Viagra Boys und “Common Sense”: Es kommt nicht auf die Länge an

Viagra Boys schaffen es, trotz gerade mal einer knappen Viertelstunde Stehvermögen, auf ihrer neuen EP einen irrwitzigen Ritt durch gewohnt krude Klangwelten auf die Beine zu stellen.
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“Common Sense” ist die mittlerweile dritte EP der schwedischen Band Viagra Boys und das erste Lebenszeichen seit dem Debüt-Langspieler “Street Worms”. Die vier Tracks des Releases zeigen eindrucksvoll, was für eine explosive Mischung sich ergeben kann, wenn man detailverliebte Präzisionsarbeit und naiv verspielte Punk-Attitüde aufeinander loslässt. “Common Sense” ist im Kern ein großes musikalisches Überraschungsei, bei dem man sich nach jeder Wendung und Drehung fragt: Womit kommen sie als nächstes um die Ecke? Wild quietschende Trompeten über einer sphärischen Gitarre-Bass-Kombo? Klar, warum nicht. Unwirkliche Vocals, die apathisch irgendwas von Gummi-Booten und Fentanyl daher stammeln? Sicher, auch das.

Die Unvorhersehbarkeit der EP ist ihre größte Stärke, weshalb die geringe Lauflänge von nur 15 Minuten auch gar nicht weiter tragisch ist. Die musikalische Dichte der Songs verlängert die Halbwertszeit ungemein, weil man bei jedem weiteren Hördurchgang wieder irgendwo eine charmante Sonderbarkeit entdeckt. Sei es die ungewöhnliche Instrumentierung, die neben den üblichen Verdächtigen eben auch mal eine Trompete, ein Saxophon oder die ein oder andere Bongo beinhaltet, oder die herrlich weirden Lyrics, die mehr als einmal die Mundwinkel in Richtung Nase zucken lassen, “Common Sense” offenbart große Liebe zum Detail und viel verschrobenen Humor. Der Name der EP kann so bereits an sich als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden, dass das hier mit rationalem Verstand nicht wirklich erklärbar sein wird.

“We were sittin ’round on the couch / We were making words with our mouths” fungiert unterdessen als ziemlich akkurate Beschreibung dessen, was auf textlicher Ebene bei Viagra Boys passiert. Wobei das Wort “passiert” hier im Gegensatz zu vielen Songzeilen ganz bewusst gewählt wurde, denn ein wirklich sinnhaftes Narrativ sucht man vergebens. Stattdessen bestehen die Texte eher aus hypnotischen Aus- und Zwischenrufen, die die instabile Stimmung der Musik widerspiegeln. Es wäre vermutlich auch unangebracht, eine geradlinige Geschichte über solch verschwurbelte musikalische Basis zu singen.

Fazit

7.1
Wertung

“Common Sense” ist eine auf vier Songs verdichtete Reise durch die kreative Hyperaktivität der Viagra Boys. Überall sprudeln absurde Ideen hervor, so viele gar, dass sie sich gegenseitig absorbieren, ineinander aufgehen und sich wie durch Zufall zu einer einzigen genialen Komposition zusammenfügen.

Kai Weingärtner
4.9
Wertung

Die Vocals und Instrumentals sind wie ineinander verknotet und nicht lösbar. Kontinuität und harmonische Klänge sind hier eher fehl am Platz. Das Endergebnis ist dann eine Reise ins Nirgendwo, ohne wirkliche Ziele oder Zwischenstopps.

Paula Thode