Die Arbeit und „Material“: In kapitalistischer Monotonie

Einen Job zu haben bedeutet in der heutigen Welt, sich vom kapitalistischen System zu einer Gregor-Samsa-ähnlichen Gestalt formen zu lassen, die ihr Leben nur noch für die Arbeit und das Geld lebt. Und mittendrin in dieser Welt steht die Düsseldorfer Post-Punk-Band Die Arbeit.
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Der Bandname allein ist schon recht ironisch, wenn man bedenkt, dass sich die Band mit dem alltäglichen Grauen auseinandersetzt und beleuchtet, wie schnell man sich doch in einer Realität wiederfinden kann, die sich durchgehend mit der Arbeit beschäftigt. Die Band legt den Fokus aber trotzdem auf die Zerstörung dieser „work sleep repeat“-Philosophie. Es gibt sozusagen imaginäre Schläge für die manipulierte Masse. „Material“ dient also auch zum Wachrütteln der Gesellschaft, die beim Gedanken an nicht fertige Berichte oder Fehltage schon beinahe einen Herzinfarkt bekommt. Das Album hat eine gezielte Art von Monotonie. Ein simpler Schlagzeugbeat erzeugt eine Stimmung, die an die monotone Arbeitsweise eines 9-to-5-Business-Menschen erinnert. Der Ausbruch erfolgt dann durch Rock-Elemente.

Wenn Melancholie und Monotonie in Musik aufgearbeitet werden, denkt man meist eher an traurige Trennungssongs als an eine rebellische Ansage gegen die Arbeitergesellschaft. Trotzdem passt diese melancholische Grundstimmung zum Album. Im Song „Leichen“ benutzt die Band den Tod als metaphorisches Äquivalent zum Leben in der Arbeitswelt.

„Neue Arbeit für die Arbeit“, denn je mehr Menschen in dieses System geraten, desto mehr muss Die Arbeit gegen die leicht zu manipulierende Gesellschaft und ihre 9-to-5-Jobs rebellieren. Das Album dreht sich nur um das Thema Arbeit und so musste die Band den Song mit einem zu erwartenden Titel „Im Büro“ zu liefern. Denn die Systemfügung durch die Büroarbeit, wie sie die Band beschreibt, wird zum Alltag. Die Arbeit will aber den Ausbruch aus dem jetzigen Leben. Nach sich selbst und seinen eigenen Prinzipien zu leben muss zum Standard werden.

Dass das Album dann noch „Material“ heißt, es aber im Gegenteil um den Weg aus der materialistischen Welt geht, macht Die Arbeit zu einer außergewöhnlichen Post-Punk-Band. Beim Hören des Albums kann man schnell vergessen, dass es wirklich das Debütalbum der Band ist. Die minimalistische Songstruktur lässt sich sehr gut mit den Punkeinflüssen binden und so entsteht ein Werk, das seiner Zeit vorausschauend ist. Gleichzeitig dazu liefert es auch noch eine Kampfansage an das kapitalistische Arbeitssystem.

Fazit

8.1
Wertung

Mich hat die Monotonie beim ersten Hören nicht zum Nachdenken angeregt, sondern mich im Gegenteil in meinen eigenen inneren Gregor Samsa entführt. Man muss erst spüren, wie es sich anfühlt, um sich dann im Nachhinein damit auseinanderzusetzen. Die Platte hat eine für mich unerwartete Mischung der Elemente zusammengeworfen. Ein Album, das man nicht so schnell vergessen kann.

Paula Thode