Viagra Boys und „Welfare Jazz“: Passt das Pferd noch, Honey?

Die zweite Platte des schwedischen Sextetts Viagra Boys bietet saloonfähigen Post-Punk mit Yeehaa!-Attitüde. Außerdem geht es um Hunde, Meerestiere und die Liebe.
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„I ain’t nice!“ bellt Leadsänger Sebastian Murphy zu Beginn von „Welfare Jazz“. Man mag es ihm glauben. Nicht nur wegen der polternden Bassline, den schrillen Synths und dem quäkenden Saxophon, auch droht Murphy seiner Geliebten im Song mit dem sofortigem Ende der Beziehung, falls diese sich weigern sollte, seine Kollektion an Vintage-Taschenrechnern bei sich aufzunehmen. Gar nicht nett. Und irgendwie auch ziemlich absurd.

Diese beiden Attribute beschreiben die Viagra Boys ohnehin ganz gut. Bereits auf ihrem Debüt „Street Worms“ gebarten sie sich in der Pose der hypermaskulinen Machos, als Pimps, Rednecks und Schrottsammler, der Abschaum der Gesellschaft, gekleidet in matschverschmierte Post-Punk-Fetzen. „Welfare Jazz“ macht nun gleich eine ganze Geschichte daraus. Der Protagonist ist dieses Mal ein prolliger John-Wayne-Verschnitt – ein einsamer Cowboy, der keine Frau braucht, die ihm sagt, was er zu tun und zu lassen hat: „I don't need no woman tellin' me / When to go bed and when to brush my teeth“ skandiert er auf „Toad“, in der Manier des abgehalfterten weißen Bluesmanns, der gerne so sein würde wie Muddy Waters, aber sich doch nur der Lächerlichkeit preisgibt. So kommt es, wie es kommen muss. Die Dame ist weg und dem Herrn bleibt nur noch der Hund zum Reden, zu hören auf „This Old Dog“. In „Into The Sun“ kommt er dann scheinbar geläutert wieder angekrochen und gelobt Besserung: “I'd stop all my rambling / And playing around / I'd stop drinking and gambling / To earn back your love“. Es wirkt wenig überzeugend.

Mit „Creatures“ erfolgt erstmals ein Bruch im Narrativ. Das new-wavige Stück Synth-Pop handelt von den Ausgestoßenen der Gesellschaft, den Kreaturen, die am Boden des Ozeans herumwuseln, auf der Suche nach Alt-Metall und Flaschen. In ähnlicher Manier ist auch der Schrott-Disco-Banger „Girls & Boys“ konzipiert, in dem entgegen aller Erwartung auch das Großthema Hunde – „the only real friends that I’ve got“ – und Shrimps – „Abluhblublublubluhblubuhbub“ (Original Lyrics, unverändert) – verhandelt werden.

Und zum Schluss gibt es dann sogar doch noch ein Happy End für den einsamen Cowboy. Zusammen mit Amy Taylor von Amyl and the Sniffers besingt er in der rotzigen Country-Ballade „In Spite Of Ourselves“ eine gemeinsame Zukunft: „She's my baby, I'm her honey / I'm never gonna let her go“. Es gibt also noch Hoffnung, auch für den dreckigsten Straßenköter.

Fazit

7.5
Wertung

Viagra Boys sind die Pub-Alternative für Idles-Fans. Was genau auf "Welfare Jazz" nun feinfühlig gezeichnete Satire oder stumpfes Trollen ist, darüber könnte man ganze Seminararbeiten schreiben. Muss man aber nicht. Mit ihrer verspielten, teils völlig absurden Interpretation von Post-Punk haben Viagra Boys einen unverkennbaren Stil geschaffen, den man - wie einen langjährigen Partner - mit allen Ecken und Kanten annehmen sollte.

Felix ten Thoren
7
Wertung

Gewohnt gaga geben sich die Schweden auf ihrem zweiten Album. In einem wilden Mix aus lakonischen Post-Punk-Rhythmen, undefinierbaren Noise-Ausbrüchen und irrwitzigen Saxophoneinlagen entwickelt sich der Protagonist über die 13 Tracks der Platte vom misogyn angehauchten Macho zum rosarotbebrillten Hausmann. Dabei strotzt jede Zeile vor Ironie und Zynismus. Ein sehr gelungenes Follow-Up zu "Street Worms".

Kai Weingärtner