Iron Maiden und "Senjutsu": Der Nächste, bitte!

Wie bitte? Sechs Jahre ist das letzte Album von Iron Maiden schon wieder alt? Das fühlte sich aufgrund zweier Live-Alben keineswegs so an. Mit "Senjutsu" bringen die Herren um Frontmann Bruce Dickinson Studioalbum Nummer SIEBZEHN auf den Markt. Aber ist das noch mehr als bloße Routine?
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Es ist die große Frage, die gefühlt jedes der letzten Studioalben von Iron Maiden begleitet hat: Ist es nun vielleicht wirklich das Allerletzte? Dieser Ausdruck ist natürlich rein auf die Anzahl der Alben bezogen und keineswegs auf die Qualität. Denn wer 36 Jahre nach Release seines Debütalbums sein sechzehntes Studioalbum wochenlang auf Platz eins jeglicher Charts (32 Wochen in Deutschland) platziert, kann keineswegs das Allerletzte sein. Und so liegt auch bei "Senjutsu" diese gewaltige Unbekannte wie ein unsichtbarer Samurai-Umhang um Eddies Schultern, der uns mit gewohnt abstoßender Visage vom Cover des nun siebzehnten Albums anstarrt. Eddie war bereits Kampfpilot, Zwangsinhaftierter, verewigter Pharao, mehrfach Soldat oder eine Unwetterfront wie auf dem Cover von "Brave New World". Dennoch fällt Iron Maiden immer wieder etwas ein, ihr Maskottchen "Edward The Head" angsteinflößend in Szene zu setzen. Eine Tradition, die seit der ersten Platte namens "Iron Maiden" aus dem Jahr 1980 Bestand hat. Und auch 41 Jahre nach diesem 14. April 1980 fragt sich die Musikwelt einmal mehr: War es das jetzt wirklich?

Es ist zugegebenermaßen eine schwierige Vorstellung, in einer Welt ohne Iron Maiden zu leben. Viele von uns kennen nicht einmal eine Zeit ohne diese Band, für die Generation über uns hängen die ersten Erfahrungen mit Heavy Metal im Jugendalter oft zwangsläufig an Erinnerungen mit Iron Maiden. Und irgendwann wird der Tag kommen, an dem Jugendliche zu einer Band finden werden, die es dann nicht mehr gibt. Diese Jugendlichen werden dann an den Lippen ihrer Mütter und Väter hängen, die von spektakulären Konzerten voller über der Bühne fliegender Kampfflugzeuge, Verkleidungen, Themenwelten, ekstatisch eskalierender Menschenmassen und auch immer wieder von einem auftretenden Maskottchen Eddie erzählen werden. Die zweite und unmittelbar damit zusammenhängende Frage ist die, welchen Eindruck "Senjutsu", falls es denn nun das letzte Album sein sollte, diesen Kids hinterlassen würde. 

Die Antwort auf diese Frage definiert sich in der Praxis wie so oft nicht ganz einfach. "Senjutsu" darf die Fans und Kritiker der Legenden aus Großbritannien durchaus in zwei Lager spalten. Zum einen wird sich eine Fraktion finden, denen die immer öfter auf Alben der Band zu findenden Titellängen jenseits der zehn Minuten schlichtweg zu lang sind. Von diesen "Kalibern" befinden sich auch auf "Senjutsu" drei Stück, "The Parchment" gipfelt bei einer Spieldauer von immerhin zwölf Minuten und 39 Sekunden. Die kürzeste Nummer, "Days Of The Future Past", läuft dagegen nur drei Sekunden länger als schlappe vier Minuten. Die Punkfans unter uns müssen sich da schon gewaltig zusammenreißen, um nicht ungeduldig ins etwa sieben Minuten lange "The Time Machine" zu skippen, wo dann die Hölle erst so richtig losbricht, denn kürzer wird es auf dem Rest der Platte nicht. Iron Maiden hatten schon auf den letzten Alben oft einen Hang zur Überlänge, immerhin wollen drei Gitarristen ihre Soli platziert haben. Die Band profitiert aber fraglos ebenso davon, dass es nach wie vor unheimlich viel Spaß macht, diesen überlangen Stücken zu lauschen. Eine weitere Wendung hier, ein gefühlt zehntes ausgefeiltes Solo dort. Auch wenn die eine oder andere Stelle für Viele unnötig in die Länge gezogen klingen mag, gibt es weltweit Millionen von Fans, die sich über viele Jahre nach jeder einzelnen Sekunde dieses Albums gesehnt haben.

Eine weitere Fraktion wird sich, wie bei ausnahmslos jedem Album auf diesem Planeten, an der Musik an sich zu schaffen machen. Iron Maiden haben Glück: Aus dem eben genannten Grund mit der 365/24/7 notenhungrigen und gewaltigen Anhängerschaft auf der gesamten Erde könnte die Band wahrscheinlich mittlerweile veröffentlichen was sie möchte (zum Beispiel Heino covern, die Excrementory Grindfuckers covern oder Bruce Dickinson im für ihn einzigartigen Singsang mit einem wohl unerträglichen Akzent "Kabale und Liebe" in deutscher Sprache vorlesen lassen und auf Sechsfach-Vinyl pressen): Die Fans würden es kaufen. Sie kaufen es, sie feiern es und sie kämen trotzdem noch auf die Konzerte der Band, so lange diese noch stattfinden. "Senjutsu" besteht jedoch (GOTT SEI DANK) aus mehr oder weniger gewohnten Klängen von Iron Maiden, welche "nur" dadurch auffällig werden, dass sie durch vermehrt eingesetzte Keyboards manchmal irgendwie nach Soundtrack klingen und dass der gesamten Platte ein typischer und sich wiederholender waschechter Refrain fehlt (Ausnahme "The Writing On The Wall", der jedoch auch nicht alle genannten Kriterien erfüllen kann), auf den man sich im Publikum jede Sekunde der Strophe freut, um ihn endlich in die Welt zu schreien. Es sind wirklich die am einfachsten hergeholten Beispiele, aber vor allem im Punkt Mitbrüllatmosphäre kommen diese Nummern nicht an "Run To The Hills" oder "2 Minutes Two Midnight" heran. Wem das zu einfach und zu arm an Recherche war: Für "Aces High", "The Evil That Men Do" oder "Blood Brothers" gilt das genauso. Das sind allesamt Songs, die live dargeboten zur absoluten Eskalation von Santiago de Chile bis nach Helsinki führen. Insgesamt nehmen Iron Maiden auf diesem Werk das Tempo etwas heraus und widmen sich den Melodien und den Gitarren, aus welchen diese größtenteils in gewohnter Manier bestehen. Bruce Dickinson regelt, wenn auch nicht mehr ganz so unbearbeitet wie früher, mit seiner Stimme den Rest.

Was bleibt als Fazit zu "Senjutsu" also zu sagen? Nun ja, solltet ihr in irgendeiner Form (Guitar Hero, Titel im Musikunterricht oder -Studium analysieren etc.) mit "The Parchment" oder "Hell On Earth", welcher übrigens zurecht als die großartigste der neun sowieso schon großartigen Melodien auf diesem Album betitelt werden darf, in Berührung kommen: Lasst es von Anfang an sein. Ansonsten gilt: Up The Irons! Genießt jede Sekunde der Musik einer (noch) existierenden Musik-Legende! Auf dass es noch viele Jahre so bleiben mag und wir uns in vier bis sieben Jahren erneut fragen: War es das jetzt wirklich?

Fazit

7.8
Wertung

Wenige Bands schaffen es, mir so schnell Gänsehaut zu bereiten wie Iron Maiden. Das Gefühl, zum ersten Mal dieses Album zu hören, welches dann mit jedem Durchlauf für mich immer besser klang, möchte ich nicht zum letzten Mal erlebt haben. Es gibt vom Artwork bis zum Inhalt mal wieder viel zu entdecken auf "Senjutsu". Gute Arbeit, die Herren!

Mark Schneider