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In Flames und „I, The Mask“: Mit Mühe und Not

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So, 24.02.2019 - 09:29
Was einschlägige Magazine im Vorfeld des neuen Studioalbums künstlich dramatisiert haben, ist realistisch betrachtet kaum einer Nennung wird. Natürlich werden die Schweden um In Flames kein neues „The Jester Race“ aufnehmen. Nach dem umstrittenen „Battles“ sollte das aber auch niemand ernsthaft erwartet haben.

Die Frage lautet doch vielmehr, inwieweit man die zunehmende Kritik der letzten Jahre ernst genommen hat und inwiefern man für eine nachhaltige Kraftumlenkung bereit ist. Zumindest das Cover von „I The Mask“ (ist dieser Titel nun viel- oder nichtssagend?) deutet düstere Klangbilder an und schlägt die Brücke zu den Frühwerken von In Flames. Der „Jester Head“ dominiert als Bandmaskottchen das Artwork. Und während manche sich weiterhin in Spekulationen verlieren, lassen wir die blanken Tatsachen sprechen. Die gelebte Praxis gestaltet sich wie folgt:

„Voices“ ist ein Kraftprotz auf leisen Sohlen, der zunehmend die Nackenmuskulatur beansprucht. Wo andernorts krampfhaft auf die magische 3-Minuten-Grenze Rücksicht genommen wird, schlägt der Opener eine Ehrenrunde nach der nächsten. Bärenstarker Auftakt - sollte mit „I, The Mask“ tatsächlich ein Spagat zwischen konservativer Fanbasis und zukunftsgewandtem Eigenanspruch gelingen? Das in Szenekreisen (zurecht!) überschwänglich gefeierte „I Am Above“ zieht die Zügel weiter an. Mit Sicherheit ein Highlight kommender Tourneen und ein Highlight des künstlerischen Gesamtwerks als solchem. Der Stammplatz zwischen „Only For The Weak“ und „Take This Life“ scheint wie in Stein gemeißelt. Der Titeltrack setzt auf trashiges Tempo gepaart mit der Melodik der Gothenburger Schule, die das heutige Standing der Band maßgeblich begründete. Die vermittelte Energie erreicht die Hörerschaft ohne Übertragungsverluste, was auch und vor allem am prägenden Refrain festgemacht werden kann. Mit der richtigen Auswahl von Repräsentanten steht und fällt eben nicht nur die parlamentarische Demokratie. Nach dem ersten Drittel ist das Feuer entfacht …

… und das Pulver bereits verschossen. Zwar liegen zwischen den vorgenannten Highlights und dem nachfolgenden Material keine Tiefseegräben, doch der Zenit wurde merklich überschritten. Gute Ansätze findet man noch in „Deep Inside“ und „Call My Name“. Für Ersteren lässt sich die Inspirationsquelle im orientalischen Raum vermuten. Untypische Klänge in ein bestehendes Konzept einzubeziehen und zu bemerken, dass es reibungslos funktioniert, macht Freude und Lust auf mehr. Zweiterer offeriert vorzügliche Gitarrenarbeit im poppigen Kontext. Diese hätte ein intensiveres Umfeld verdient gehabt, doch eine kompromisslose Rückbesinnung auf die Anfangstage ist schlichtweg zu viel verlangt. Zählt man „Follow Me“ trotz schändlich vernachlässigtem Potential zur besseren Albumhälfte, so liegt dies am bemerkenswerten Spagat zwischen mediterranen Klängen und der mitschwingenden Schwermut.

Davon abgesehen hört man die jüngsten Kooperationen mit Künstlern der Marke Five Finger Death Punch überdeutlich heraus. Glattgeschliffener Stadionrock, dem es gleichermaßen an Wiedererkennungswert, Format und Ambition mangelt. Mit „All The Pain“, „We Will Remember“ und „In This Life“ bewegt man sich zwischen Powerballaden und Herzschmerzrockern. Dies kann und darf nicht der Anspruch einer derart einflussreichen Formation sein. „This Is Our House“ versucht all jene einzufangen, die am zweiten Festivaltag kaum mehr aufrecht stehen können und für die es nur noch für rudimentäre, teils primitive Sing-A-Longs reicht. Party und In Flames harmonieren, wenn überhaupt nur im Livekontext, nicht aber mit auf Platten gepressten Plattitüden. Das abschließende „Stay With Me“ wäre für jedes Debütalbum ein Achtungserfolg, für das dreizehnte Album von Weltstars hingegen einfach zu wenig.

Manche Alben enttäuschen ihre Hörerschaft, wenn Sie der wie auch immer gearteten Erwartungshaltung nicht standhalten können. „I, The Mask“ hingegen hinterlässt Desillusionierung und opponierende Gemütslagen. Angehende Klassiker liefern sich mit Trittbrettfahrern ein verworrenes Gefecht, dessen Ausgang wohl die langfristige Beprobung aufzeigen wird. Auf diese Weise wird das Säbelrasseln kaum abflachen.