Woes und „Awful Truth“ - Zumindest Punk

Sind wir schon soweit? Dass wir Pop-Punk Bands dafür loben, dass ihre Songs auch Punk enthalten? Anscheinend schon. Dieser schafft es nämlich, partiell auftretende Langeweile zu kaschieren. So geschehen auf der Debütplatte „Awful Truth“ von Woes.

Im Grunde stoßen sich die beiden Genres Pop und Punk doch ab, oder etwa nicht? Der Punk, der sich inhaltlich am Establishment abarbeitet, es in Frage stellt und am liebsten abschaffen möchte. Auf der anderen Seite der Pop, weich, sanft, für Ohr und Gemüt. Natürlich ist das beinahe unerträglich herunter gebrochen, aber auch nicht ganz falsch. Jedoch fand man dann heraus, dass die harten E-Gitarren, Bässe, das blecherne Schlagzeug und der melodiöse Gesang eine gute Kombination abgeben und der Pop-Punk war geboren. Seitdem gibt es immer vermehrt Vertreter, die den Punk nach kurzer Zeit links liegen lassen und sich mehr und mehr dem Pop zuwenden. Bei Woes geschieht das schon auf dem Debütalbum und da nichtmal auf die gute Weise. Nun wäre es vermessen zu sagen, dass das per sé schlecht ist. Ist natürlich Schwachsinn. Aber wieviel Pop verträgt so ein Pop-Punk-Album denn überhaupt? Selbstverständlich gibt es dafür keine Formel, da kommt es voll und ganz auf die Band an und wie sie sich auf der Platte präsentiert.

Der Einstieg weiß schonmal zu begeistern. „Boy“ ist das nicht mal zwei Minuten lange Intro, welches in blink-scher Manier das Album einleitet. Blink-182-Vergleiche sind bei Pop-Punk-Alben eigentlich vollkommen langweilig, aber Fakt ist, dass die ganze Art von „Boys“ schon so sehr nach Matt Skiba klingt, es schreit förmlich nach dem Vergleich. Weiter geht es mit „Fake Friends“, welches sich bestimmt hervorragend in der Box bei der Sommerparty im heimischen Kaff macht, aber in erster Linie bremst es das vorneweg gegebene Tempo aus. Das ist auch schon das große Problem von „Awful Truth“: Fehlende Beständigkeit. Das Album ist aus vielen Teilen zusammengewürfelt, die nicht so recht zusammenpassen möchten. „Fancy“ allerdings schafft sofort wieder den Ausbruch. Denn trotz seines eigentlich eher ruhigen Stils, bricht der Song mit den selbst gegebenen Versprechen und wird in den Instrumentals in Bridge und Chorus erstaunlich hart. Das ist richtig gut und erinnert an Goodfella aus den USA. Die haben 2017 mit ihrem „Don’t Blink“ ein kleines Paradestück des härteren Pop-Punk gestaltet. Trotz immer wiederkehrender Härte will sich „Awful Truth“ nicht so recht in den Vordergrund drängen. Die Tracks verschwimmen mit zunehmender Länge des Albums zu einem warmen Rauschen. Das klingt jetzt ein wenig nach Langeweile, ist es leider auch. „Cross“ gewinnt für seinen Ausflug in den „Rap“ einen Preis für Originalität. Obwohl man schon die Frage stellen muss, wozu braucht ihr denn bitte Auto-Tune? Ist es im Jahre 2019 verboten ein Album ohne mindestens eine Auto-Tune Line aufzunehmen? Dieses Urteil hat „Cross“ aber eigentlich nicht verdient. Es ist lediglich der richtige Track an der falschen Stelle. Auf einem anderen Album würde „Cross“ vielleicht sogar kleine Begeisterungsstürme auslösen, hier wirkt er eher wie ein Fremdkörper.

Das Beste kommt zum Schluss. Denn „Gone Forever“ reißt dann wirklich aus seinen Gefilden aus und bringt instrumental noch mal eine viel härtere Note mit, beinahe geht das schon Richtung Metal. Das holt dann jeden aus dem Trott, den das Album verursacht.

Nun werden diese harten Worte dem Album nicht ganz gerecht, denn es ist weit davon entfernt, schlecht zu sein. Aber Fakt ist, es ist nicht sehr spannend, die wenigen Ausreißer werden von etwas überspielt, was man wohl als aufgeregtem Einheitsbrei bezeichnen kann. Selten schaffen es Tracks herauszustechen, und eines der wenigen Male war dann auch noch negativ. „Awful Truth“ ist als Debüt ganz nett und teasert schonmal an, dass da vielleicht mehr ist, aber für den Anfang ist das etwas zu wenig, wenn auch sehr punkig.

Fazit

5.8
Wertung

Ein bisschen klingen wie Blink, toll singen, das reicht einfach nicht. Es sind gewiss Ansätze da, aber das kann noch nicht alles sein.

Moritz Zelkowicz
7.2
Wertung

Woes machen Pop-Punk, der dem perfekt abgestimmten Eistee bei Sommerhitze gleicht, der alles hat, wonach sich der Gaumen in just diesem Moment sehnt. Kann aber auch sein, dass das Gelüst ruckzuck verfliegt und man lieber 'ne kühle Limo will. Die Auswahl an Alternativen ist groß und jede bietet irgendwas besonderes. Woes Album "Awful Truth" fällt durch extra Kohlensäure auf und kombiniert Elemente auf ganz verspielte Art und Weise, sodass der Wiedererkennungswert allemal gegeben ist. Besser als Coca Cola? Auf jeden Fall.

Merten Mederacke