Imperial State Electric und “Anywhere Loud”: Rock’n’Roll zum Mitnehmen

“Anywhere Loud” muss sich, wie jedes andere Live-Album, der Frage nach der eigenen Daseinsberechtigung stellen. Auf jedes “Alive” kommen schließlich dutzende Veröffentlichungen, die eher nach schneller Geldmacherei als nach authentischer Live-Darbietung klingen.
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Das Retro-Revival der letzten Jahre brandet ab. Langsam trennt sich die Spreu vom Weizen und das Genre schrumpft sich nach zwischenzeitlicher Übersättigung langsam gesund. Imperial State Electric, die Band um Mastermind Nicke Andersson (u.A. The Hellacopters, Entombed), werden wohl definitiv zu den Überlebenden dieses Prozesses gehören. Nach acht Jahren und vier sehr guten Studioalben veröffentlichen die Schweden mit “Anywhere Loud” jetzt ein Live-Album, das mit überragendem Sound und einer großen Songauswahl punkten kann.

“Anywhere Loud” ist nicht wie sonst üblich die physische Veröffentlichung eines einzelnen Live-Konzerts, sondern ein Zusammenschnitt aus drei Konzerten in Madrid, Tokio und Stockholm. Dies fällt aber nicht besonders auf, höchstens wenn Frontman Nicke sich mal auf japanisch beim Publikum bedankt. Ansonsten wirkt der Zusammenschnitt wie ein einzelnes Konzert. Die mit satten 23 Songs angereicherte Setlist bietet einen sehr guten Querschnitt aus allen Werken der Band. Hits wie “Reptile Brain” und “All Through the Night” gehören natürlich zum Standardrepertoire, aber auch sonst sind alle Songs auf “Anywhere Loud” durchgehend stark. Einzig “Break It Down” bleibt als klischeehafte Redneck-Country-Vollbedienung negativ im Gedächtnis.

Wie in vielen anderen Lebensbereichen ist aber auch bei Live-Alben nicht die Länge entscheidend, sondern vielmehr, ob es gelingt, den Vibe des Konzerts (oder wie hier der Konzerte) auf Platte zu bannen. Dies gelingt Tonmeister Ola Ersfjord (Dead Lord, Horisont) mit Bravour. Der Sound klingt ruppig, roh und rotzig, ohne an Transparenz einzubüßen. Alle Instrumente sind stets präsent und das Klangbild wirkt einfach sehr organisch. Die Band ist perfekt eingespielt, Nicke ist bestens bei Stimme und selbst die Backing Vocals sind immer on point und tragen ihren Teil zum sehr authentischen Feeling bei.

Die Frage nach dem Mehrwert der Platte kann durchaus mit einem “Ist definitiv Vorhanden” beantwortet werden. “Anywhere Loud” bannt die Essenz von Imperial State Electric auf Platte und belegt eindrucksvoll, warum Rock’n’Roll eben doch nicht tot ist. Fans der Band greifen ohnehin zu, jeder der sich für klassischen Hardrock interessiert, aber von Imperial State Electric bis dato noch nichts gehört hat, findet hier den perfekten Einstiegspunkt.

Fazit

7.8
Wertung

Imperial State Electric zelebrieren Rockmusik, als hätte es sie die letzten dreißig Jahre nicht gegeben. Wer hier nach Innovation oder Experimenten sucht wird enttäuscht, wer auf sehr guten, erdigen Hardrock steht, bekommt ein authentisches Live-Dokument mit großartigem Sound.

Jonas Mönter