvolle Beispiele dafür, dass die Symbiose aus Metal, Gospel und Blues auch live erstaunlich gut funktioniert.

Die Setlist besteht größtenteils aus dem jüngsten Album, was allerdings nur logisch wirkt, betrachtet man den großen Sprung, den Gagneux zwischen seinen ersten beiden Veröffentlichungen vollbracht hat. Die Anordnung der Titel generiert ein stetiges An- und Abschwellen des Tempos und der Intensität, sodass die Stimmung während des gesamten Auftritts ähnlich hochbleibt. Die Zugaben „Don’t You Dare“ und „Devil Is Fine“ krönen das Gesamtwerk und übertreffen sogar noch das bisher Gehörte. Das Publikum wird deutlich hörbar und stimmt in das rituell anmutende Mantra mit ein. „Baphomet“ ist der gebührende Abschluss dieses gewaltigen Spektakels und bleibt mit wütenden Rufen und einem dröhnenden Bass nachhaltig im Gedächtnis. Neben „We Never Fall“, „Hold Your Head Low“ und „Cut Me“ ist „Baphomet“ einer von vier bisher nicht auf einer Platte veröffentlichten Songs, die allesamt das Verlangen nach einem dritten Studio-Album befeuern. Fremdartiges Keifen, das unvermittelt an die Durchführung eines Exorzismus erinnert, herzzerreißend schöne Soul-Klänge, pointierte Scream-Parts und bedrohlich schnelle Black-Metal Gewitter bereiten schon jetzt Vorfreude auf das, was uns hoffentlich bald bevorsteht.

Fazit

8.6
Wertung

Der kometenhafte Aufstieg von Zeal & Ardor bleibt bemerkenswert und bisher ungestört. Selbst in der Live-Performance überzeugt das Konzept, der Klang und die eigentümliche Atmosphäre der Genre-Kreuzung. Sowohl die vier neuen Songs als auch der ungeheuer authentische Gesang hinterlassen bei mir Gänsehaut und bieten den ultimativen Anreiz, um sich das Live-Album neben die beiden ersten Platten ins Regal zu stellen. Hier werden bekannte Songs nicht bloß aufgewärmt, sondern in ein gewaltiges, perfekt unperfektes Gewand gesteckt.

Sarah Ebert