The Real McKenzies und „Beer and Loathing“: Weil Festival ein Mindset ist

Konzerte sind abgesagt. Festivals sind abgesagt. Ceilidh, die traditionellen schottischen Tanzveranstaltungen, sind auch abgesagt. Aber irgendwo zwischen Gaelic Folk, Punk und Hard Rock feiern The Real McKenzies weiter ihre Party.
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Dass dieses Album in einem Jahr veröffentlicht wird, in dem keine Festivals stattfinden, ist eine Ironie des Schicksals. Denn genau auf deren Bühnen gehören The Real McKenzies und ihre Songs, von denen „Beer and Loathing“ 12 neue enthält. Auch nach zehn Alben haben die bekennenden Kiltträger noch Lust auf Whisky und Pogo.

Trotzdem beginnt das Album eher besinnlich mit dem Instrumental „A Widow’s Watch“, das mit Dudelsack und anschwellenden Trommeln Highland-Romantik ausstrahlt. Auch das folgende „Overtoun Bridge“ animiert im Dreivierteltakt eher zum Schunkeln als zum Tanzen. Insgesamt ist die erste Hälfte des Albums folkiger und enthält mit „Cock Up Your Beaver“ sogar ein mit Flöten vertontes Gedicht des schottischen Nationaldichters Robert Burns. Dass der Songtitel als derber Witz über Geschlechtsorgane missverstanden werden kann, mag vielleicht auch ein Grund gewesen sein, diesen Song aufzunehmen.

Der Versuch, im Titeltrack „Beer and Loathing“ die Brücke zwischen dieser und der lauteren, rockigeren zweiten Hälfte des Albums zu schlagen, resultiert in einer merkwürdigen Start-Stop-Struktur, die den Song trotz eingängigem Refrain zu einem der schwächsten des Albums macht. Die zweite Hälfte pendelt zwischen treibendem Folk-Punk wie bei „Nary Do Gooder“, der das Zeug zur Live-Hymne hat („This is your weekend, but this is my life“) und Songs wie „36 Barrels“, die mit ihren Hard-Rock-artigen Gitarren auch von den frühen Judas Priest stammen könnten. „The Ballad Of Cpl. Hornburg“, wo Dudelsäcke auf 80er-Jahre-Riffs treffen, zeigt, dass die McKenzies durchaus beides auch in einem Song können.


 

Leider fällt es gerade in diesen kraftvollen Songs auf, wenn die Stimme von Paul McKenzie nicht mehr mithalten kann. In „Death Of The Winnipeg Scene“ kann man geradezu hören, welche Töne er eigentlich erreichen wollte, es aber nicht schafft. Nach fast 30 Jahren als einziges ständiges Mitglied der Band und wahrscheinlich massig Whisky ist das zwar verständlich, aber dennoch stört McKenzies fehlender Ausdruck. Vielleicht ist das Album auch deswegen von zwei Instrumentals eingerahmt. Im Gegensatz zu „A Widow’s Watch“ ist „A Seafarer’s Return“ vom schnellem Drumming der zweiten Albumhälfte geprägt und lässt den Dudelsack von einer E-Gitarre doppeln. Das macht Spaß, wirkt allerdings nicht wie ein Outro und endet sehr abrupt. Aber danach schenkt man sich eben noch einen Whisky ein, drückt auf Repeat und feiert einfach weiter, so wie es die Real McKenzies auch machen.

Fazit

6.2
Wertung

Solider Folk-Punk mit einigen spannenden Ideen. Müsste man aber eigentlich live und nach ein paar Bier erleben.

Steffen Schindler